15.08.2019 / Ansichten / Seite 8

Schwachstelle gefunden

Proteste in Hongkong

Jörg Kronauer

Die Zahl der Schlachtfelder nimmt zu im eskalierenden Kampf der westlichen Mächte gegen China. Das ökonomische Erstarken der chinesischen Konkurrenz auf den Weltmärkten, die wachsende Attraktivität, die die Kooperation mit dem chinesischen Rivalen für zahlreiche Länder Asiens, Afrikas und Lateinamerikas besitzt, die konsequent gesteigerten Fähigkeiten der Volksrepublik, sich im Notfall auch gegen militärische Angriffe zu verteidigen: Das sind die Ursachen für die hartnäckigen Bemühungen der transatlantischen Achse, Beijing den Durchbruch zur Weltmacht zu verwehren. Der Streit um die »Neue Seidenstraße« richtet sich gegen Chinas wirtschaftliche Expansion, der Konflikt um die Inselchen im Südchinesischen Meer greift die chinesische Verteidigungsfähigkeit an, und zu weiteren außenpolitischen Konflikten kommen Versuche hinzu, den Gegner im Innern zu schwächen: in Tibet, in Xinjiang, nun auch in Hongkong.

Hongkong ist tatsächlich eine Schwachstelle im Gefüge der Volksrepublik. Feindschaft gegenüber der Regierung in Beijing ist in der südchinesischen Metropole ein prägender Faktor, seit sie Ende der 1940er Jahre ihre Bevölkerung durch die Aufnahme fliehender Antikommunisten gut verdreifachte. Die britische Kolonialmacht sorgte bis zu ihrem Abzug 1997 dafür, dass Kommunisten es schwer hatten; die Niederschlagung einer antikolonialen Revolte im Jahr 1967 kostete Dutzende Leben. Die Formel »Ein Land, zwei Systeme«, die London bei seinem Abzug durchsetzen konnte, hat die soziale Mauer um Hongkong unsichtbar zementiert. Dass die vollständige Eingliederung der Stadt in die Volksrepublik, die 2047 erfolgen soll, zu Spannungen führen wird, liegt deshalb nahe. Für Beijing ist das ein ernstes Problem.

Und der Westen? Der pflegt seit je den Brauch, die inneren Probleme seiner Gegner zu befeuern. Ob man dazu – wie einst in Afghanistan und zuletzt in Syrien – Dschihadisten unterstützen muss oder – wie aktuell in Hongkong – angebliche oder tatsächliche bürgerliche Demokraten, ist egal: Man nimmt, was man kriegt. Und so werden im Weißen Haus gegen Beijing kämpfende Hardliner aus Hongkong wie der Medienmogul Jimmy Lai empfangen, während Vorfeldorganisationen der US-Außenpolitik Geld überweisen und US-Diplomaten die Aktivisten vor Ort betreuen. Auch Berlin tut, was es kann: Es gewährt Hongkonger Separatisten, die wegen gewalttätiger Angriffe auf Polizisten angeklagt sind, politisches Asyl. Wozu? Die Wiedereingliederung Hongkongs in die Volksrepublik werden die transatlantischen Mächte zwar nicht verhindern können. Vielleicht aber gelingt es ihnen, ihre ehemalige Kolonie durch stetiges Schüren der Spannungen in einen dauerhaften Unruheherd zu verwandeln: eine entzündete Narbe ihrer Kolonialherrschaft, die Chinas Erstarken erschwert. Strategen der westlichen Machtkämpfe werten dergleichen seit je als Erfolg.

https://www.jungewelt.de/artikel/360832.schwachstelle-gefunden.html