03.08.2019 / Inland / Seite 4

»Schwänzen« in den Ferien

Sommerkongress der »Fridays for Future«-Bewegung. Demo in Dortmunder Innenstadt

Kristian Stemmler

Seit Mittwoch läuft in Dortmund der Kongress der Bewegung »Fridays for Future«, der an diesem Wochenende zu Ende gehen wird. Um ihren Forderungen nach mehr Klimaschutz Nachdruck zu verleihen, demonstrierten Hunderte Aktivisten am Freitag in der Innenstadt mit Sprechchören, Transparenten und Musik. die Veranstalter schätzten die Zahl der Teilnehmer auf rund 1.500. Neben Schülern und Studenten beteiligten sich auch die Gruppen »Parents for Future« und »Scientists for Future« an dem Protestzug.

Zum »Fridays for Future«-Sommerkongress werden bis Sonntag mehr als 1.400 junge Aktivisten in Dortmund erwartet. Die erste Veranstaltung dieser Art und Größenordnung soll dem Kennenlernen, der besseren Vernetzung und Stärkung der Bewegung dienen. Bei Podiumsgesprächen und in Arbeitsgruppen wollen sich die Teilnehmer mit den Ursachen und Folgen des Klimawandels befassen, aber auch methodisches Rüstzeug auf den Feldern Rhetorik oder Kampagnenarbeit erlangen.

Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) zeigte sich von dem Engagement der Jugend wenig begeistert. Er mäkelte an der Ikone der Bewegung, der schwedischen Aktivistin Greta Thunberg, herum. Sie sei für ihn »eine junge Frau, die in den Medien sehr präsent ist, Forderungen aufstellt, aber dazu keinen Weg zeigt und keine Antworten gibt«, sagte Kretschmer dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. Er nehme »Fridays for Future« sehr ernst, betrachte sich sogar als Klimaschützer – aber man könne nicht immer nur Forderungen stellen, sondern müsse sehen, »was machbar ist«, so Kretschmer.

Pünktlich zum Kongressbeginn in Dortmund meldete sich die baden-württembergische Kultusministerin, Susanne Eisenmann (CDU), zu Wort. Je länger die Klimaproteste dauerten, sagte sie laut dpa vom Donnerstag, desto schwerer könnten die Folgen für die jugendlichen Demonstranten wiegen. »Das Schwänzen hat natürlich Konsequenzen«, so die CDU-Politikerin. »Und wenn es dauerhaft wird, werden diese zwangsläufig zunehmen.« Viele Schulen reagierten bereits mit Nachholstunden, Strafarbeiten oder Verweisen, andere brächten das Thema Klimaschutz stärker im Unterricht ein. Wenn aber Arbeiten versäumt würden, drohte Eisenmann, die CDU-Spitzenkandidatin für die Landtagswahl 2021 ist, könne »es auch mal eine Sechs geben«.

Teilnehmern des Sommerkongresses zeigten sich von der Warnung der Kultusministerin wenig beeindruckt. »Wir sind über diese Diskussion schon lange hinaus. Die meisten haben doch verstanden, dass die Schüler eh keine Zukunft haben, wenn sie jetzt nicht andere zum Handeln bewegen«, sagte Lea Kowalewski, eine Aktivistin aus Braunschweig, gegenüber dpa. Elena Balthesen aus München, die ebenfalls regelmäßig freitags auf die Straße geht, meinte: »Gemessen an dem, was ich durch ›Fridays for Future‹ schon für mein Leben gelernt habe, sind das ja nur ein paar Schulstunden, die ich freitags verpasse.«

Kritik an Eisenmann kam auch von der Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen. Wenn man von jungen Leuten einfordere, sich eine Meinung zu bilden und mit Zivilcourage dafür einzustehen, könne man nicht bei einem solchen Thema »kleinkariert« mit Drohungen anfangen, sagte die bildungspolitische Sprecherin der Fraktion, Margit Stumpp, der dpa. Das sei »pädagogisch und wenn man politische Bildung betrachtet absolut kontraproduktiv«.

Auch von der Linksfraktion im Bundestag gab es Gegenwind für Eisenmann. Dass eine Kultusministerin den Streik der Schüler als »Schwänzen« bezeichnet, zeige, »dass sie das Anliegen der Klimastreiks schlicht nicht ernst nimmt«, sagte Lorenz Gösta Beutin, klimapolitischer Sprecher der Fraktion, am Donnerstag gegenüber jW. Er habe großen Respekt vor den Schülern, »die Risiken eingehen, weil Schulen sie teilweise für den Streik bestrafen«. Die Politik habe noch nicht verstanden, dass es um mehr geht als Noten. »Gemaßregelt gehört das sogenannte Klimakabinett in Berlin, das nach wie vor null Ergebnisse vorweisen kann«, so Beutin.

https://www.jungewelt.de/artikel/360021.schüler-fordern-klimaschutz-schwänzen-in-den-ferien.html