22.07.2019 / Feuilleton / Seite 10

Plastic Fantastic

Eine Retrospektive des englischen Fotografen Martin Parr im Düsseldorfer NRW-Forum

Jürgen Schneider

»Dieter’s Bar« lesen wir auf einem Schild mit Bierhumpen. Davor sitzt auf einem weißen Korbstuhl Dieter höchstpersönlich; er steckt in einer Jacke mit Insignien des Düsseldorfer Fußballvereins Fortuna und hält eine Flasche Schumacher-Altbier in den Händen; über ihm prangt ein Straßenschild der Königsallee. Dieses Foto von Martin Parr entstand im September 2018, als der englische Fotograf im Großraum Düsseldorf in fünf Kleingärtnervereinen fotografierte, »just als die Tomaten und Äpfel reif waren«, wie er berichtet. In die Kamera lächeln, so Parr, durften die Gärtnerinnen und Gärtner nicht, schließlich sollten seine Fotos der Fürsorge und Aufmerksamkeit gelten, mit der sich diese Menschen ihren Gärten widmen. Die Serie »Kleingärtner« ist Teil der Ausstellung »Martin Parr – Retrospektive« im Düsseldorfer NRW-Forum, in der 400 seiner Aufnahmen gezeigt werden.

Die Wirtschaftswoche nannte Parr einmal »Großbritanniens einflussreichsten Fotografen«. Er hatte in den 70er Jahren begonnen, als eine größere Öffentlichkeit Fotografie immer mehr als eigenständige Kunstform wahrnahm, und Bernd und Hilla Becher prägten an der Düsseldorfer Kunstakademie mit ihrer Erweiterung traditioneller Bildstrategien eine ganze Fotografengeneration.

Unmittelbar neben der »Kleingärtner«-Serie wird die Serie »Bad Weather« gezeigt: brillante Regenaufnahmen in schwarz-weiß, die zwischen 1975 und 1982 in England und Irland entstanden. Wegen der Erderwärmung hat der Spruch, es regne in diesen Ländern »cats and dogs«, seine Gültigkeit jedoch verloren.

Der internationale Durchbruch gelang Parr 1983 mit seiner nunmehr farbigen Serie »The Last Resort«, die an dem verwahrlosten Badestrand New Brighton entstand und ebenfalls im NRW-Forum ausgestellt ist. Auf einem Foto ist ein nicht eben einladender Hotdog-Stand zu sehen, an dem eilige Esserinnen nicht mit Tomatenketchup aus Spenderflaschen sparen. Mit dieser Serie hinterfragte Parr den Begriff der Schönheit.

In seinem Fotoessay »Think of England« (1996–2003), wiederum an Badestränden, bei Dorffesten und beim obligatorischen Tee fotografiert, reflektierte er über die englische Identität lange vor dem »Brexit«. In Mexiko ging Parr dagegen auf die Suche nach dem Ursprung gängiger Klischees über das Land. Eine wichtige Rolle spielt auf seinen Fotos der US-amerikanische Einfluss: Wir sehen die bekannten Colaflaschen und die Slogans der US-Systembulettenanbieter.

Zu Parrs Programm gehören die Kritik der Verhältnisse in der Ersten Welt, die Untersuchung der Phänomene des Massentourismus sowie der obszönen Zurschaustellung von Luxus. 180 knallbunte Fotos, meist Nahaufnahmen aus der Serie »Common Sense« (1994), verhandeln allein die Konsum- und Wegwerfkultur – die detailreiche Serie könnte auch »Plastic Fantastic« überschrieben sein. Aus der Serie »Small World« (1989–2012) über den globalen Tourismus sticht die Aufnahme einer japanischen Reisegruppe hervor, die sich vor der Akropolis in Athen aufgestellt hat. Ein Foto der Serie »Luxury« (1997–2011) zeigt ein Hündchen auf dem Arm einer Dame, das mit ihrem fuchsbraunen Pelzmantel verwachsen zu sein scheint, während auf dem Rand eines wagenradgroßen, pastellgrünen Hutes einer anderen High-Society-Lady eine fette Schmeißfliege thront.

»Martin Parr – Retrospektive« im Düsseldorfer NRW-Forum bis 10. November 2019. Zur Ausstellung erschien der Katalog »Kleingärtner« (Koenig Books).

https://www.jungewelt.de/artikel/359178.fotografie-plastic-fantastic.html