04.07.2019 / Titel / Seite 1

Freispruch für den Serienkiller

Kriegsverbrechen des US-Elitesoldaten Edward Gallagher bleiben ungesühnt. Unterstützung durch Trump und US-Navy

Frederic Schnatterer

Das Urteil hat Signalwirkung. Am Dienstag (Ortszeit) hat ein US-Militärgericht im kalifornischen San Diego den wegen Kriegsverbrechen angeklagten Edward Gallagher in praktisch allen Punkten freigesprochen. Der ranghohe Offizier der Spezialeinheit US Navy Seals war 2017 im Einsatz im Irak. Dabei soll er laut Anklage unter anderem einen verletzten Gefangenen mit seinem Jagdmesser erstochen und später mit der Leiche des Jugendlichen für Fotos posiert haben. Zudem soll der hochdekorierte Scharfschütze aus einem Versteck heraus unbewaffnete Zivilisten erschossen haben, unter ihnen ein Schulmädchen.

Nach zwei Verhandlungswochen kam die US-Jury nun zu dem Schluss, dass Gallagher kein Mörder sei. Als einzigen Punkt der Anklage, in dem der Elitesoldat schuldig gesprochen wurde, blieb nur noch das Posieren mit der Leiche des gefangenen Jugendlichen, wofür ihn voraussichtlich eine Höchststrafe von vier Monaten erwarten wird. Da Gallagher schon neun Monate in Untersuchungshaft saß, kommt auch dieses Urteil einem Freispruch gleich. Oder, wie sein Verteidiger Timothy Parlatore es am Dienstag ausdrückte: »Er geht also nach Hause«.

Die Anklage, die auf Aussagen ehemaliger Untergebener seiner Einheit fußte, liest sich wie das Drehbuch eines Splatterfilms: Neben den oben beschriebenen Taten habe es Gallagher (Spitzname: Klinge) Freude bereitet, Raketen auf Wohnhäuser zu schießen. Wenn er nicht gerade einen Panzerwagen auf einer Ti­gris-Brücke parkte, um von dort aus das Maschinengewehr auf ein bewohntes Viertel leerzuballern, habe er in einem Hinterhalt gelegen und mit seinem Scharfschützengewehr wahllos auf Zivilisten geschossen. Hinterher habe er regelmäßig mit der Anzahl der von ihm Ermordeten geprahlt – laut eigener Aussage täglich drei über einen Zeitraum von 80 Tagen.

Ab dem Moment, als die ersten Anschuldigungen gegen Gallagher aufkamen, hatten ranghohe Mitglieder der Navy Seals versucht, die Aufnahme von Ermittlungen zu behindern und ihren Kameraden zu decken. Und auch außerhalb der von Korpsgeist geprägten Truppe hatte »Eddie« jede Menge Fans. Eine von seiner Familie in die Wege geleitete Spendenkampagne brachte fast 750.000 US-Dollar zusammen. Im März verfassten 40 republikanische Kongressabgeordnete einen Brief, in dem sie die Navy dazu aufforderten, Gallagher freizulassen. Kurz darauf mischte sich US-Präsident Donald Trump in die Sache ein und veranlasste die Verbesserung der Haftbedingungen des nun Freigesprochenen, was er auf Twitter mit dessen »früheren Verdiensten für unser Land« begründete. Im Mai hatten mehrere US-Medien berichtet, dass Trump im Falle einer Verurteilung Gallaghers eine Begnadigung in Betracht ziehe.

Unterdessen bekommen diejenigen, die die von US-Einheiten verübten Kriegsverbrechen aufdecken, die volle Härte der Justiz zu spüren. So Whistleblowerin Chelsea Manning, die von März bis Mai durch Beugehaft zu einer Aussage gegen Julian Assange gebracht werden sollte. Als IT-Spezialistin der US-Armee am Irak-Einsatz beteiligt, wurde Manning im August 2013 wegen Spionage zu 35 Jahren Gefängnis verurteilt. Anfang 2017 begnadigte der scheidende US-Präsident Barack Obama sie in einer seiner letzten Amtshandlungen. Die Whistleblowerin hatte Material von Servern der US-Armee heruntergeladen und dieses der Enthüllungsplattform Wikileaks zugespielt. Deren Gründer Assange kämpft derzeit gegen seine Auslieferung an die USA, wo ihm bis zu 175 Jahre Haft drohen.

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