22.07.2019 / Feuilleton / Seite 10

Herr Groll am Loibl. Karl VI. und der »Deutsche Peter«

Erwin Riess

Am Fuße der weiß in den Himmel ragenden Karawanken, am Ausgang der wilden Tscheppa­schlucht, befindet sich auf 700 Meter Seehöhe ein uralter Kärntner Gasthof, der »Deutsche Peter«. 20 Kilometer von der Landeshauptstadt Klagenfurt und sieben Kilometer vom Büchsen­macherzentrum Ferlach entfernt, in dem die Waffenfabrik von Gaston Glock, im Ibiza-Video als FPÖ-Sponsor genannt, Pistolen und Gewehre produziert, bewirtet die Familie Tschauko seit über fünfhundert Jahren Durchreisende nach Slowenien, die die Auffahrt zum Loibl­tunnel nehmen oder von dort kommen. Inmitten eines uralten slowenischen Siedlungsgebiets gelegen, in der rechtsnationalistische und faschistische Gruppen seit den 1920er Jahren das »Slowenentum« zurückdrängen, halten die Tschaukos unbeirrt die Stellung.

Nachdem sie auf der Terrasse Platz genommen hatten, führte Herr Groll seinen Freund in die Geschichte der Region ein.

»Der Name ›Deutscher Peter‹ geht nicht, wie viele vorschnell annehmen, auf die Nazizeit zurück, sondern auf den Vater Maria Theresias, Karl VI., der in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts regierte«, führte er aus. Der Dozent hatte den geöffneten Notizblock neben einer kalorienreichen lokalen Mehlspeise namens Reindling abgelegt.

»Dem von ihm ungeliebten Feldherrn Prinz Eugen verdankte Karl die Erweiterung des Reiches Richtung Osten, wodurch jenes Gebilde entstand, das wir heute ›Donaumonarchie‹ nennen. Als Eugen am 21. April 1736 starb, gab ganz Wien dem Frühaufklärer und Förderer der Binnenschiffahrt das Geleit, allein der Kaiser zog es vor, in der Hofburg zu bleiben. In seinem Tagebuch notierte er lakonisch ›Eugen gestorben. Jetzt weitermachen wie bisher‹. Ein wahrer Österreicher also, dieser Habsburger-Kaiser.«

Herr Groll nahm einen Schluck vom Espresso und fuhr fort: »Im Jahr 1728 befand Kaiser Karl sich mit seinem Hofstaat auf der Reise zum wichtigsten Handelshafen des Reichs, Triest. Die Stadt war auch Stützpunkt der kaiserlichen Kriegsmarine sowie Sitz des Statthalters des habsburgischen Küstenlandes, auch Litorale genannt.

Der Weg nach Triest führte über den gefürchteten Loibl. Als der Kaiser mit seinem Hofstaat am Fuß des Passes sich noch einmal den Bauch vollschlagen wollte, konnte ihm niemand Auskunft geben, da die Bergbauern des Loibltals des Deutschen nicht mächtig waren. Einzig beim Einkehrgasthof der Familie Tschauko am Fuße der Passstraße fand sich ein schmächtiger Bursch mit schwarzem Haar namens Peter, der auf der Walz ein paar Brocken Deutsch gelernt hatte. Er übersetzte die Wünsche des Kaisers, worauf dieser mit einem frugalen Mahl bewirtet wurde. Offensichtlich zu seiner Zufriedenheit, denn bei seiner Abreise verlieh er dem Gasthof den Namen ›Deutscher Peter‹.«

Es ging auf Mittag zu, die Sonne brannte in das enge Tal des Loiblbachs. Herr Groll und der Dozent saßen hoch über der Gebirgsschlucht unter einem Baldachin. Unter ihnen tummelten sich auf einem Geländevorsprung Ziegen, Hühner und drei Esel.

»Leider ging der Loiblpass nicht mit der Reise des Kaisers in die Geschichte ein. Auch nicht mit einer abenteuerlichen Exkursion von Klagenfurter Ursulinen, die in ihrer Ordenstracht mit wehenden Hüten und überlangen Röcken die Ausrüstung für eine in Ljubljana/Laibach zu errichtende Schule über den Berg schleppten. Seit der Naziherrschaft wird der Loibl mit zwei Konzentrationslagern und Hunderten Ermordeten in Verbindung gebracht. Ab 1943 wurden in zwei KZs an der Nord- und Südseite des Loiblpasses 1.600 Häftlinge, die meisten aus dem KZ Mauthausen, für den Bau eines Tunnels eingesetzt, der die Wehrmacht in Slowenien mit Nachschub versorgen sollte. Anfangs stammten die meisten Häftlinge aus dem französischen Widerstand, mit den Erfolgen der deutschen Kriegsmaschinerie traf es auch Polen, weitere Jugoslawen und andere Angehörige überfallener Nationen. Bis zu 40 Häftlinge kamen beim Bau durch Unfälle und Erschießungen der Lager-SS zu Tode. Etwa 450 Männer wurden als nicht mehr arbeitsfähig nach Mauthausen zurückgeschickt und dort ermordet.«

Der Dozent schob den Reindling von sich und sah seinen Freund erschrocken an.

»In einer Stunde sind wir in der Gedenkstätte des KZ Loibl-Nord«, sagte Groll. »Seit mehr als einem Jahr ist sie heftig umstritten. Am besten, Sie machen sich selber ein Bild von dem Skandal.«

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