15.08.2019 / Inland / Seite 2

»Wir müssen endlich weg vom Individualverkehr«

Aktivisten blockierten VW-Werk und besetzten Eingangshalle in Wolfsburg. Kritik an Fokus auf Elektromobilität. Ein Gespräch mit Mia Weber*

Gitta Düperthal

Aktivisten der Klimagerechtigkeitsbewegung haben am Dienstag die Gleiszufahrt zum VW-Werk Wolfsburg besetzt und einen mit fabrikneuen Fahrzeugen beladenen Autozug gestoppt (siehe jW vom Mittwoch). Was ist Ihr Anliegen?

Mit unserer Aktion wollen wir auf die verfehlte Klimapolitik aufmerksam machen. Vom VW-Werk verlassen fast täglich Züge mit neu produzierten Autos das Werk. Wir haben die Ausfuhr über mehrere Stunden verhindert. Am Dienstag morgen haben einige von uns zunächst den Zug angehalten. Danach seilten sich vier Aktivistinnen und Aktivisten von der Brücke ab. So konnte der Zug nicht mehr weiterfahren. Dies passierte nach der Methode, die bei den Protesten 2003 gegen den G-8-Gipfel in Evian in der Schweiz angewendet wurde. Damals kam es zu einem schlimmen Unfall eines Kletteraktivisten, der etwa 20 Meter in die Tiefe fiel, nachdem ein Polizist das Seil durchgeschnitten hatte. Damit so etwas nicht wieder geschieht, waren mehrere Personen dort, um die Sicherheit zu gewährleisten – auch unter den Bedingungen einer Räumung durch die Polizei. Weitere haben sich am Zug und an den Gleisen festgekettet, wieder andere haben sie versorgt und unterstützt. Die Kletteraktivistinnen wurden am Nachmittag geräumt, bei den angeketteten Leuten dauerte es bis Mitternacht. Bis Mittwoch mittag war zudem die Eingangshalle von VW besetzt. Insgesamt waren an unserer Aktion etwa 50 Personen beteiligt.

Weshalb haben Sie sich für zivilen Ungehorsam entschieden?

Wenn radikale Aktionsformen gewählt werden, steigt die öffentliche Aufmerksamkeit für ein Thema. So war es auch, als die Debatte um den Kohleausstieg begann und Aktivistinnen und Aktivisten den Hambacher Wald besetzten. Wir wollen die Verkehrswende mit Nachdruck ins Bewusstsein rücken und richten uns dabei gegen VW als einem Hauptplayer der deutschen Automobilindustrie. Wir müssen endlich weg vom Individualverkehr. Was wir brauchen, ist öffentlicher Nahverkehr zum Nulltarif. Zudem sollten Dörfer besser an das Verkehrsnetz angeschlossen und Fahrradstraßen ausgebaut werden. Das Argument, dies sei nicht finanzierbar, ist kein ernsthaftes: Schließlich kostet auch die Infrastruktur für Autos jährlich jede Menge Geld. Wir können uns nicht darauf verlassen, dass die Konzerne oder die Regierenden Lösungen finden. Von klein auf wird uns eingetrichtert zu machen, was uns Staat, Institutionen und Konzerne suggerieren. Jetzt gibt es die Möglichkeit, aus diesem System auszubrechen.

Wie ist die Räumung verlaufen?

Gefährlich war, dass die Polizei sich zuerst die Personen vornahm, die für die Sicherheit der Kletteraktivistinnen verantwortlich waren. Sie wurden teilweise weggeschleift, auch mit Schmerzgriffen und verdrehten Arme. Mehr als acht Stunden verbrachten sie in der Gefangenensammelstelle in Wolfsburg.

Welche Reaktionen gab es seitens des Konzerns?

VW hat den Leuten, die die Eingangshalle besetzt haben, Essen und Trinken angeboten. Eine Anzeige wegen Hausfriedensbruchs stellte der Konzern nicht. Offenbar scheinen ihm Negativschlagzeilen darüber, wie repressiv VW mit Klimaaktivistinnen umgeht, strategisch schlecht ins Bild zu passen. Aktuell setzt VW eher auf Greenwashing mit Elektroautos.

Ist das aus Ihrer Sicht ein Teil der Verkehrswende?

Nein. Der Umstieg auf Elektromobilität würde nur Mengen an Rohstoffen, Arbeitskraft und Geld verzehren, die eigentlich für den Ausbau der öffentlichen Verkehrsmittel benötigt werden. Es ist der Versuch, alles weiter zu machen wie bisher und so wenig wie möglich zu verändern. Wir kritisieren grundsätzlich das kapitalistische System, weil es sich an Wirtschaftswachstum und Profiten orientiert. Genau diese Logik hat uns in die heutige Lage gebracht, in der wenige Eliten, die mit miesen Arbeitsbedingungen Beschäftigte ausbeuten, in anderen Teilen der Welt Natur und Menschen zugrunde richten. Wir wollen ein anderes, ein soziales System.

Sind Sie mit dem Ausgang Ihrer Aktion zufrieden?

Ja. Die Aktion hat uns ermutigt und war vielfältig, niemand wurde ernsthaft verletzt. Schülerinnen und Schüler von »Fridays for Future« haben sich mit uns solidarisiert. Die aktuell an vielen Stellen stattfindenden Proteste geben uns Kraft, um weiterzumachen.

Mia Weber (* Name von der Redaktion geändert) ist Aktivistin der »Aktion Autofrei«

https://www.jungewelt.de/artikel/360796.forderung-nach-verkehrswende-wir-müssen-endlich-weg-vom-individualverkehr.html