13.08.2019 / Ausland / Seite 6

Kein Ende der Krise

Nach Aufhebung der Autonomie von Jammu und Kaschmir bleibt Lage in Indien angespannt

Thomas Berger

Auch eine Woche nach der Aufhebung der in der Verfassung verankerten Sonderrechte für den bisherigen Bundesstaat Jammu und Kaschmir durch die indische Zentralregierung ist die Lage in der Region weiter angespannt. Aufgrund der anhaltenden Abschottung durch abgeschaltete Telefon- und Internetverbindungen sowie eingeschränkter Bewegungsfreiheit für Journalisten dringen kaum zuverlässige Nachrichten aus dem Gebiet nach außen, auch wenn nach jüngsten Meldungen inzwischen 300 »Spezialtelefone« installiert worden sein sollen.

Nur am Freitag war die von den Behörden verhängte Ausgangssperre temporär gelockert worden, um in dieser mehrheitlich von Muslimen bewohnten Region die Teilnahme an den traditionellen Freitagsgebeten zu ermöglichen. Die Menschen nutzten dies in Srinagar für die ersten größeren Protestaktionen seit Erlass der Beschränkungen. Einem Bericht der Nachrichtenagentur Reuters zufolge formierten sich etwa 10.000 Menschen nach dem Ende der Mittagsgebete im Zentrum der Regionalhauptstadt zu einem Protestzug. Die politische Grundsatzentscheidung Delhis hat selbst bei jenen Kaschmiris für Wut gesorgt, die bisher nichts mit separatistischen Tendenzen am Hut hatten, sondern sich als Inder betrachteten. Demgegenüber wiegelte die von der hindunationalistischen Bharatiya Janata Party (BJP) geführte Regierung ab. Es habe lediglich kleinere Protestaktionen von »nicht mehr als 20 Leuten« gegeben, so eine offizielle Verlautbarung des Innenministeriums in Delhi, die auch über den Kurznachrichtendienst Twitter sowie von der Nachrichtenagentur PTI verbreitet wurde. Anderslautende Information seien »komplett fabrizierte Berichte«.

Das indische Nachrichtenportal The Wire kommt nach einer Analyse der Berichte und vor allem des veröffentlichten Bildmaterials von internationalen Medien wie Al-Dschasira und BBC allerdings zu dem Schluss, dass diese authentisch seien. Augenzeugenberichten über den starken Einsatz von Tränengas und Gummigeschossen durch die Einsatzkräfte stehen Äußerungen des Generaldirektors der Polizei gegenüber. Seine Leute hätten in sechs Tagen nicht einen einzigen Schuss abgegeben, teilte Dilbagh Singh am Sonnabend mit. Während die Sicherheitsbehörden in ihren Pressemitteilungen einer gewissen Normalisierung des Alltagslebens mit vor dem muslimischen Opferfest wiedereröffneten Geschäften das Wort reden, wird in anderen Berichten auf die am Sonntag wieder angezogenen Repressionsmaßnahmen verwiesen.

Unterdessen fallen der anhaltenden Konfrontation um Kaschmir immer mehr mit leisen Hoffnungen auf eine Normalisierung der Beziehungen verbundene Kooperationsprojekte zwischen Indien und Pakistan zum Opfer. Nachdem die pakistanische Regierung von Premierminister Imran Khan den grenzüberschreitenden »Samjhauta Express« zwischen Lahore und Srinagar eingestellt hatte, stoppte nun auch Delhi den »Freundschaftszug«, wie die Northern Railway als Betreiberfirma mitteilte. Zugleich ist die Eisenbahn bemüht, Sonderzüge oder zumindest zusätzliche Waggons bereitzustellen, um Zehntausende in Kaschmir festsitzende Arbeiter, deren Jobs aufgrund der aktuellen Lage weggefallen sind, in ihre Heimatregionen zurückbringen zu können. In den ersten fünf Tagen der Krise hätten so etwa 50.000 Menschen die Heimreise antreten können, meldete die Zeitung The Asian Age unter Berufung auf offizielle Zahlenangaben.

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