24.06.2019 / Inland / Seite 5

Das ist doch kein »Mangel«

»Pride Parade« in Berlin: Solidarität mit Menschen mit sichtbaren oder unsichtbaren Behinderungen

Andreas Siegmund-Schultze

Rund 1.200 Menschen versammelten sich am Sonnabend in Berlin zu einer ganz besonderen Demonstration. An der Jannowitzbrücke im Bezirk Mitte rüsteten sie zur inzwischen sechsten »Pride Parade«. Der Aufzug, der in diesem Jahr unter dem Motto »Kämpfe verbinden, Normen überwinden« stand, orientiert sich an der »Mad-and-Disability-Pride«-Bewegung in den USA, bei der behinderte Menschen sich selbst und ihre Lebensstile feiern. Schon um 14 Uhr, eine Stunde vor dem offiziellen Beginn, trafen sich am Startpunkt unmittelbar am Spreeufer die ersten Teilnehmerinnen und Teilnehmer, ein paar Straßen weiter schmückten zeitgleich Mitglieder des Vorbereitungsteams die verschiedenen Paradewagen.

Viele hatten selbstgemachte Schilder dabei, auf einem stand »Kein Mängelexemplar«, auf einem anderen »Ability is cureable« (Befähigung ist heilbar). Während Polizeibeamte akribisch das Inventar des Lautsprecherwagens untersuchten, bevor sich die Parade Richtung Kreuzberg in Bewegung setzen konnte, dröhnt laute Popmusik aus den Boxen. Im Verlaufe der Parade beließen es die Staatsbediensteten dabei, rund um die Demo den Verkehr zu regeln.

»Niemand darf ausgegrenzt werden, weil man der Norm nicht entspricht«, forderte eine Rednerin. Unabhängig von sichtbaren oder unsichtbaren Behinderungen. Demonstriert wurde gemeinsam für die Gleichbehandlung aller Menschen im Alltag. Eine Gruppe von sechs Personen übersetzte das Programm permanent in deutsche Gebärdensprache. Vorgestellt und überall sichtbar waren auch Grüppchen in verschiedenfarbigen Leibchen: einige kümmerten sich um Übersetzungen, andere waren im Auftrag des Organisationsteams unterwegs. Eine »Awareness«-Gruppe (Bewusstsein), sollte mit dafür sorgen, dass es allen gutgeht. Am Ende des Aufzugs stand ein Ruhewagen bereit. Seit Jahren gelingt es dem Organisationsteam der Parade, sie nicht nur stets liebevoll zu gestalten, sondern auch weiterzuentwickeln.

Für viele scheint das Ereignis einen festen Platz im Kalender zu haben: Einer der vielen Menschen im Rollstuhl führte gleich die Paradesticker der zurückliegenden fünf Jahre mit sich. Eine »Schwester Pia«, die sich jW als »Nonne vom Orden der Schwestern der Perpetuellen Indulgenz« vorstellte (eine der LGBT-Szene nahestehende Organisation), verteilte gratis Safer-Sex-Material und sammelte Spenden für Menschen, die von HIV und AIDS betroffen sind.

In einem weiteren Teil der Demonstration agierte der Block einer Kampagne, die Gerechtigkeit für William Tonou-Mbobda fordert. Der 34jährige aus Kamerun war am 26. April verstorben, weil er wenige Tage zuvor von Sicherheitsbeamten des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf schwer misshandelt worden war. Tonou-Mbobda hatte sich freiwillig in die psychiatrische Abteilung des Krankenhauses begeben und wollte ihm verordnete Medikamente nicht einnehmen, infolgedessen kam es zu den Übergriffen (jW berichtete).

Während einer Zwischenkundgebung am Kreuzberger Moritzplatz gab es zum Fall auch einen Redebeitrag. Tonou-Mbobda sei »Opfer sowohl von Rassismus als auch von Ableismus« (Feindschaft gegenüber Behinderten) geworden, hieß es. Durch Beiträge und Transparente waren in diesem Jahr auf der Parade auch die Debatten um den dritten Geschlechtseintrag »divers«, die Pränataldiagnostik sowie die Diskriminierung von Gehörlosen und Menschen mit Autismus stark präsent.

Den Abschluss bildete das Bühnenprogramm vor dem »Südblock« am Kottbusser Tor. Dort wurde mit der »Glitzerkrücke« auch ein alljährlicher Negativpreis für Diskriminierung durch das Publikum vergeben. Die Krücke ging diesmal an das Klinikum Frankfurt-Höchst, dessen psychiatrische Abteilung jüngst dadurch Schlagzeilen machte, dass dort im Jahr 2018 Patienten teilweise bis zu acht Wochen am Bett fixiert wurden.

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