15.04.2019 / Kapital & Arbeit / Seite 9

Versagen die Sanktionen?

Ungewissheit über nächste Schritte der USA gegen Iran sorgt für hohe Ölpreise. Und bei Teheran für Großbestellungen aus China und Indien

Knut Mellenthin

Auf den ersten Blick sieht es aus wie eine kleine Sensation: Iran hat im März mehr Erdöl exportiert als im November 2018. Damals waren die gegen Teherans wichtigste Einnahmequelle gerichteten US-Sanktionen gerade wieder in Kraft gesetzt worden. Schon seit Jahresanfang weisen die Zahlen nach oben. Iran exportierte ungefähr 1,1 Millionen Barrel pro Tag (Barrels per day, bpd) im Januar, 1,25 Millionen bpd im Februar und 1,7 Millionen bpd im März. Im November 2018 waren es nur 1,08 Millionen bpd gewesen. Als Vergleichszahl: Der weltweite Verbrauch und die globale Erdölproduktion liegen gegenwärtig jeweils bei 100 Millionen bpd.

US-Politiker hatten im Herbst 2018 »vorausgesagt«, dass Irans Ausfuhr durch die Sanktionen dauerhaft unter eine Million bpd gedrückt würde. Diese Prognose aus Washington war mit Sicherheit unrealistisch, was in iranischen Medien gebührend gefeiert wird. Trotzdem ist die Aussagekraft der jüngsten Zahlen über den iranischen Ölexport zu relativieren.

Erstens: Es handelt sich um Schätzungen, die mehr oder weniger unabhängig von verschiedenen Stellen vorgenommen und veröffentlicht werden. Sie beruhen unter anderem auf der Beobachtung von Exporthäfen und Schiffsbewegungen durch Satelliten und auf der vergleichenden Auswertung von Presseberichten. Sie können, was den Tagesdurchschnitt angeht, im Extremfall auch schon mal um mehrere hunderttausend Barrel voneinander abweichen. Iranische Medien referieren meist nur Berichte aus der Auslandspresse, zumal wenn diese für den Iran vorteilhaft erscheinen, also der Staatsdoktrin des »Optimismus« Stoff bieten.

Zweitens: Der internationale Ölhandel fließt nicht wie ein gleichmäßiger Strom. Erhebliche Schwankungen zwischen den Durchschnitten und Exportsummen einzelner Monate sind normal. Das kann viele Gründe haben, wie etwa die jahreszeitlich wechselnde Nachfrage, die Bewegungen des Ölpreises, und eben auch, wie in diesem Fall offensichtlich, politische Faktoren.

Konkret: Donald Trump muss bis zum 2. Mai bekanntgeben lassen, wie er mit den vor einem halben Jahr verhängten Strafmaßnahmen gegen Irans Erdölausfuhr weiter verfahren will. Die Anfang November 2018 verkündeten Sanktionen bedrohen grundsätzlich jeden, der noch iranisches Öl oder Gas importiert, mit erheblichen Nachteilen auf dem US-amerikanischen und teilweise, soweit der Einfluss der USA reicht, auch auf dem globalen Markt. Für acht Staaten wurden jedoch Sondergenehmigungen, sogenannte Waivers erteilt, die demnächst auslaufen. Die vorläufig noch Begünstigten sind China, Indien, Japan, Südkorea, Taiwan – das genau genommen kein Staat ist –, die Türkei, Griechenland und Italien.

Die beiden EU-Staaten kaufen jedoch, wie Teherans Politiker offen beklagen, schon seit November 2018 kein iranisches Öl mehr. Dasselbe soll, übereinstimmenden Berichten zufolge, auch für Taiwan gelten. Es bleiben fünf Staaten übrig, mit denen Washington anscheinend noch verhandelt. Es geht dabei im günstigsten Fall um Kompromisse, welche Einfuhrmengen die US-Regierung ab dem 2. Mai noch »erlauben« wird. Auf jeden Fall werden diese unter den bisher zugelassenen Mengen liegen. Manche Äußerungen US-amerikanischer Regierungsmitglieder, wie etwa des für die Iran-Politik Verantwortlichen Brian Hook, klingen so, als würde es nach dem 2. Mai gar keine Waivers mehr geben. Für diesen Fall wird jetzt schon mal »vorausgesagt«, dass Irans Öl­export unter 400.000 bpd sinken werde. 670.000 bis 850.000 bpd werden als möglich eingeräumt, falls demnächst die Ausnahmeregelungen für China, Indien, die Türkei, Japan und Südkorea auf niedrigerem Niveau erneuert würden.

Und der Anstieg des iranischen Erdölexports seit Jahresanfang? Er wird plausibel damit begründet, dass vor allem Irans größte Kunden, die in China und Indien ansässig sind, die Zeit bis zur Deadline am 2. Mai angesichts der Ungewissheit über das Danach noch einmal für große Bestellungen genutzt haben. Schon im laufenden Monat ist ein Absinken der Zahlen nicht auszuschließen oder sogar als nahezu sicher zu erwarten.

Auffallend ist, dass die gesteigerte iranische Ölausfuhr im ersten Quartal 2019 mit einer Senkung der Förderung verbunden war. Ungefähr 2,7 Millionen bpd sollen es im März gewesen sein, was gegenüber November 2018 einem Rückgang um 280.000 bpd entspräche. Das lässt den Schluss zu, dass die Iraner die Chance genutzt haben, ihre großen Lagerbestände zu verringern.

Die Unsicherheit über das weitere Vorgehen gegen den Iran, aber auch die Lage in Venezuela und die Kämpfe in Libyen sorgten in der vergangenen Woche für einen relativ hohen Ölpreis. Die international am meisten beachtete Notierung Brent lag bei 71 Dollar pro Barrel. Das ist der höchste Stand seit über fünf Monaten. Maßgeblich trugen zu dieser Entwicklung die mehr als konsequent eingehaltenen Produktionssenkungen der OPEC, insbesondere Saudi-Arabiens, bei.

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