09.07.2019 / Feuilleton / Seite 11

Tsipras’ letzte Lieferung

Tagebuch eines deutschen Griechen. 7.Juli 2019

Asteris Kutulas

Gestern abend war ich bei Dimitris, einem Freund, der eine Werbeagentur leitet. Wir sahen uns die Fernsehdebatten nach der Wahl an. Als die Wahlergebnisse bekannt waren, fragte ich ihn nach seiner Meinung. Dimitris streckte mir drei Finger entgegen: »Es gibt drei Sieger bei diesen Wahlen in Griechenland: die Demokratie, die rechts-konservative Partei ›Neue Demokratie‹ (ND) und die sozialistische Partei Syriza. Die Demokratie, weil die faschistische Partei ›Goldene Morgendämmerung‹ an der Drei-Prozent-Klausel gescheitert und darum nicht länger im Parlament vertreten ist. Die ›Neue Demokratie‹, weil sie mit ihrem Spitzenkandidaten Kyriakos Mitsotakis die Wahl mit fast 40 Prozent gewonnen hat und die Regierung bilden wird. Syriza, weil für die Partei von Alexis Tsipras die 31,5 Prozent Zustimmung einen beachtlichen Erfolg darstellen und Syriza damit die im Vergleich stärkste europäische sozialistische Partei geworden ist.«

Eine Minute, nachdem die Ergebnisse bekanntgegeben wurden, akzeptierte Syriza die Wahlniederlage; wenig später rief Tayyip Erdogan den zukünftigen griechischen Ministerpräsidenten an und gratulierte ihm zum Sieg. Dagegen fällt der Freudentaumel der Anhänger des Wahlgewinners sehr bescheiden aus. Kein Überschwang, kein Fahnenmeer, keine Autokorsos. Das Volk bleibt zu Hause vor den Fernsehapparaten und wartet ab.

Wassilis Aswestopoulos, ein guter Freund und exzellenter Autor, der als Fotoreporter für deutsche Medien in Griechenland arbeitet, erläutert mir seine Sicht auf die Situation: »Mitsotakis hat – anders als Tsipras und seine konservativen Vorgänger – auf Fahnen schwingende und Parolen brüllende Parteihelfer bei seinen Wahlveranstaltungen verzichtet. Sein Wahlkampf orientierte sich an westlichen Vorbildern. Er erinnerte mehr an Obama als an die üblichen, populistischen Volkstribunen, denen die Griechen bislang ihre Stimme gaben. Mitsotakis wirkt wie ein College Boy, wie eine griechische Kennedy-Version. Er möchte eine Gesellschaft der Eliten schaffen. Nicht mehr die Familie, sondern Ausbildung und individuelle Leistung sollen die Berufslaufbahn bestimmen. Der Spross eines der größten Familienclans hat der Clanherrschaft den Kampf angesagt. »MetonKyriako« (Mit Kyriakos) hieß der von der Partei in sozialen Medien verbreitete Hashtag, der die Familienbande in den Hintergrund stellen soll.« Wassilis war noch ein Punkt wichtig: »Mit einer knallharten Law-and-Order-Politik möchte die Partei die bislang an rechtsextreme Parteien verlorenen ›besorgten Bürger‹ zurückgewinnen. Und den Verlierern der Krise, den Armen, verspricht Mitsotakis das bedingungslose Grundeinkommen. Er sieht sich als Vertreter des ganzen Volkes und nicht nur als Vertreter seiner eigenen politischen Klientel.«

Wie eine Bestätigung dessen kam in einer der zahllosen Debatten im Fernsehen folgende Erklärung von Makis Voridis, dem Fraktionsvorsitzenden der ND: »Mitsotakis ist kein Demagoge. Er hat alles angekündigt, was wir jetzt umsetzen wollen. Wir hatten und haben keine Hidden Agenda. Deshalb ist unser Programm vom griechischen Volk gewählt worden. Genau das werden wir umsetzen.« Für einige Griechen hört sich das wie ein Neuanfang an, für andere wie eine Drohung.

Kurz darauf erscheint Tsipras vor den Kameras. Er sieht vollkommen entspannt – und irgendwie erleichtert aus. Er gratuliert Mitsotakis und bemerkt, dass seine Regierung vor vier Jahren eine katastrophale Situation, ein Land in Auflösung und kurz vor der Verarmung übernommen hatte, jetzt aber ein Griechenland an Mitsotakis übergibt, in dem die Arbeitslosigkeit halbiert wurde, die Staatskassen saniert sind, das Land den europäischen Rettungsschirm verlassen konnte und eine Reserve von 32 Milliarden der zukünftigen Regierung viel Gestaltungsfreiheit bietet.« Und tatsächlich berichteten Medien in den letzten Monaten, dass sich die Brüsseler Bürokraten immer wieder anerkennend äußerten: »Tsipras liefert«. Jetzt, scheint es, kam die letzte Lieferung.

Asteris Kutulas ist Autor, Filmemacher und Konzeptkünstler und lebt in Berlin

https://www.jungewelt.de/artikel/358343.griechenland-tsipras-letzte-lieferung.html