06.07.2019 / Geschichte / Seite 15

Panzer und Knutschkugeln

Vor 120 Jahren wurde Italiens bedeutendstes Industrieunternehmen gegründet – die Fabbrica Italiana Automobili Torino (FIAT)

Gerhard Feldbauer

Am 11. Juli 1899 entstand in Turin die Fabbrica Italiana Automobili Torino (FIAT). Zu den acht Gründern gehörte der Sohn eines vermögenden Grundbesitzers und Offizier der Kavallerie, Giovanni Agnelli (1866–1945), Großvater Gianni Agnellis (1921–2003), der nach 1945 die Geschicke des Unternehmens lenkte. Giovanni Agnelli, der zum eigentlichen Besitzers des Konzerns aufstieg, erkannte wie Carl Benz und Gottlieb Daimler in Deutschland, dass an die Stelle der Pferdedroschke das Auto als entscheidendes Verkehrsmittel treten würde. Das erste Fahrzeug, der »FIAT 1899«, sah wie eine kleine Kutsche aus und bot zwei bis drei Personen Platz. Der 4,2-PS-Heck-Motor mit einem Hubraum von 679 Kubikzentimeter schaffte maximal 40 Kilometer pro Stunde. 1903 wurde der erste schwere Laster, der Fünftonner »24 HP«, hergestellt. Im Jahr 1906 wurden insgesamt 1.149 Fahrzeuge produziert, von denen 300 nach England gingen.

Mit der Übernahme der Ansaldi-Werke 1906 entstand mit Fiat-Ansaldi, aus der die Brevetti-Fiat-Gesellschaft hervorging, das größte italienische Industrieunternehmen, das nicht nur Autos produzierte. Schon seit 1903 stellte Ansaldi Schiffs-und Flugzeugmotoren her. 1916 wurde die Società Italiana Aviazione (SIA) gegründet, die, 1918 in Fiat-Aviazione umbenannt, das Jagdflugzeuge »Fiat G.5« herstellte. Im Ersten Weltkrieg stieg Fiat dann zum größten Rüstungskonzern Italiens auf. Hinzu kamen Werften und eisenverarbeitende Fabriken. 1917 wurde der erste Prototyp eines Panzers, der »Fiat 2000«, gebaut.

Mit Mussolini

Agnelli finanzierte mit Conti (Elektrosektor), Donegani (Chemie) und Pirelli (Reifen) 1915 das Kampfblatt Benito Mussolinis, Il Popolo d'Italia, das den Kriegseintritt Italiens an der Seite der Entente forderte. Seit 1919 trugen die Herausgeber mit kräftigen Finanzspritzen zum Aufstieg des Faschismus unter Mussolini bei. Zum Dank für Agnellis »großen Beitrag zur faschistischen Propaganda« ernannt ihn der »Duce« 1923 zum Senator.

In den 1920er und 1930er Jahren dominierte Fiat europa- und weltweit die Autoproduktion. Und lieferte auch weiter Kriegsgerät. So 1935/36 an die italienische Kolonialarmee. FIAT-Panzer wurden bei der brutalen Eroberung Äthiopiens eingesetzt. Aus den in Turin produzierten Flugzeugen wurde das Giftgas Yperit abgeworfen.

Nach der Niederlage der Wehrmacht bei Stalingrad 1942/43 gehörte Giovanni Agnelli zu den führenden Wirtschaftsvertretern, die erkannten, dass Hitlerdeutschland den Krieg nicht mehr gewinnen konnte. Um nicht in die Niederlage hineingezogen zu werden, wechselte er auf die Seite der Palastverschwörer, die sich im Juli 1943 Mussolinis entledigten. Während Agnelli sich zu der von Vittorio Emanuele III. eingesetzten Regierung von Marschall Pietro Badoglio in den von den Angloamerikanern besetzten Süden begab, schickte er Generaldirektor Vittorio Valletta in das von der Wehrmacht besetzte Norditalien zur Konzernzentrale nach Turin. Dort hielt dieser die Kriegsproduktion aufrecht, unterdrückte den Arbeiterwiderstand und sorgte bis Kriegsende für höchstmögliche Profite. Das Nationale Befreiungskomitee für Oberitalien, ein Organ der antifaschistischen Einheitsregierung, setzte Valletta deshalb auf die Liste der faschistischen Kriegsverbrecher. Vor der Festnahme durch Partisanen retteten ihn im April 1945 US-amerikanische Offiziere. Vallettas Stellvertreter, Giancarlo Camerana, hatte im Auftrag Agnellis vorher in Bern mit Allen Dulles, dem Chef des Office of Strategic Services (OSS), der Vorläuferorganisation der CIA, die Nachkriegsexistenz von Fiat geregelt.

Nach 1945 erwirtschaftete FIAT seinen gewaltigen Umsatz nur noch etwa zur Hälfte im Autosektor. Das Unternehmen verfügte über den Raumfahrtkonzern SNIA, der an Raumfahrtprojekten von Arianespace und Eureka beteiligt war und Motoren und Hitzeschilde für Satelliten und Raketentreibstoff für das US-Space-Shuttle und Militärraketen lieferte. »Fiat Aviazione« stellte Flugzeugtriebwerke, Schiffsantriebe und Gasturbinen her. Die breit gefächerte Produktion des in fast 60 Ländern mit 1.051 Gesellschaften und 1,2 Millionen Beschäftigten präsenten Konzerns reichte vom Hoch- und Tiefbau über den Maschinenbau, darunter Lokomotiven und Strassenbahnen, Telekommunikations- und Automatisierungstechnik, Eisen- und Stahlproduktion bis zur Lebensmittelbranche, schloss Verlage, Werbung und die hauseigene Tageszeitung La Stampa ein.

Expansion

FIAT-Auto konkurrierte in den 1970er Jahren mit Volkswagen um den ersten Platz in Europa. Der Konzern erwarb Alfa Romeo und Ferrari, kaufte sich bei Maserati ein, übernahm die Mehrheit des Kleinwagenherstellers Innocenti und hatte Anfang der 1990er Jahre nahezu die gesamte italienische Autoproduktion in seiner Hand. Nach dem Ende des Sozialismus in Osteuropa fasste FIAT-Auto in Ungarn, Jugoslawien und Polen Fuß und gewann in Russland neue Absatzmärkte.

Als Gianni Agnelli im Januar 2003 81jährig starb, trat sein Bruder Umberto an die Spitze des Familienunternehmens. Nach dessen Tod gut ein Jahr später übernahm der zu den FIAT-Erben gehörende Luca Cordero di Montezemolo die Präsidentschaft. Ihm folgte 2010 ein Enkel Agnellis, John Elkann.

2014 übernahm FIAT den US-Autobauer Chrysler (Jeep, Dodge und Ram) und bildete mit Alfa Romeo, Lancia und Abarth das Unternehmen Fiat Chrysler Automobiles (FCA). 2019 wollte der US-Italiener eine Allianz mit Renault schließen, um hinter Toyota und VW drittgrößter Autokonzern Europas, unter Einschluss des Renault-Partners Nissan eventuell sogar weltgrößter zu werden. Der Vorstoß scheiterte, zumindest vorerst. Eine Rolle dürfte vor allem gespielt haben, dass mit der bunten Mischung sehr verschiedener Automarken von Renault, Dacia und Lada über Fiat, Alfa Romeo und Lancia bis zu Chrysler und Jeep ein schwer zu leitendes Riesenimperium entstanden wäre.

An den Hebeln der Macht

Nach 1945 passte FIAT sich an die neuen Machtverhältnisse an und sicherte seinen Einfluss. La Stampa wies die Einmischung Washingtons in die Innenpolitik zurück. Italien sei »kein Protektorat der USA, in dem es erlaubt sei, zu begünstigen und zu intervenieren oder Regierungen zu stürzen und zu machen«, schrieb die Fiat-Zeitung am 28. Oktober 1975. Das war Parteinahme für die »Historischer Kompromiss« genannte Regierungszusammenarbeit des Vorsitzenden der Democrazia Cristiana (DC), Aldo Moro, mit IKP-Generalsekretär Enrico Berlinguer. Nach der Umwandlung der Kommunistischen Partei in eine sozialdemokratische Linkspartei favorisierte FIAT lange Jahre deren reformistischen Kurs. Gianni Agnellis Schwester Susanna war Staatssekretär im Außenministerium und stieg 1995 mit FIAT-Hilfe zur ersten Außenministerin Italiens auf.

Gianni Agnelli widersetzte sich dem Vorhaben des von der faschistischen Putschloge P2 an die Macht gehievten Medienunternehmers und Chefs der faschistischen Forza Italia, Silvio Berlusconi, ihn vom ersten Platz der italienischen Kapitalbesitzer zu verdrängen. Dass Berlusconi »den alten Industrieadel« ausschalten wolle, sorge »für Zwiespalt im Unternehmerlager«, warnte die FAZ am 4. Juni 2002. Als die Financial Times Deutschland am 6. April 2010 von einem »Bündnis gegen ­Berlusconi« schrieb, zog die Fäden dafür kein Geringerer als FIAT-Präsident Luca Cordero di Montezemolo, der Berlusconi für den »Bankrott« des Landes« und die »beispiellose Staatskrise« verantwortlich machte.

Die Gründung von »Fiat Chrysler Automobiles« vermittelte in Rom den Eindruck, dass damit die Ära FIAT als Repräsentant des »alten Industrie-Adels«, der maßgeblich die Geschicke des Landes mitbestimmte, zu Ende ging.

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