25.05.2019 / Leserbriefe / Seite 14

Aus Leserbriefen an die Redaktion

Zum Tod von Wiglaf Droste

Zu jW vom 17.5.: »Hier war ich ja noch nie …!«

Wir haben ihn nicht persönlich gekannt, aber durch seine geistreichen Wortspiele, seine skurrilen Geschichten, seine scharfen und treffenden gesellschaftlichen Beobachtungen, seine oft mit einem Augenzwinkern versehenen Gedichte und überhaupt durch seine scharfsinnigen Äußerungen ist er uns so vertraut geworden wie ein alter Bekannter. Und wir – wie bestimmt sehr viele andere auch – werden ihn vermissen (…).

Mechthild und Adolf Schäfer, Teltow

Infamer Vergleich

Zu jW vom 20.5.: »Verdinglichter Fetisch«

Der Vergleich der BDS-Kampagne mit dem Boykott jüdischer Geschäfte im faschistischen Deutschland, den die Bundestagsmehrheit in ihrem Beschluss vom 15. Mai zieht, ist ebenso grotesk wie infam. Für die Abgeordneten weckt die BDS-Kampagne »unweigerlich Assoziationen zu der NS-Parole ›Kauft nicht bei Juden!‹« (Bundestagsdrucksache 19/10191). Sie erklären allen Ernstes, BDS erinnere »an die schrecklichste Phase der deutschen Geschichte«. Man muss sich vor Augen halten: Damals wurden einfache Bürger mit ihren Familien, Angehörige einer entrechteten Minderheit, in ihrer Existenz bedroht. Ihre Entrechtung diente der Vorbereitung des Völkermords. Mit der BDS-Kampagne versuchen Angehörige einer machtlosen und rechtlosen nationalen Minderheit und ihre Unterstützer, einen mächtigen und zusätzlich von der Supermacht USA gestützten Staat zur Einhaltung von menschenrechtlichen und völkerrechtlichen Normen zu bewegen. Der verrückte Vergleich dient wie die ganze bundesdeutsche Politik gegenüber israelischen Regierungen dazu, die historische Schuld abzuschütteln, sich die Absolution zu holen. Kein Gedanke daran, dass sich die Geschichte wiederholt. So wie damals wird heute eine Minderheit von der internationalen Gemeinschaft allein gelassen. Die erweiterte Definition von Antisemitismus liefert jede Kritik an Israels Politik der Zensur aus. Kein Wunder, dass sich damit nun Antisemitismus unter Muslimen ausmachen lässt. Den anzuprangern oder gar dem Islam eine antisemitische Tendenz zu attestieren, ist eine neue Strategie der Entlastung und Schuldverschiebung. Unsere Väter mögen mörderische Antisemiten gewesen sein, so die Botschaft, aber heute sind wir im Gegensatz zu vielen Muslimen frei davon.

Prof. Georg Auernheimer, Traunstein

Antikapitalismus bei Bertelsmann?

Zu jW vom 15.5.: »›Der Kapitalismus kann nicht reformiert werden‹«

Als Interviewer einer linken Zeitung könnte man wenigstens mal nachfragen, warum Ziegler seine Bücher »ausgerechnet beim Nestlé-Konzern des globalisierten Buchmarktes« (Hans-Peter Siebenhaar im Handelsblatt) veröffentlicht. Wenn man selber von Bertelsmanns Machenschaften betroffen ist, könnte man Zieglers Bertelsmann-Kooperation wahlweise für zynisch oder naiv halten. Meine Meinung: Zeit für Ziegler, sich mal nach einem anderen Verlag umzusehen.

Wiebke Priehn, per E-Mail

Ziel Nationalgarde

Zu jW vom 20.5.: »Reservisteneinheit in ­Bayern im Dienst«

Mittelfranken sorgt selten für Zeitungsmeldungen, noch weniger für Schlagzeilen. Doch am vergangenen Samstag (18.5.2019, jW) zog man in der sonst verträumten Kleinstadt Roth alle Register. Bayerns Innenminister, Joachim Herrmann (CSU), erschien auf der feierlichen Indienststellung des Heimatschutzregiments in der Ausgehuniform eines Oberstleutnants der Reserve, das Heeresmusikkorps gab schmissige Marschmusik. Ministerin von der Leyen mahnte – nachdem sie zusammen mit Ministerpräsident Söder und Brigadegeneral Dolzer die Ehrenformation der Dienstverpflichteten abgeschritten hatte – die großen Aufgaben der neuen Reservisteneinheit mit markigen Worten an: »Sie alle spüren das, der Wind um uns ist rauher geworden«. Und der erzreaktionäre Reservistenverband frohlockt: Nicht nur erhielt man eine »eigene Truppenfahne«, nein, viel wichtiger ist, dass nun endlich »auf die veränderte sicherheitspolitische Lage reagiert« wird. Man sieht sich bereits als Teil von »Missionen im Ausland«. Ergo: Heimatschutz war gestern. Das neue Ziel heißt: Nationalgarde.

Ralf Hohmann, München

Dilemma der Linken

Zu jW vom 18./19.5.: »Eine Lanze für den Markt«

(…) Das Dilemma der Linken: Sie will recht behalten – nicht die Macht ergreifen. Deshalb hört ihr niemand zu, und nur Sahra ­Wagenknecht findet Anerkennung und ­Beachtung. Ihre ­Kritiker aus dem marxistischen Lager mögen recht haben, recht gescheit sind sie dennoch nicht. Auch deshalb können die (…) großen Medien in einer brennenden Welt in Deutschland von so umwerfenden Schlagzeilen beherrscht ­werden wie dem Fahren von ­Tretrollern auf oder neben dem Bürgersteig.

Josef Witte, Hefei/China (per Kommentarfunktion für Onlineabonnenten)

Erster Schritt in die richtige Richtung

Zu jW vom 18./19.5.: »Eine Lanze für den Markt«

Klar ist das, was Wagenknecht will, letztendlich praktisch nicht durchführbar, weil schlicht der Spielraum für solche reformistische Politik schon lange nicht mehr da ist. Aber wenigstens können relativ viele Menschen mit solchen Ideen etwas anfangen, und es ist ein möglicher Einstieg. Mit der Wahrheit, dass es im Prinzip nur noch möglich ist, das System als Ganzes abzulösen (mit einer Revolution), ist man zwar ehrlich und zeigt einen realistischen Weg in die Zukunft auf, schreckt aber fast alle Menschen ab. Daher frage ich mich schon, ob sie nicht in manchen Ansätzen wenigstens – anders als viele andere Politiker der Linkspartei – manchmal einen ersten Schritt in die richtige Richtung macht.

Florian Seidl, Bern (per Kommentarfunktion für Onlineabonnenten)

Die erweiterte Definition von Antisemitismus liefert jede Kritik an Israels Politik der Zensur aus.

https://www.jungewelt.de/artikel/355515.aus-leserbriefen-an-die-redaktion.html