15.07.2019 / Inland / Seite 5

Status bedroht

Wattenmeer-Nationalparke seit zehn Jahren »Weltnaturerbe«. Hamburgs Elbvertiefung gefährdet diesen Titel

Burkhard Ilschner

Ende Juni 2009 erklärte die UN-Organisation für Bildung, Wissenschaft und Kultur (UNESCO) die Wattenmeer-Nationalparke der Bundesländer Niedersachsen und Schleswig-Holstein sowie das Wattenmeer-Schutzgebiet der Niederlande gemeinsam zum »Weltnaturerbe«. 2011 erfolgte die Erweiterung um Hamburgs, 2014 um Dänemarks Schutzgebiet. Das Prädikat, so etwa Niedersachsens Umweltminister Olaf Lies (SPD) bei der zentralen Jubiläumsfeier am 30. Juni in Wilhelmshaven, sei »eine Ehre, aber auch eine Verpflichtung, dieses weltweit einzigartige Ökosystem für zukünftige Generationen zu erhalten«.

Die UNESCO hängt die Latte zur Verleihung des international renommierten Titels sehr hoch: Ein Weltnaturerbe muss geologisch, ökologisch und biologisch klar definierte »außergewöhnliche universelle Werte« aufweisen, die es dann unter allen Umständen zu schützen und zu bewahren gilt. Dresden beispielsweise musste schmerzlich erfahren, dass das keine leeren Worte sind: Im Juni 2009 – ironischerweise zeitgleich mit der Verleihung des Prädikats fürs Wattenmeer – verlor das Dresdner Elbtal wegen eines vielkritisierten Brückenbaus seinen Weltnaturerbe-Titel.

Wenn es schlecht läuft für die Wattenmeer-Verantwortlichen, könnten sie Ähnliches erleben. Vier schleswig-holsteinische Umweltverbände haben sich Ende Mai brieflich an das Welterbe-Komitee der UNESCO in Paris gewandt: Die Schutzstation Wattenmeer (Husum), der Nabu-Landesverband (Neumünster), der Verein Jordsand (Ahrensburg) und das Bündnis Naturschutz in Dithmarschen (Hemmingstedt) bitten dringend darum, »die deutschen Behörden an ihre Verpflichtungen zu erinnern« und zu überprüfen, ob die »Auswirkungen auf das Welterbegebiet den zukünftigen Status des Schleswig-Holsteinischen Wattenmeers kompromittieren könnten«.

Anlass ist vor allem die Errichtung einer sogenannten Unterwasserablagerungsstätte (UWA) in der Medemrinne im Elbmündungstrichter zwischen Cuxhaven und Marne. Diese Rinne, ein bis zu zehn Meter tiefer Wattstrom, bildet die südliche Grenze des Nationalparks und Weltnaturerbegebiets auf schleswig-holsteinischer Seite. Im Zuge der lange und heftig kritisierten, nun aber höchstrichterlich genehmigten und prompt begonnenen Elbvertiefung (jW vom 1. Oktober 2018) wird diese Medemrinne derzeit mittels Aufschüttung eines starren Unterwasserdamms verschlossen, damit dahinter im weiteren Verlauf der Flussvertiefung ausgebaggerte Schlickmassen eingelagert werden können.

Zwar werde, so die Verbände weiter, amtlich eingeräumt, »dass das Bauwerk die Tidenströmungen im UNESCO-Weltnaturerbe verändern« werde. Dennoch habe es »keine Umweltverträglichkeitsprüfung zur Auswirkung auf die Schutzgüter des Weltnaturerbes Wattenmeer gegeben«. Auch hätten die Planfeststellungsbehörden das Komitee nicht vorab über den Eingriff informiert – obwohl Deutschland mit Annahme des Prädikats »Weltnaturerbe« gegenüber der UNESCO die Verpflichtung eingegangen sei, das Wattenmeer »nach bestem Wissen und Gewissen gegenüber anthropogenen Schädigungen zu schützen«. Die Verbände befürchten explizit, dass »die Watten im südlichen schleswig-holsteinischen Wattenmeer in ihrer bedeutenden Funktion als Nahrungsgebiete für Brut- und Zugvögel direkt, folgenschwer und langfristig geschädigt werden«. Dadurch sei die Artenvielfalt des Wattenmeers – »eine der größten weltweit« – bedroht.

Einzelne Nationalpark-Fachleute, etwa bei Kongressen wie dem jüngsten Meeresumweltsymposium Anfang Juni in Hamburg, zeigen sich besorgt, wie die UNESCO auf den Vorstoß der Verbände reagieren wird. Offiziell indes wird auf den Kieler Umweltminister Jan Philipp Albrecht (Grüne) verwiesen, der Ende Juni erklärt hatte, mögliche Auswirkungen der Elbvertiefung seien »Gegenstand umfangreicher Untersuchungen und Erörterungen gewesen«, es bestehe »aus formalrechtlichen Gründen derzeit kein verwaltungsrechtlicher Ansatzpunkt, (…) die Bauarbeiten zur Fahrrinnenanpassung zu stoppen«. Bei »nicht vorhergesehenen nachteiligen Auswirkungen der Fahrrinnenanpassung« gebe es gleichwohl planfeststellungsrechtlich einen »Vorbehalt für die Anordnung ergänzender Maßnahmen«. Solche Nachbesserungen hatte Dresden seinerzeit auch versucht – vergeblich …

https://www.jungewelt.de/artikel/358681.unesco-status-bedroht.html