31.07.2019 / Thema / Seite 12

Von Walen, Teufeln und Kraken

Vor 200 Jahren wurde Herman Melville in New York City geboren

Holger Teschke

»In etwa einer Woche gehe ich nach New York, werde mich dort in einem Zimmer im dritten Stock vergraben und wie ein Sklave an meinem ›Wal‹ weiterschuften, während er schon durch die Druckerpresse läuft«, schrieb Herman Melville im Mai 1851 an seinen Freund Nathaniel Hawthorne. »Ich stehe unter dem Bannfluch des Dollars, und der Laufbursche des Teufels steht arglistig grinsend auf ewig in meiner Tür und hält sie halboffen. Was mich am meisten zu schreiben drängt, das unterliegt dem Bann – es zahlt sich nicht aus. Hätte ich in diesem Jahrhundert die Evangelien geschrieben, so würde ich doch in der Gosse sterben.«

Auch wenn in diesem Lamento Ironie mitschwingt, so ist es doch nicht frei von jener düsteren Prophetie, mit der Melville den alten Seemann Elias im Hafen von Nantucket den Untergang der »Pequod« und ihrer Besatzung voraussagen lässt. Viel hätte nicht gefehlt, und Melville wäre nach dem Erscheinen von »Moby Dick« und den folgenden Romanen »Pierre«, »Israel Potter«, »Maskeraden« und den »Piazza-­Geschichten« tatsächlich auf der Straße gelandet. Nur weil er 1866 eine Stelle als Zollinspektor bei der New Yorker Hafenbehörde fand und die Familie durch seinen Schwiegervater immer wieder finanzielle Unterstützung erhielt, konnte die Armut abgewendet werden. Der bedeutendste nordamerikanische Romancier des 19. Jahrhunderts musste 19 Jahre lang die Frachträume von Schiffen aus aller Welt inspizieren, um die Miete bezahlen zu können. Dabei schlug er sich mit trickreichen Reedern und einer korrupten Hafenbehörde herum, die ihm mehrmals sein Gehalt kürzte und mit Entlassung drohte. Zwischen 1866 und seinem Abschied aus dem Zolldienst Ende Dezember 1885 schrieb Melville fast ausschließlich Gedichte. Er arbeitete an seinem Versepos »Clarel – Eine Pilgerreise im Heiligen Land«, das 18.000 Verse umfasst und, finanziert von einem Onkel, 1876 in New York erschien. Der Verlag druckte nur 330 Exemplare, und bis 1876 waren davon gerade einmal 106 verkauft. Melville musste den Rest der Auflage zurücknehmen und auf eigene Kosten einstampfen lassen. Heute stellen Literaturwissenschaftler dieses Epos neben Dantes »Göttliche Komödie« und Geoffrey Chaucers »Canterbury-Geschichten«.

Ohne Illusionen

Aber woher wusste Melville schon zwanzig Jahre vorher, dass die Bücher, die er noch zu schreiben vorhatte, erfolglos bleiben würden? Die Antwort fällt, wenn man seine Briefe und Tagebuchaufzeichnungen liest, nicht schwer: Er kannte seine Leser so gut wie seine Kritiker und die Gesetze des Büchermarktes. Und er kannte die tiefe Abneigung seiner Landsleute, ihre politischen, wirtschaftlichen und religiösen Verhältnisse in Frage stellen zu lassen und die Kluft zwischen ihren moralischen Ansprüchen und der sozialen Realität als gesellschaftliches Problem zu begreifen. Melville konnte sein Scheitern so klar voraussehen, weil er den Mut hatte, sich keinen Illusionen hinzugeben und trotzdem zu schreiben, was er schreiben musste. Bei Schiller hatte er früh eine Maxime gefunden, die ihn sein Leben lang begleitete und die seine Frau nach seinem Tod auf einem kleinen Zettel im Schreibtisch fand: »Keep true to the dreams of thy youth. – Bleib den Träumen deiner Jugend treu.« Aber was waren die Jugendträume von Herman Melville?

Geboren am 1. August 1819 in New York als zweiter Sohn des Kaufmanns Alan Melvill und dessen aus einer holländisch-amerikanischen Familie stammenden Frau, Maria Gansevoort Melvill, wuchs er in den ersten zehn Jahren seines Lebens im Wohlstand auf. Sein Vater hatte in seiner Jugend in Frankreich gelebt und von dort nicht nur die Reiseberichte von Bougainville und Cook mitgebracht, sondern auch Stiche von den Inseln der Südsee und vom Walfang, die die Phantasie des Sohns intensiv beschäftigten. Sein Onkel John de Wolf war zwischen 1803 und 1806 mit Georg Heinrich von Langsdorff und Admiral Krusenstern während der ersten russischen Weltumsegelung in Polynesien gewesen und erzählte bei seinen Besuchen gern von dieser abenteuerlichen Reise. Für den kleinen Herman stand schon früh fest, dass auch er eines Tages ein Weltreisender werden würde. Von 1825 bis 1829 besuchte er die High School, danach zwei Jahre lang die Grammar School des renommierten Columbia College. Hier begann seine Liebe zu den klassischen Autoren von Homer über Dante bis zu Shakespeare und Milton, hier entdeckte er die Welt der Bücher und Bilder. Doch aus diesem Paradies der Sprachen und Künste wurde er durch den Bankrott seines Vaters im Jahr 1831 jäh vertrieben. Die Familie musste nach Albany umziehen und Herman nach dem Tod seines Vaters ein Jahr später einen Job als Bankangestellter annehmen, um zum Unterhalt der Familie beizutragen. Abends besuchte er die Albany Academy und verdingte sich als Lehrer in Pittsfield, Massachusetts, wo sein Onkel eine Farm besaß. Auf diese Farm sollte er dreizehn Jahre später zurückkehren, um »Moby Dick« zu schreiben.

Aber Büros und Klassenzimmer waren Melville bald zu eng und zu eintönig. Er hatte die Erzählungen seines Onkels nicht vergessen. Im Juni 1839 heuerte er in New York als Kabinensteward auf dem Kauffahrer »St. Lawrence« an und segelte über den Atlantik bis nach Liverpool. Diese erste Seereise sollte er später in seinem Roman »Redburn« beschreiben.

Nach seiner Rückkehr arbeitete er noch einmal kurzzeitig als Lehrer und brach dann zu einer Reise in den Westen auf, um in Buffalo und Chicago nach Arbeit zu suchen. Als alle diese Versuche gescheitert waren, heuerte er schließlich im Dezember 1840 in Fairhaven auf dem Walfänger »Acushnet« an. Am 5. Januar 1841 stach das Schiff in See und segelte an der südamerikanischen Küste und ums Kap Hoorn in den Südpazifik bis zu den Marquesas. Dort floh Melville auf der Insel Nuku Hiva mit seinem Freund Toby Green von Bord in den Dschungel, wo er vier Wochen lang beim Stamm der Typee lebte. Dieses Abenteuer lieferte den Stoff für seinen ersten Roman und machte ihn nach seiner Rückkehr 1846 als den »Mann, der unter Kannibalen gelebt hat«, berühmt.

»Moby Dick«

Vom Erfolg seines Debüts ermutigt, ließ er in kurzen Abständen »Omoo« und »Weißjacke« folgen, in denen er von seinen Wanderungen über die Inseln der Südsee und den menschenverachtenden Zuständen bei der Kriegsmarine berichtete. Als auch diese beiden Bücher erfolgreich waren, beschloss er, freier Schriftsteller zu werden, was zu seiner Zeit ein ebenso kühner Entschluss war, wie der auf Walfang zu gehen. Er heiratete Elizabeth Shaw, die Tochter des Obersten Richters von Massachusetts und kaufte mit der finanziellen Unterstützung seines Schwiegervaters die Farm seines Onkels in Pittsfield. Hier begann er im Frühjahr 1851 mit der Arbeit an »Moby Dick«, der zunächst ein Roman über seine Erlebnisse beim Walfang werden sollte. Angeregt durch seine Gespräche mit Nathaniel Hawthorne, der damals schon ein etablierter Autor war und ihm die epischen Dimensionen des Stoffs vor Augen führte, arbeitete Melville das Manuskript vollständig um. Erst in dieser zweiten Fassung tauchte Kapitän Ahab auf, der dem Roman seinen Rang in der Weltliteratur verschaffen sollte.

Vom Fenster seines Arbeitszimmers konnte Melville den Mount Greylock, den höchsten Berg von Massachusetts, sehen, während er sich durch die Geschichte des amerikanischen Walfangs und durch Shakespeares Stücke las. Im Winter war der Berg schneebedeckt, und Melville nannte ihn »meinen Walbuckel«. Wenn nachts der Sturm an den Fensterläden rüttelte und im Kamin heulte, fühlte er sich wieder wie auf See. »Mein Arbeitszimmer ist dann wie eine Schiffskajüte«, schrieb er an Hawthorne. »Wenn ich nachts aufwache und den Wind höre, dann denke ich manchmal, dass das Haus zuviel Segel gesetzt hat und ich aufs Dach muss, um den Schornstein einzuholen.« Während Melville in fieberhafter Eile an der Neufassung von »Moby Dick« schrieb, baute er die Farm für seine Familie um, kaufte neue Möbel und Haushaltsgeräte und fuhr in die benachbarte Shakersiedlung Hancock, um Sämereien und Pflanzen zu besorgen. Aus dem Abenteuerroman wurde eine Parabel über die Folgen menschlicher Hybris. Ahabs Jagd auf den Weißen Wal entwickelte sich zu einem Gleichnis über die Geschichte der nordamerikanischen Zivilisation, von der blutigen Kolonialisierung durch die Puritaner bis zum Bürgerkrieg, der sich mit den zunehmenden Spannungen zwischen Nord- und Südstaaten über die Frage der Sklaverei anbahnte. Nur zehn Jahre nach der Veröffentlichung von »Moby Dick« brach dieser Krieg aus und bestätigte Melvilles düstere Prophezeiungen. Zwar ging das Staatsschiff nicht unter wie die »Pequod«, aber der Riss zwischen Nord und Süd, zwischen Demokraten und Republikanern, Weißen und Schwarzen, Armen und Reichen vertiefte sich und reicht bis in die Gegenwart. Im Roman überlebt nur Ismael, der Erzähler, und zwar auf dem Sarg, den sich sein Freund, der Polynesier Queequeg, hatte anfertigen lassen. »Auf diesem Sarg trieb ich beinahe einen Tag und eine Nacht auf dem Meer, das so lind war wie eine leise Totenklage.« Aufgefischt wird Ismael schließlich vom Walfänger »Rachel«, dem Ahab kurz zuvor jede Hilfe bei der Suche nach einem vermissten Fangboot verweigert hatte. »Auf der Suche nach ihren verschollenen Kindern fand sie nur eine weitere Waise.«

Wie eine Waise mag sich auch Melville auf dem großen Ozean der Gleichgültigkeit vorgekommen sein, als er nach den höhnischen Verrissen von »Moby Dick« an seinen Schreibtisch zurückkehrte und sich an sein nächstes Buch setzte. Im Sommer 1852 reiste er mit seinem Schwiegervater nach New Bedford, Nantucket und Mar­tha’s Vineyard, um einige der Schauplätze von »Moby Dick« noch einmal in Augenschein zu nehmen. Auf Nantucket traf er den alten Kapitän George Pollard, der 1819 den Walfänger »Essex« kommandiert hatte, der ein Jahr später im Südpazifik von einem Wal gerammt und versenkt worden war. Der Bericht seines Ersten Steuermanns Owen Chase über diese Katastrophe und die dreimonatige Irrfahrt der Überlebenden war die wichtigste Quelle für Melvilles Roman, und die späte Begegnung mit Pollard beeindruckte ihn tief. »Für die Insulaner ist er ein Niemand, für mich der beeindruckendste Mensch, den ich je getroffen habe«, schrieb er später über diese Begegnung. Vielleicht sah er in dem gescheiterten Kapitän, der ein Leben als Nachtwächter auf der Insel fristete, sein zukünftiges Alter ego.

»Im Namen des …«

»Nennt mich Ismael.« Mit diesem rätselhaften Satz beginnt »Moby Dick« und schlägt schon zu Beginn den biblischen Ton des Erzählers an. Denn die Formulierung lässt offen, ob Ismael sein wirklicher Name oder nur ein Pseudonym ist, das er für seine Geschichte gewählt hat. Ismael, Abrahams erstgeborener Sohn von seiner Magd Hagar, wurde von seinem Vater in die Wüste verstoßen und dort durch einen Engel vor dem Verdursten gerettet. Schon als Kind ein Außenseiter, hatte ihn der Verstoß durch Abraham zum Paria gemacht. Ähnlich muss sich Melville an Bord der Schiffe gefühlt haben, auf denen er zwischen 1839 und 1844 über die Weltmeere segelte. Aus einem wohlhabenden Kaufmannshaus kam er unvermittelt ins Vorschiff von Walfängern und Kriegskorvetten, zu den Ausgestoßenen und Rechtlosen. Über sie wird Melville sein Leben lang schreiben und auch die Partei der angeblichen Barbaren ergreifen, die sich in der Südsee gegen die Abgesandten der christlichen Zivilisation zur Wehr setzen. Dank seiner scharfen Beobachtungsgabe und seines Blicks für Unrecht und moralische Heuchelei werden seine Bücher nicht nur Kunstwerke, sondern auch Dokumente der sozialen Verhältnisse und des Elends einer Welt, in der das Geld zum Maß aller Dinge geworden ist. Melville beschreibt in all seinen Werken, wie das Primat der Ökonomie die Fundamente von Demokratie und Kultur zerstört. Das macht die Größe und die Gegenwärtigkeit seiner Romane aus.

Am 29. Juni 1851 hatte er an Hawthorne kurz vor Vollendung von »Moby Dick« geschrieben: »Soll ich Ihnen eine Flosse schicken – als Appetithappen? Der Schwanz ist noch nicht gar – obwohl das Höllenfeuer, über dem das ganze Buch gebraten wird, es eigentlich schon längst durchgegrillt haben müsste. Dies ist das Motto des Buchs (das geheime) – Ego non baptizo te in nomine –, aber den Rest müssen Sie selber herausfinden.« »Ich taufe dich nicht im Namen …« konnte nur bedeuten: »Nicht im Namen Gottes, sondern im Namen des Teufels.« Es ist der Fluch, mit dem Ahab seine Harpunen für Moby Dick im Blut seiner drei heidnischen Harpuniere tauft. Ein blasphemisches Ritual, und Hawthorne wusste, wofür Ahabs Wahnsinn stehen sollte. Er selber hatte sie im »Scharlachroten Buchstaben« als Hybris der Puritaner beschrieben, die sich selbst als Auserwählte Gottes ansahen und alle anderen als Sünder, auf die die ewige Verdammnis wartet.

Dieser Hybris, die nicht nur in »Gottes eigenem Land« zur offiziellen Religion wurde, setzte Melville die Besatzung der »Pequod« entgegen, die aus den Ausgestoßenen aller Ethnien und Kulturen besteht. Der Walfänger ist ein schwimmender »Melting Pot« – vom schwarzen Schiffsjungen Pip über die Harpuniere Queequeg, Tashtego und Daggoo bis zum Ersten Steuermann Mr. Starbuck, dem es nicht gelingt, Ahabs Wahn Einhalt zu gebieten. Ahab ist des Teufels, weil er sich zum Herrn über Leben und Tod macht und bereit ist, für seine Rache Schiff und Mannschaft zu opfern. Auch den »Herren des Universums« der globalen Konzerne und Banken, deren einziger Maßstab Börsenwerte und Renditen sind, ist es egal, wenn die Welt bei ihrer Jagd nach immer schnellerem Wachstum zum Teufel geht. Für die Beschwichtigung ihrer zunehmend empörten Bevölkerungen haben sie noch immer genügend willfährige Politiker und Politikerinnen gefunden und im Ernstfall genügend Polizei und Justiz. Diese Erfahrung hatte schon Melville gemacht, und dennoch schlägt er angesichts des Untergangs der »Pequod« einen verstörend versöhnlichen Ton an: »Dann brach alles ein, und das große Leichentuch des Meeres rollte darüber hin, wie schon seit fünftausend Jahren.«

Der Mensch soll vergehen

Vielleicht liegt in diesem Untergang auch eine Hoffnung, wie sie schon Georg Büchner 1836 in einem Brief an Karl Gutzkow angesichts der bürgerlichen Gesellschaft äußerte: »Sie mag aussterben, das ist das einzig Neue, was sie noch erleben kann.« Mit dem Untergang der »Pequod« geht nicht nur ein Walfänger, sondern auch ein Ölimperium zugrunde. Mit der Entdeckung von Erdölquellen in Pennsylvania im Jahr 1859 durch Edwin L. Drake war das Zeitalter des amerikanischen Walfangs vorüber. Melville hatte Thukydides und Gibbon gelesen und wusste, dass auch die mächtigsten politischen und wirtschaftlichen Imperien nicht von Dauer sind. Was Ismael verkündet, wenn er am Ende von »Moby Dick« noch einmal vor den Vorhang tritt, hat Alan Weisman in seinem Buch » Die Welt ohne uns« (2007) in schöner Deutlichkeit vorgezeichnet: Schon ein Jahr nach dem Ende des Imperiums unserer Gattung brechen Blumen durch den Asphalt, und die Tiere erobern unsere leeren Städte zurück, nach zehn Jahren stürzen die ersten Häuser ein, und nach hundert Jahren ziehen wieder riesige Elefantenherden durch die Savannen. Aber vielleicht deckt das »große Leichentuch des Meeres« das alles ja schon viel früher zu, wenn die abtauenden Gletscher die Meeresspiegel steigen lassen und die Haie über Wall Street und Zhongshan Road ihre Runden drehen. Melville hat diesen tröstlichen Gedanken in einem alten polynesischen Lied auf Tahiti gehört: »Die Palme soll wachsen / Koralle sich breiten / Aber der Mensch soll vergehen.«

Melvilles eigenes Leben endete weniger tröstlich, auch wenn er seinen Humor nie verloren hat. Im November 1851 schrieb er an Hawthorne: »Solange wir noch irgend etwas zu tun haben, haben wir nichts getan. So lassen Sie uns nun Moby Dick in unseren Segen einschließen und weitergehen. Leviathan ist nicht der größte Fisch – ich habe von Kraken gehört.« Zwar hat er das Buch vom Großen Kraken nicht mehr geschrieben, dafür aber zwischen 1886 und 1891 die Seenovelle »Billy Budd«. Das Manuskript wurde erst 1924 im Familiennachlass aufgefunden und läutete mit seiner Veröffentlichung auch die Wiederentdeckung der anderen Werke Melvilles ein. Die Geschichte über den Vortoppmann Billy, der auf einem britischen Kriegsschiff zum Opfer einer Intrige und einer dogmatischen Justiz wird, ist Melvilles zweite große Parabel über die Bedeutungslosigkeit vielbenutzer Phrasen wie »Freiheit und Menschenrechte« in einer Gesellschaft voller Ungerechtigkeit und Willkür. Der tote Billy lebt in der Moritat eines seiner Kameraden weiter, deren letzte Verse klingen, als habe sie Melville für seinen eigenen Grabstein geschrieben: »Unten, tief unten werde ich träumen / Ich kann es schon spüren. He, Wachmann dort / Nimm mir die schweren Fesseln ab / Und rolle mich sanft über Bord / Ich bin müde, und Tang treibt um mein Grab.«

Seine Jugendträume von einer Gesellschaft in Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit hatten sich nirgends erfüllt – weder in God’s Own Country noch auf den Insel der Südsee. Am 28. September 1891 starb Herman Melville und liegt auf dem Woodlawn Cemetery in der Bronx begraben. Aber sein »Moby Dick« schwimmt noch immer durch den großen Ozean der Weltliteratur und kündet von der Überlegenheit der Natur über den Größenwahn unserer Gattung.

Holger Teschke lebt als Schriftsteller und Regisseur in Berlin und auf der Insel Rügen. Von 2000 bis 2009 arbeitete er als Gastprofessor am Mount Holyoke College in Massachusetts und veröffentlichte 2015 im Mare-Verlag »Mein Cape Cod. Eine transatlantische Liebesgeschichte« über seine Reisen auf den Spuren von Melville von der amerikanischen Ostküste bis in die Südsee.

https://www.jungewelt.de/artikel/359833.literaturgeschichte-von-walen-teufeln-und-kraken.html