05.07.2019 / Sport / Seite 16

Mentalitätsmonster

Die Titelverteidigerinnen USA treffen im Finale der Fußball-WM auf die Europameisterinnen aus den Niederlanden

Rouven Ahl

Der amtierende Weltmeister USA ist weiterhin die dominierende Kraft im Fußball der Frauen und steht auch bei diesem Turnier im Finale. Der dramatische 2:1-Erfolg am Dienstag gegen England war dabei nicht immer von fußballerischer Finesse geprägt. Vielmehr zeichnet sich das Spiel der USA generell durch eine schier unbändige Wucht aus, die die Gegnerinnen auch mental zu überrollen scheint. Kein Wunder, hat man doch seit 16 Spielen bei Weltmeisterschaften nicht mehr verloren – und turnierübergreifend elf Partien in Folge gewonnen.

»Sie sind das beste Team wegen ihrer Mentalität. Die USA wissen, wie man gewinnt«, sagte dann auch England-Coach Phil Neville nach dem Spiel. Genau dieses gewisse Etwas, das man nicht trainieren kann, hat seiner Mannschaft in der 84. Minute gefehlt. Da versagten die Nerven von Englands Kapitänin Steph Houghton – mit ihrem Strafstoß scheiterte sie an Torhüterin Alyssa Naeher.

»Das war so ein großer Moment«, zeigte sich auch die bisher beste Spielerin des Turniers, Megan Rapinoe, von der Leistung ihrer Keeperin beeindruckt. Rapinoe dominierte mit ihren kritischen Aussagen über US-Präsident Donald Trump bislang die Schlagzeilen bei dieser Weltmeisterschaft.

Die 34jährige, die sich 2012 als erste US-Fußballerin zu ihrer Homosexualität bekannte, konnte sportlich im Halbfinale jedoch keine Akzente setzen. Sie fehlte aufgrund einer Oberschenkelverletzung.

Ihre Vertreterin Christen Press war es, die in der zehnten Minute die Führung für die USA markierte. Die Engländerinnen zeigten sich jedoch unbeeindruckt und erzielten nur neun Minuten später durch einen sehenswerten Treffer von Ellen White den Ausgleich. US-Superstar Alex Morgan sorgte in der 31. Minute für jenes Tor, das ihrer Mannschaft den dritten Einzug in ein WM-Finale in Folge bescherte.

Morgan, die ihren Treffer mit einem Schluck aus einer imaginären Teetasse feierte, machte wie Kollegin Rapinoe (»Ich gehe nicht in das fuckin’ Weiße Haus«) bereits zuvor deutlich, bei einem Triumph im Endspiel eine Einladung von Trump ausschlagen zu wollen.

Doch bis es soweit ist, müssen die USA noch ein Spiel bestreiten. In Lyon treffen Morgan, Rapinoe und Co. auf die Europameisterinnen aus den Niederlanden, die sich im zweiten Halbfinale mit 1:0 nach Verlängerung gegen Schweden durchsetzten (Torschützin: Jackie Groenen, 99. Minute). Die hatten zuvor im Viertelfinale das deutsche Team ausgeschaltet.

Das US-Team geht dabei als klarer Favorit in das Endspiel am kommenden Sonntag. Auch aufgrund der bisherigen Leistungen der Niederländerinnen, die ihr großes Offensivpotential noch nicht auf den Platz bringen konnten.

Dabei verfügt das Team von Trainerin Sarina Wiegman im Angriff über zwei echte Ausnahmespielerinnen: Vivianne Miedema (61 Tore in 81 Länderspielen – mit erst 22 Jahren!) und die Weltfußballerin von 2017, Flügelspielerin Lieke Martens.

Gerade bei letzterer ist eine erhebliche Steigerung nötig, wollen die Niederländerinnen bei ihrer ersten Finalteilnahme Sand in das Getriebe der Mentalitätsmonster aus den USA streuen.

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