14.06.2019 / Ausland / Seite 2

Rätselraten um Öltanker

Nach mutmaßlichen Angriffen: Zwei Schiffe im Golf von Oman in Seenot

Knut Mellenthin

Zwei Öltanker sind am Donnerstag morgen im Golf von Oman in Seenot geraten, nachdem sie offenbar angegriffen worden waren. Dadurch spitzt sich die Kampagne der USA, Israels und einiger arabischer Monarchien gegen den Iran erneut zu. Erst vor einem Monat, am 12. Mai, waren in derselben Region Anschläge mit Magnetminen gegen vier Tanker verübt worden, von denen zwei für Saudi-Arabien, einer für die Vereinigten Arabischen Emirate und einer für Norwegen fuhren. Es gab Sachschäden in Form von bis zu drei Meter großen Löchern in den Bordwänden, aber keine Verletzten.

Vor allem der als Kriegstreiber bekannte Nationale Sicherheitsberater des US-Präsidenten, John Bolton, machte damals sofort den Iran für die vier Anschläge verantwortlich. Er behauptete sogar, über eindeutige Beweise zu verfügen, die er dem UN-Sicherheitsrat vorlegen werde. Er blieb sie aber bis heute schuldig. Am 6. Juni präsentierten die drei betroffenen Staaten dem Rat die ersten Ergebnisse ihrer gemeinsamen Untersuchung. Sie kamen lediglich zur Schlussfolgerung, dass die Angriffe vom 12. Mai Teil einer »hochentwickelten und koordinierten Operation« gewesen seien, wie sie wahrscheinlich nur einem »staatlichen Akteur« zuzutrauen sei. Sie beschuldigten jedoch in diesem Bericht nicht den Iran.

Was gestern genau geschah, blieb zunächst unklar. Während es in Teheran hieß, die insgesamt 44 Besatzungsmitglieder seien von iranischen Schiffen aufgenommen worden, scheinen auch andere Nationen an Rettungsaktionen beteiligt gewesen zu sein. Selbst einfache Sachverhalte, wie etwa die Eigentümer der beiden Tanker und ihre Zielorte, wurden unterschiedlich berichtet. Vielfach hieß es, eines der Schiffe sei nach Singapur und das andere nach Taiwan unterwegs gewesen. Davon abweichend sagte der japanische Industrieminister Hiroshige Seko ohne weitere Details, beide Schiffe hätten »Japan-bezogene Fracht« an Bord gehabt.

Das lenkt den Blick auf den politischen Hintergrund der spektakulären Vorgänge: Seit Mittwoch hielt sich Shinzo Abe als erster japanischer Regierungschef seit 41 Jahren in Teheran auf. Am Donnerstag morgen traf er mit »Revolutionsführer« Ali Khamenei zusammen. Erklärtes Ziel dieses Staatsbesuchs war es, den Dialog mit dem Iran aufrechtzuerhalten und zu stärken.

Damit gibt es auf die Frage, wer zu genau diesem Zeitpunkt an Terrorakten interessiert sein könnte, die diesen Dialog stören und gefährden, zumindest eine klare Antwort: die iranische Regierung, der iranische Staat ganz sicher nicht. Außenminister Mohammed Dschawad Sarif bezeichnete deshalb Zeitpunkt und Umstände der Angriffe als »verdächtig«. Wie schon nach den Anschlägen am 12. Mai betonte Sarif, eine dringend notwendige politische Schlussfolgerung sei es, einen »regionalen Dialog« zu fördern und ein Forum der Anrainerstaaten des Persischen Golfs zu bilden. Das sind neben dem Iran auch dessen Nachbarstaat Irak sowie Kuwait, Bahrain, Katar, Oman und vor allem Saudi-Arabien.

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