17.04.2019 / Feuilleton / Seite 11

Der Schmerz der anderen

Auf den vierten Basler Dokumentartagen wurde ein Theater der Verwundbarkeit erkundet

Hannes Klug

Verwundbar macht sich, wer auf die Straße geht, um zu protestieren – das zeigte zuletzt die eskalierende Polizeigewalt bei den Demonstrationen in Frankreich. Verwundbar ist auch, wer sich zu etwas bekennt, wie Didier Eribon in einem Podiumsgespräch bei den Basler Dokumentartagen (10. bis 14. April) anhand seines eigenen Werdegangs beschrieb: »Die herrschende soziale Ordnung will, dass du dich dafür schämst, wer du bist.« In seinem Fall betraf dies zunächst seine Homosexualität, mit der er sich dann öffentlich auseinandersetzte, und im zweiten Schritt seine soziale Herkunft aus der Arbeiterklasse. Diese Scham inmitten des akademischen Milieus und der »kulturellen Bourgeoisie«, denen er inzwischen angehörte, wurzelte noch tiefer und war komplizierter zu bewältigen.

Wie populär der französische Soziologe und Autor des Bestsellers »Rückkehr nach Reims« ist, zeigte sich daran, dass die Reithalle in der Kaserne Basel mit mehr als 300 Zuhörerinnen und Zuhörern überfüllt war. Auf Treppen und dem Fußboden verfolgten die Leute gebannt das Gespräch zur »Politik der Scham« zwischen Eribon und dem Kurator des Festivals, dem Theatermacher und Autor Boris Nikitin. Der hatte der vierten Ausgabe der bislang alle zwei Jahre stattfindenden Dokumentartage das »Theater der Verwundbarkeit« in den Titel geschrieben und damit das verletzliche Subjekt ins Zentrum des Nachdenkens über Fiktion und Wirklichkeit gerückt.

So rückte der möglicherweise inzwischen etwas schal gewordene Diskurs um die Fiktionalität des Realen (und umgekehrt) den menschlichen Körper und seine Fragilität – und damit etwas ebenso Unabweisbares wie Zweifelhaftes – in den Mittelpunkt. Das Stück »Häusliche Gewalt« des schwedischen Regisseurs Markus Öhrn liefert fünf Stunden lang unerträgliche Szenarien brutaler Misshandlung, die allesamt auf realen Gerichtsakten basieren. Hier werden die Zuschauer zu Voyeuren und damit zu Komplizen gemacht. Der Zeugenschaft von Gewalt aber wird nicht nur im Zuschauerraum, sondern juristisch im Gerichtssaal und auch auf der Bühne mit Skepsis begegnet, wie der libanesische Regisseur Rabih Mroué in einer Diskussion zum Thema »Dokument und Verbrechen« erklärte: Wahr ist nur, was sich da vorne im Augenblick abspielt.

Die überzeugendste, weil radikalste Position lieferte die südafrikanische Künstlerin Gabrielle Goliath, deren Choraufführung »Elegy« gar nicht erst versucht, etwas wiederzugeben, das sich nicht wiedergeben lässt. Am Anfang steht die Unmöglichkeit, die Schmerzerfahrung anderer nachzuempfinden oder in Sprache oder Töne zu fassen, und so hielten die sieben Chorsängerinnen in der Theodorskirche eine Stunde lang in einer eindringlichen Gedenkveranstaltung für die durch sexualisierte Gewalt getötete Kagiso Maema einen einzigen Ton und verwandelten das Publikum somit in eine Trauergemeinde.

Nur wer die eigene Verletzlichkeit erkundet, kann Schwäche in Stärke umwandeln und so, folgt man Eribon, politische Veränderungen herbeiführen, wie winzig sie auch sein mögen. Wer aber, fragt Nikitin, hat überhaupt die Mittel, sich politisch zu äußern und damit Realität zu gestalten? Der Kulturtheoretiker Klaus Theweleit sagte im Gespräch mit dem Titel »Versöhnung, nein«: »Wir sind alle bis ins Tiefste der Subjektivität formiert über die Ökonomisierung des Lebens.« Die Möglichkeit, diese Formierung individuell aufzubrechen, ist nicht zuletzt eine Klassenfrage. Für jene, die sich nicht mehr äußern können wie Kagiso Maema, müssen dann andere die Stimme erheben.

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