16.07.2019 / Feuilleton / Seite 11

Die Lücken in der Fülle

Oder die Lüftung macht den Brand: Zwei neue Alben zündeln mit jazzverwandten Klängen

Ulrich Kriest

Was will es uns sagen, wenn wir als erstes auf dem Promoblatt zum neuen Album von Flying Lotus darauf hingewiesen werden, dass seit dem Vorgänger »You’re Dead« fast fünf Jahre vergangen sind. Hätten wir öfter mal anrufen sollen, um nervös und hibbelig zu fragen, wann mit neuem Stoff zu rechnen ist? Nun haben wir uns um FlyLo aka Steven Ellison ja gar keine Sorgen gemacht, weil wir durchaus mitbekommen haben, dass der Mann an Kendrick Lamars »To Pimp A Butterfly« mitgewirkt hat, für »Kuso« unter die Filmregisseure gegangen ist, Thundercats »Drunk«-Album als Produzent den letzten Schliff verliehen und zudem mit seinem einflussreichen »Brainfeeder«-Label den 10. Geburtstag gefeiert hat. Hätte FlyLo all das nicht getan, dann wäre das auch nicht weiter schlimm gewesen, denn das epochale »You’re Dead« ist ihm schließlich so außerordentlich gut gelungen, dass es uns locker über die letzten fünf Jahre geholfen hat. Bietet es doch in gerade einmal 40 Minuten einen bestechend flüssig produzierten Par-force-Ritt durch die funky music der vergangenen 45 Jahre mit fetten Grooves, ätherischen Chören, abstrakten Soundcollagen à la Zappa, Prog-Rock-Vertracktheiten, Saxophonsoli und Synthiespielereien irgendwo zwischen HipHop, Funk, Drum & Bass und Cosmic Jazz, kreisend um das Thema Tod und Vergänglichkeit. Ein Höhenkamm-Hörabenteuer!

»Flamagra« (Warp) setzt da noch einen drauf: Jetzt! Aufgemerkt! 27 Tracks in 67 Minuten zum Thema Feuer, respektive zum Thema »Feuer auf dem Hügel«. FlyLo sagt dazu: »Es sollte um Feuer gehen, um ein ewiges Feuer auf einem Hügel. Manche Menschen lieben dieses Feuer, andere hassen es. Die einen verabreden sich dort, die anderen nutzen es, um in den Flammen alte Liebesbriefe zu verbrennen.« Nun ja, so richtig viel weiter hilft dieser assoziative Rahmen beim Hören nicht, sieht man einmal von Tracks wie »Burning down the House« (mit George Clinton) oder »Fire is coming« (mit David Lynch) ab. Statt dessen gibt es hier jede Menge ziemlich kurzer Tracks, die bestimmte Ideen verfolgen, aber nicht so recht vom Fleck kommen oder in der Luft hängenbleiben. »Takashi« etwa dauert fast sechs Minuten, leistet aber wenig mehr als das gleichlange »Discoteer« von Rocko Schamoni. »Inside your Home«, eineinhalb Minuten lang, ist kaum mehr als ein gelungenes Intro für den folgenden Auftritt von Shabazz Palaces. Auch die Auswahl der Gäste, wiewohl erstklassig, hilft konzeptionell nicht auf die Sprünge. Klar, David Lynch ist eine Überraschung, George Clinton passt schon, Little Dragon weist in Richtung Pop, Thundercat sorgt eh die ganze Zeit für Spuren zurück in das hochvirtuose 70er-Jahre-Fusion-Gedaddel, und Solange hat mit »Land of Honey« nicht nur einen feinen Auftritt, sondern auch noch in musikalischer Hinsicht den besten Track des Albums zu bieten. Man muss das etwas Unbefriedigende dieses Albums allerdings nicht abwerten als Skizzensammlung oder als Bewerbungsbogen eines Produzenten, der seine Vielseitigkeit spazierenführt, dazu sind hier sehr viele Ideen einfach zu gut. Tolle Bässe, geile Beats, aber … FlyLo schöpft aus dem vollen, hat nur offenbar keine Lust, Ideen für später zu archivieren. Lieber gleich alles raus. Zudem fällt es auf, dass die aktuellen High-Profile-Figuren Flylo, Thundercat und auch Kamasi Washington, allesamt nach 1980 geboren, offenbar glauben, dass man, will man zum Spiritual Jazz zurück, die kompletten 70er Jahre rückwärts erzählen muss – mitsamt aller Irrwege und Missverständnisse.

Dass es auch anders geht, zeigt ein Album, das aus einer ganz anderen Ecke kommt. Der norwegische Gitarrist und Electroklangforscher Eivind Aarset hat sich für »Lost River« (ECM) mit dem italienischen Posaunisten Gianluca Petrella und dessen Landsmann, dem Schlagzeuger Michele Rabbia, zusammengetan, um auf Albumlänge frei zu improvisieren. Wiewohl sich die Musiker aus diversen Zusammenhängen kennen, ist die Triobesetzung eine Premiere. Auch im Falle von »Lost River« führt die Spur zurück in die 70er Jahre, zum »Ocean of Sound« (David Toop) des elektrischen Miles Davis oder zur »Fourth World«-Musik eines Jon Hassell (Night Sea Journey). Petrellas Posaune klingt zunächst noch durchaus vertraut, doch unmittelbar nach dem Einstieg werden vom Trio die diversen elektronischen Apparate und Effektgeräte aktiviert und dem Sound der Boden unter den Füßen weggezogen. Wo FlyLo die Sounds schichtet und schichtet, wird hier eher das Fenster weit aufgesperrt, um Luft zwischen die Töne zu bekommen. Trotzdem bewegen sich die Soundscapes irgendwo zwischen Improvisation, Noise und Ambient, allerdings gewissermaßen nach innen gefaltet. Wo »Flamagra« vorgibt, konzeptionell der Spur des Feuers zu folgen, will »Lost River« vom Wasser erzählen, inspiriert vom Bild eines Flusses, der in einem unterirdischen Kanal verschwindet. Flüchtige Musik.

Flying Lotus: »Flamagra« (Warp/Rough Trade)

Michele Rabbia, Gianluca Petrella & Eivind Aarset: »Lost River« (ECM/Universal)

https://www.jungewelt.de/artikel/358816.jazz-die-lücken-in-der-fülle.html