28.03.2019 / Feuilleton / Seite 10

»Und dann haut Ihr uns raus«

Direkte Aktion: Bierglas und Gesetzbuch

Pierre Deason-Tomory

Um die Jahrtausendwende herum, als das Vor- und Nach-»Wende«-Durcheinander im Prenzlauer Berg neuer Ordentlichkeit Platz gemacht hatte, sitzt ein junger Gerüstbauer in Arbeitsmontur im »Torpedokäfer« in der Duncker am Tresen. Eigentlich ist er seit Monaten arbeitslos, rennt aber trotzdem in Kluft herum, mit großem Hammer rechts am Gürtel, und so sitzt er da im »Käfer«.

Es ist nachmittags, er hatte schon einige Radeberger und labert den Barkeeper in der fast leeren Kneipe voll, war es Uwe? Man müsste ihn fragen können. Hinten, am großen rechteckigen Tisch lag Hermann auf der Bank, Trockenbauer, die Arbeit und das Bier hatten ihn müde gemacht. Der Gerüstbauer erzählt Unsinn, irgendwann ist er bei Rothschild und den Juden, der Barkeeper interveniert, der Gerüstbauer wird lauter. Als ein bestimmtes Wort über die Juden fällt, richtet sich Hermann auf der Bank hinten in der Kneipe auf, und eine Sekunde später zerschellt ein Radeberger-Krug an der Wand hinter dem kurzen Tresenstück. Gerüstbauer, nur knapp verfehlt, glotzt blöde. Der Barkeeper – Uwe? Oder doch der Serbe? Valle war es nicht, ihn kann man fragen – schmeißt ihn raus. Den Gerüstbauer, nicht Hermann.

Das Bild, das durch diese Erwähnung von Hermann entsteht, muss korrigiert werden, Hermann ist wahrscheinlich der liebste Mensch der Welt, sehr ruhig und geduldig. Aber er hatte auch einen Leberschaden. Der stammte aus seiner Kindheit im Kinderheim in Bayern vom giftigen Medikamentenfusel, mit dem er und seine Mitinsassen sich fortdauernd zugedröhnt hatten. Gegen diesen Leberschaden musste er Medikamente nehmen, die ihn – in Verbindung mit Alkohol – gefährlich machten.

Zurück in die deprimierende Zeit in Berlin im Jahr 2002. In der »Bunten Kuh« in der Parkstraße in Weißensee feiern todschicke Antifas irgendwas. Gymnasiasten und Studenten, zumindest großteils, ein paar nichtakademische Genossen sind auch da. Die Musik dezent, schummrige Beleuchtung in flächendeckend graffitisierten Räumen, getrunken werden eher Cocktails. Hermann und ich haben Bier. Ich gucke rüber zu Hermann, sag mal, die ganzen Gymnasiasten hier. Wenn heute abend ein paar Nazis kommen, sehen die ziemlich alt aus. Aber es passiert nichts, außer dass ich gegen Mitternacht sehr betrunken bin und nach Hause aufbreche.

Nicht lange danach passierte dann doch etwas. Eine Horde lokaler junger Nazis stürmte die »Bunte Kuh«. Und bekamen von den Gymnasiasten fürchterlich aufs Maul. Hermann, alkohol- und interferonkonditioniert, musste von einem der Vaterlandsverteidiger heruntergezogen werden, damit er den Kunden nicht noch totschlägt. Die Nazis liefen schließlich davon. Einer von denen war der Sohn eines Polizisten. Also standen nicht lange nach dem Rückzug der Schrumpfgermanen Bullenwannen vor der »Bunten Kuh«. Die Kollegen nahmen von den Anwesenden die Personalien auf, während diese ungerührt weiter feierten.

Jetzt bekamen all diese Antifas, die sich mutwillig hatten überfallen lassen, eine Vorladung zur Zeugenaussage bei der Polizei. Wegen schweren Landfriedensbruchs. Also versammelten sich sechs von den Jungtürken in der Küche eines älteren Genossen in der Heinersdorfer Straße und sondierten die Lage. Einer schlug vor, dass der Genosse E. K. beauftragt wird, die Rechtsvertretung der vorgeladenen Genossen zu übernehmen.

E. K., Rechtsanwalt und PDS-Bezirksverordneter in Weißensee, war als Advokat erstens schlicht genial und hatte zweitens viel Freude an Verfahren gegen die Bundesrepublik Deutschland. Er hat in den Neunzigern meinen Großvater Bodo Reuscher vertreten vor einem bundesrepublikanischen Gericht und seine Hinrichtung 1943 in Plötzensee umgewandelt in fünf Jahre Zuchthaus. Posthum. Das ist ein ziemlich gutes Ergebnis, wenn man berücksichtigt, dass Opa aus den Jahren 1915, 1919 und 1924 Vorstrafen hatte, zuletzt wegen Spionage und Landesverrats.

Der Genosse E. K. hat natürlich mitgemacht. Mehr als ein Dutzend junger Menschen erschien in seiner Kanzlei und zeichnete Vollmachten. Er gab die Linie aus: Keiner geht hin zur Zeugenaussage. Keiner macht eine Aussage über irgendwas. Ich regele das. Und er ging hin und regelte das. Keiner von den Genossen wurde behelligt. Und, natürlich bekam keiner eine Rechnung vom Klüsener.

Professor Doktor Eckbert Klüsener ist seit zwei Jahren nicht mehr bei uns. Es ist fürchterlich. Liebe brillante junge Genossen! Sucht Ihr ein Vorbild? Seid wie Eckbert. Seid gute Genossen. Studiert Jura. Und dann haut Ihr uns raus.

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