16.07.2019 / Betrieb & Gewerkschaft / Seite 15

Endlich kürzertreten

Reduzierung der Arbeitszeit ist in aller Munde. Für IG-Metall-Spitze stellt sich die Frage nicht

Stephan Krull

Der Personalabbau und Betriebsschließungen in der Automobil- und -zulieferindustrie zeigen: Weniger Arbeit bei fortwährendem Angewiesensein auf eine Lohnbeschäftigung führt zu größerer Konkurrenz um Jobs. Gleichzeitig schwindet die Tarifbindung und sinkt die Zahl von Gewerkschaftsmitgliedern und Betriebsräten. Legt man die Argumentation mit dem »Machtressourcenansatz« des Arbeitssoziologen Klaus Dörre zugrunde, kann gesagt werden, dass die ökonomische, die institutionelle und die kommunikative Macht der Gewerkschaften in der Folge erodieren. Das heißt, den Interessenvertretungen der Arbeiter gelingt es weniger in den betrieblichen Produktionsprozess einzugreifen, in Interessenvertretungsgremien wie etwa bei Sozialversicherungen oder Arbeitsagenturen Einfluss zu nehmen, und überhaupt Themen zu setzen.

Die Grenzen des Kapitalismus treten deutlich zutage. Die Produktivität ist gestiegen, aber das Wachstum scheint begrenzt zu sein. Um die Profite zu steigern, wurden einerseits die prekären Beschäftigungsverhältnisse ausgeweitet. Andererseits wurde der Output von teils unnützen und schädlichen Produkten gesteigert. Die Folgen sind sichtbar z. B. am Klimawandel und der Vermüllung der Meere. In den entwickelten Industrieländern ist die gesamtgesellschaftliche Arbeitszeit gesunken bzw. stagniert, während das Arbeitsvolumen infolge von Prekarisierung zugenommen haben. Die Folgen für die Beschäftigten sind Stress, physische und psychische Erkrankungen, Lohn- und Rentenkürzungen.

Auf diese Entwicklung hat die Arbeiterbewegung immer wieder mit der Forderung nach Arbeitszeitverkürzung reagiert. Immer ging es dabei auch um die Emanzipation der Beschäftigten, um die Durchsetzung von gutem Leben für alle und die Partizipation an gesellschaftlichen Entwicklungen und politischen Prozessen.

Auf die Frage, ob durch die Automatisierungswellen eine »Klasse der Nutzlosen« entstehen könnte, antwortete der Vorsitzende der IG Metall, Jörg Hofmann, Ende Juni in einem Interview mit der Wochenzeitung Freitag, er glaube nicht an diese Hypothese: »Die Arbeit wird uns nicht ausgehen. Es gilt, das Arbeitsvolumen gerecht zu verteilen. Und da hat die Arbeiterbewegung in der Geschichte des Kapitalismus ja schon eine Lösung gefunden: Arbeitszeitverkürzung. Zurzeit haben wir aber in vielen Regionen Vollbeschäftigung und hohen Fachkräftebedarf. Dementsprechend stellt sich die Frage nicht.«

Aber Absatzrückgänge, Umsatzeinbußen, Produktionseinschränkungen, Personalabbau, Werksschließungen und sinkende staatliche Einnahmen sind Kennzeichen der Krise des Kapitalismus. Bei dem gegenwärtigen Maß an Erwerbslosigkeit, unfreiwilliger Teilzeitarbeit oder Click- und Croudworkern von »Vollbeschäftigung in vielen Regionen« zu sprechen, entspricht nicht den tatsächlichen Verhältnissen im Land.

Wie Umfragen der IG Metall bestätigen, steht die gerechte Verteilung der Erwerbsarbeitszeit zwischen Frauen und Männern, zwischen Ost und West, zwischen älteren und jüngeren, zwischen Erwerbstätigen und Erwerbslosen längst auf der Tagesordnung. Angesichts der hoch entwickelten Wirtschaft und der bevorstehenden Digitalisierung von Produktion und Verwaltung ist die Möglichkeit z. B. der 30-Stunden-Woche für alle darüber hinaus längst gegeben. Seit dem »Haymarket Riot« in Chicago 1886 wird immer wieder um Arbeitszeitverkürzung gekämpft, z. B. in den ostdeutschen Bundesländern, in denen auch gegenwärtig noch für weniger Geld länger gearbeitet werden muss als in den westdeutschen Ländern. In den 30 Jahren nach dem Anschluss der DDR an die BRD hat jeder Beschäftigte in Sachsen deutlich mehr gearbeitet als sein Kollege in Niedersachsen. Durch jeden Beschäftigten im Osten hat ein Unternehmen durchschnittlich etwa 100.000 Euro mehr Profit erwirtschaftet als durch jeden Beschäftigten im Westen. Diese Quelle des Reichtums würden die Unternehmen gerne (wieder) auf den Westen ausdehnen. »Flexibilisierung« und die Tendenz zu verlängerten Arbeitszeiten gibt es bereits. Die Stimmung in den ostdeutschen Betrieben spricht dafür, dass die IG Metall den (Macht-) Kampf um die Arbeitszeit (bei vollem Lohnausgleich) aufnehmen und gewinnen kann. Und mit einer klaren Position und deutlicher Kampfbereitschaft können womöglich auch mehr Menschen für ein Engagement in der Gewerkschaft gewonnen werden.

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