11.06.2019 / Ansichten / Seite 8

Fassadengestalter des Tages: Die Grünen

Kristian Stemmler

Sie sind die Shootingstars der Politik, die neue hippe Volkspartei. Die Grünen rangieren in den Umfragen bereits gleichauf mit einer hilflos agierenden CDU. Und jetzt müssen sie liefern. Doch die Ökopartei hat gewisse Probleme, denn mit der Einführung des Dosenpfands war ihr Programm abgearbeitet. Alles, was Umwelt, Natur oder Klima wirklich retten könnte, stellt hingegen den Lebensstil ihrer Klientel oder gar das System an sich in Frage – wie zum Beispiel: SUV verbieten oder Energiekonzerne verstaatlichen.

Aber die Grünen sind Profis, sie wissen, was der Wähler wirklich will. Ein wenig simulierten Antikapitalismus, gefühlten Umweltschutz, ein paar kleinteilige Vorschläge, irgend etwas zu verbieten oder zu begrenzen. Häppchenpolitik sozusagen. Die beiden Fraktionschefs der Grünen im Bundestag, Katrin Göring-Eckardt und Anton Hofreiter, haben am Wochenende schon mal vorgemacht, wie das geht.

Hofreiter forderte in Bild am Sonntag, noch in diesem Jahr bundesweit Pfandsysteme für Mehrwegkaffeebecher einzuführen. Göring-Eckardt schlug in den Zeitungen der Funke-Mediengruppe vor, Onlineversandhändlern wie Amazon zu verbieten, neuwertige Waren nach deren Rücksendung zu vernichten. Sie sprach von einer »Perversion der Wegwerfgesellschaft«. Im Schnitt werde jedes sechste Paket zurückgeschickt, rechnete die Politikerin vor, das seien fast 500 Millionen Produkte im Jahr.

Von solchen Vorstößen werden wir demnächst höchstwahrscheinlich noch mehr erleben. Denn die Fassade das Kapitalismus wird zwecks besserer Verkaufe gerade frisch begrünt. Wenn die Packer bei Amazon in ihren kurzen Pausen demnächst den Kaffee aus Mehrwegbechern trinken und das leere Behältnis anschließend zum entsprechenden Pfandautomaten bringen dürfen, ist das doch auch eine Verbesserung ihrer Arbeitsbedingungen.

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