17.05.2019 / Feuilleton / Seite 11

»Wie im Wilden Westen«

Chronik eines Überfalls (Teil 29), 17.5.1999: Was halten Muslime vom vermeintlichen NATO-Schutz?

Rüdiger Göbel

Es waren SPD und Grüne, die deutsche Soldaten vor 20 Jahren in den ersten Angriffskrieg seit 1945 schickten. jW erinnert in einem Tagebuch an Verantwortliche und Kriegsgegner in jener Zeitenwende. (jW)

In der immer wieder von der NATO bombardierten jugoslawischen Hauptstadt Belgrad leben 200.000 Muslime unterschiedlicher Herkunft: Albaner, Roma, Bosnier, Serben, Mazedonier, Araber und Türken. Daran erinnert Hamdija ef. Jusufspahic, Mufti der islamischen Gemeinde Serbiens und deren höchster muslimischer Würdenträger, am 17. Mai 1999 im Gespräch mit jW. »Die NATO agiert, als wäre sie im Wilden Westen. Sie behaupten, die muslimischen Albaner zu verteidigen. Das ist eine Lüge. Wir wissen sehr wohl, wie sehr die USA uns Muslime ›verteidigen‹. Wir wissen seit über 50 Jahren, wie sie die Muslime in Palästina ›verteidigen‹, wie sie die Muslime in Somalia und wie sie die Muslime im Irak ›verteidigen‹. Im libysichen Tripolis und Bengasi haben sie die Muslime mit Cruise Missiles ›verteidigt‹.«

Mit Blick auf die Bilder von Flüchtlingen aus Mazedonien und Albanien, die die westlichen Mainstreammedien dominieren, verweist der religiöse Rechtsgelehrter darauf, dass Albaner aus dem Kosovo auch nach Belgrad geflohen seien. »Als Mufti in Belgrad fordere ich nachdrücklich, mit der Bombardierung unseres Landes und seiner Bevölkerung sofort zu aufzuhören. Es gibt keine Stadt in Serbien, in der nicht auch Muslime leben.« Die NATO agiere »wie ein Krimineller«, ihr Handeln sei »fern von Gott, fern jeder Religion und Kultur«.

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Gustav-Adolf »Täve« Schur, populärster Sportler der DDR, Radrennmeister, vor 20 Jahren PDS-Abgeordneter des Bundestages und Präsident des Vereins »Internationale Friedensfahrt«, schildert in junge Welt seine Eindrücke angesichts des in Magdeburg gerade zu Ende gegangenen Friedensradrennens in Kriegszeiten: »Irgendwie fühle ich mich auch schuldig, obwohl ich mein Leben lang alles in meinen Kräften Stehende für menschliche Wärme, sportliche und persönliche Freundschaften und damit auch für Völkerverständigung getan habe. Doch irgendwie würde ich mich schämen, wenn mich beispielsweise mein ehemaliger jugoslawischer Sportsfreund Cubric, mit dem ich selbst die Friedensfahrt gefahren bin, heute auf einmal anrufen würde, um zu sagen: Hör zu, meiner Familie ist während der Bombardements das und das widerfahren. Diese Vorstellung ist schrecklich für mich, weil ich mich persönlich in seiner Schuld sehen würde, obwohl ich als PDS-Bundestagsabgeordneter gegen den Krieg gestimmt habe. Wir konnten nichts ausrichten. Deshalb bin ich ungewollt mit zum Kriegsverbrecher geworden. Obwohl ich ungewollt in dieses Land kam, steht der Fakt: Dieses Land führt Krieg. Und das ist unfassbar.«

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Die US-Militärführung drängt derweil auf den Einsatz von Bodentruppen. Wie die Zeitschrift Newsweek berichtet, gilt im Pentagon der Vorstoß mit Heerestruppen als einziger noch möglicher Weg, den Krieg zu gewinnen.

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Ein Vertrauter von Jugoslawiens Präsident Slobodan Milosevic signalisiert über die US-Presse Gesprächsbereitschaft. Der serbische Geschäftsmann Bogoljub Karic sagt im Interview mit Newsweek, Belgrad wünsche Verhandlungen mit Russland, Deutschland und den USA, und prophezeit: »Ich denke, mehr als zehn Tage wird die kriegerische Auseinandersetzung nicht mehr dauern.« Er irrt.

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