20.07.2019 / Schwerpunkt / Seite 3

Kanonenfutter im Blick

Grundschule Letzlingen veranstaltete erneut ein Zeltlager mit der Bundeswehr. Gewerkschaft befürchtet frühzeitige Indoktrination

Susan Bonath

Früh wird gedrillt, wer künftig als Soldat in den Krieg ziehen soll: Mit offizieller Erlaubnis wirbt die Bundeswehr rege in den staatlichen Bildungseinrichtungen um Nachwuchs. Die Grundschule im sachsen-anhaltischen Letzlingen hat sich offenbar auf die ideologische Vorbereitung der Jüngsten spezialisiert. Zum neunten Mal in Folge veranstaltete sie zum Ferienauftakt ein mehrtägiges Biwakcamp bei und mit der Bundeswehr. Die von Soldaten betreuten Camper waren gerade einmal zwischen sechs und elf Jahre alt. Dies ist nicht das einzige regelmäßige Event, das die Grundschule in dem knapp 1.500 Einwohner zählenden Ortsteil der Stadt Gardelegen und das Militär verbindet.

So betätigten sich die Soldaten als »Freund und Helfer« der Kleinen. Die Uniformierten bauten mit ihnen Zelte und Unterstände auf, halfen ihnen durch einen Geschicklichkeitsparcours und grillten für sie. Auch »Zielübungen«, Erste Hilfe, Basteln und Naturkunde, alles in Obhut der Militärs, standen auf dem Programm. Eingebunden ist das Sommerferiencamp in ein Projekt mit dem harmlos klingenden Namen »Waldschule«. Neben der Bundeswehr beteiligen sich daran auch ein Förderverein, Lehrer, Eltern, der Bundesforst und die Feuerwehr. Ins Leben gerufen hatte es die langjährige Schulleiterin Silvia Lehmann. »Die Kinder fanden es klasse«, lobte sie in der vergangenen Woche gegenüber der Altmark-Zeitung, die für besonders positive Berichterstattung in Sachen Bundeswehr bekannt ist.

Lehmanns Engagement für diese und weitere zivil-militärische Aktivitäten mit ihren Schützlingen, wie das jährliche Sportfest (jW berichtete), Vorlesewettbewerbe und Weihnachtsmärkte, basiert auf einem Patenschaftsvertrag mit der 2. Kompanie des Heeres. Letztere sorgt im angrenzenden Gefechtsübungszentrum (GÜZ) Altmark dafür, dass Soldaten den letzten Schliff für Kriegseinsätze im Ausland erhalten. In Letzlingen befindet sich die GÜZ-Kommandozentrale. Das 232 Quadratkilometer große Militärareal bezeichnet die Bundeswehr selbst als modernsten Truppenübungsplatz Europas. Auf dem Gelände entsteht zur Zeit auf sechseinhalb Quadratkilometern Fläche die Kriegsübungsstadt »Schnöggersburg« nach dem Vorbild einer Metropole mit Wohn- und Industrievierteln, U-Bahn, Stadion, Flugplatz und vielem mehr. Ein Großteil des Geländes gab das Land Sachsen-Anhalt bereits 2017 an die Bundeswehr frei.

Eva Gerth von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaften (GEW) Sachsen-Anhalt kritisierte im Gespräch mit junge Welt die Haltung der Schule: »So ein Camp hat eindeutig Eventcharakter und verstößt schon damit gegen das Überwältigungsverbot«, sagte sie. Dieses regelt der sogenannte Beutelsbacher Konsens. Danach dürfen Minderjährige nicht mit bestimmten politischen Ansichten überrumpelt oder zielgerichtet indoktriniert werden. Gleiches besagt ein Erlass des Bildungsministeriums des Landes, der 2015 auf Druck der GEW zustande gekommen war. »Wie bei der Behandlung anderer politischer Themen muss auch zu Fragen der Friedens-, Sicherheits- und Rüstungspolitik die Breite verschiedener gesellschaftlicher Positionen im Unterricht abgebildet werden«, heißt es darin etwa. Deshalb sei »auch beim Kontakt der Schulen mit der Bundeswehr die Darstellung konträrer Standpunkte abzusichern«.

Diese Vorgaben hätten aber die Grundschule sowie ihr Träger, die Stadt Gardelegen, weder bei ihrem Sportfest im GÜZ noch bei diesem Camp beachtet, befand die Gewerkschafterin. »Hier sollte das Bildungsministerium intervenieren« mahnte sie und versprach: »Ich werde dort noch einmal nachhaken.«

Ganz anders sieht es die Gardelegener Stadtverwaltung. Zum einen, so erklärte Sprecherin Mandy Zepig, sei ihre Behörde nur für die Ausstattung der Schule, Hausmeistereinsatz und technische Dinge zuständig. Veranstaltungen und Patenschaften organisiere die Bildungseinrichtung hingegen selbständig. Zepig kann zudem »in dieser Art der Kooperation kein Problem entdecken«. »Ein Überrumpeln mit erwünschten Meinungen wird wohl eher nicht durch Geschicklichkeitsspiele, Bäume bestimmen oder ähnliches erfolgen können.« Die Stadtsprecherin wies ferner darauf hin, dass am Projekt Waldschule weitere Akteure beteiligt seien. Darunter seien »auch Elternvertreter – die anscheinend ja auch der Meinung sind, dass ihre Kinder nicht unzulässig indoktriniert werden«, so Zepig.

Auch Michael Schulz vom Bildungsministerium kann kein Problem erkennen. »Das Projekt Waldschule widmet sich vorrangig Themen des Sachkundeunterrichts, wie etwa dem Beschreiben und Bestimmen von Tieren und Pflanzen, dem Vermeiden von Waldbränden und Maßnahmen der Ersten Hilfe«, teilte er auf Anfrage mit. Ähnlich wie für das Sportfest der Grundschule biete die Bundeswehr hier beste logistische Voraussetzungen. »Eine politische Indoktrination ist völlig abwegig«, so Schulz, zumal »berufsorientierte Maßnahmen ohnehin erst ab Klassenstufe sieben beginnen«. Und es gebe eben keine Beschwerden von Eltern.

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