16.03.2019 / Wochenendbeilage / Seite 6 (Beilage)

Der Freund

Jan Decker

Jan Decker

Der Freund arbeitet im Nebengebäude des Verlags. Es ist ein Wohnhaus mit drei Stockwerken, das direkt an das Hauptgebäude des Verlags anschließt. Wenn man in das Nebengebäude will, muss man an der Haustür die Klingel drücken, wie ein ganz normaler Besucher. Die fünf Kollegen, die in der obersten Wohnung des Nebengebäudes arbeiten (die anderen Wohnungen hat der Verlag an Privatleute vermietet) haben den Ruf, Freigeister zu sein. Sie entziehen sich ganz einfach der Anwesenheit des Seniorchefs im Hauptgebäude, seinen Kontrollgängen, sie machen dort oben ihr eigenes Ding. Im Nebengebäude befindet sich auch die Teeküche des Verlags. Und dahin zieht es mich, den Auszubildenden, magisch. In der Teeküche darf geraucht werden, hier bleibt die Arbeitszeit stehen und verfliegt in lässigen Konversationen.

Unzählige Male am Tag hole ich den Freund in seinem Büro ab. Ich muss nur an der Haustür des Nebengebäudes klingeln, hinaufgehen und durch die stets angelehnte Wohnungstür in das Reich der Freigeister treten. Manchmal treffe ich im Treppenhaus auf Mieter, die in den anderen Wohnungen des Nebengebäudes wohnen. Diese Treffen, wenn sie auf dem Weg zur Arbeit sind und ich schon arbeite und aus ihren halb geöffneten Wohnungstüren der Geruch von Duschmittel strömt, finde ich kurios. Der Rest geschieht automatisch. Ich muss nur im Türstock des Büros erscheinen, in dem der Freund arbeitet. Schon steht er wortlos auf, greift nach einer Schachtel Zigaretten und folgt mir stumm in die Teeküche. Oftmals nehmen wir dann einfach das Gespräch unserer letzten Zigarettenpause wieder auf. Es sind die frühen Nullerjahre, für uns Musikfans eine spannende Zeit. Wir blicken wie lässig rauchende Radiomoderatoren auf die 90er Jahre zurück, auf die große Zeit des Grunge mit unseren Helden Nirvana, und wir sichten die Musikperlen der Gegenwart. Im Augenblick ist es eine Band namens Garbage, die Grunge mit elektronischen Sounds verbindet und vom Nirvana-Produzenten Butch Vig angeführt wird.

Manchmal kommt eine Kollegin, die auch zu den fünf Freigeistern gehört, in die Teeküche, während ich mich mit dem Freund unterhalte. Sie flucht leise, sobald sie uns rauchen sieht, wischt den Zigarettenqualm mit der Hand weg und reißt das Fenster auf. Sie verabscheut unser Rauchen, das ist klar, aber niemals kritisiert sie, dass wir so oft in der Teeküche stehen, anstatt zu arbeiten. Mit dem Freund verbindet sie eine alte Feindschaft, deren Hintergründe ich nicht kenne. Aber ich verstehe, dass es unter Mitarbeitern so etwas wie eine Sklavensolidarität gibt. Niemals kreidet man den anderen an, dass sie eine weitere kreative Lösung gefunden haben, um die tägliche Arbeitszeit zu verkürzen. In meinen zwei Jahren als Auszubildender lerne ich nichts Wichtigeres über Arbeit.

Der Freund ist 20 Jahre älter als ich. Auch die anderen Auszubildenden im Verlag zieht er magisch an. Und manchmal, wenn ich ihn nicht in seinem Büro antreffe, steht er schon mit einem der Auszubildenden beim Gespräch in der Teeküche, die Zigarette locker zwischen seinen dünnen Fingern. Ich weiß so gut wie nichts Persönliches über den Freund, nur dass er Single ist und eine interessante Wohnung besitzen muss, von der er mir manchmal erzählt. Sie liegt über einem Handwerksbetrieb. Ich stelle mir vor, dass der Freund mit dieser Wohnung verwachsen ist, mit den unzähligen Büchern und CDs, die er offenbar hat, mit der Stadt und dem Verlag, schließlich auch mit dem Nebengebäude und der Teeküche. Ich kann mir nicht vorstellen, dass der Freund jemals umziehen wird. Er ist klein und stottert ein wenig. Ein Kumpeltyp und schon seit Jahrzehnten der Anlaufpunkt für alle Auszubildenden im Verlag, erzählen die Kollegen.

Der Freund hat eine Mission. Er möchte mich für Bob Dylan begeistern. Nein, er möchte mehr: Er möchte, dass ich so wie er ein Bob-Dylan-Jünger werde. Wofür die Chancen allerdings schlecht stehen. Ich kann mit der näselnden Stimme Bob Dylans nichts anfangen, nichts mit dem Bluessound des von ihm verehrten US-Amerikaners. Ich halte es für eine sympathische Verrücktheit, dass der Freund schon über 50 Bob-­Dylan-Konzerte besucht hat und mir in der Teeküche alles über diese Konzerte erzählt: Welches das beste war, welche Songs der Meister wo spielte, welche Ansagen er machte, wobei er meistens wohl kein Wort sagt. Aber der Freund schafft es, dass ich mich jeden Tag in der Teeküche ein paar Minuten lang mit Bob Dylan beschäftige, auch wenn wir nur über ihn plaudern, und dass der mir eigentlich fremde Sänger so irgendwann fast zu einem Kollegen wird, denn ich treffe ihn ja immer nur auf der Arbeit. Der Freund, Bob Dylan und ich sind besondere Kollegen. Während im Hauptgebäude des Verlags der Seniorchef seine Runden zieht, die Damen im Vertrieb an ihren Schreibtischen sitzen und Kunden um Kunden am Telefon abfertigen, der Werbeleiter mit dem stets roten Kopf im Flur herumspringt und die Kollegen in der Herstellung sich ihre Dauerfehde mit der existentialistisch gekleideten Lektorin liefern, stehen wir in der Teeküche gleichsam über den Dingen. Ich kann mir mein Leben als Auszubildender bald nicht mehr anders vorstellen: nicht ohne das Nebengebäude, den Freund, die Teeküche und Bob Dylan.

Doch eines Tages geschieht genau das: Diese Grundpfeiler meiner Azubi­existenz werden zertrümmert. Der Schlag geht von der Kollegin aus, die mit dem Freund verfeindet ist. Sie haben sich in der Teeküche gestritten, obwohl man die beiden Freigeister wohlweislich in unterschiedlichen Abteilungen arbeiten lässt. Ich kenne den Grund ihres Streits nicht, ich war nicht dabei. Jedenfalls sind Beleidigungen gefallen, der Freund ist ausfallend geworden, und jetzt hat er vom Seniorchef eine schriftliche Abmahnung erhalten. Es ist klar, dass der Freund das Maß überzogen hat, denn er hatte vorher bereits zwei schriftliche Abmahnungen erhalten. Nun wird er freundlich aus dem Verlag hinauskomplimentiert. Der Seniorchef bittet ihn zu einem klärenden Gespräch. Dieses Gespräch scheint sich über Tage hinzuziehen, ich erfahre immer nur von den Kollegen, was der aktuelle Stand ist. Klar ist auch: Die Kollegin hat gewonnen, ihr erster Erfolg ist schon greifbar. Meine Zigarettenpausen mit dem Freund entfallen, ich erscheine nicht mehr im Türstock seines Büros, ich meide ihn, weil ich ihn nicht mit unseren lässigen Konversationen belasten will, die er doch jetzt gar nicht gebrauchen kann.

Dann die Neuigkeit: Der Freund hat gekündigt, er erscheint auch nicht mehr auf der Arbeit, keine Blumen zum Abschied, wie sie neulich eine verdiente Kollegin erhalten hat, die in Rente gegangen ist, auch keine Feier, wie wir sie sonst zu jedem erdenklichen Anlass veranstalten. Ich lerne, dass es auch in Firmen Unberührbare gibt, die vom Chef gebrandmarkt werden, und dann setzt unter den Kollegen ein kollektives Zurückweichen ein, eine Ratlosigkeit bestimmt, die sich aber so unsozial zeigt. Nun haben wir für den Freund das gleiche Schweigen parat, das wir parat haben, wenn wir erfahren, dass sich eine Kollegin von ihrem Mann getrennt hat oder ein Kollege wegen Burnout krankgeschrieben wird.

So verliere ich den Freund aus den Augen, schon in den Wochen zwischen seiner dritten Abmahnung und seiner Kündigung. Ich richte meinen Arbeitstag neu ein, ohne die Teeküche, bleibe länger mit den anderen Auszubildenden in der Kantine des Landratsamts sitzen, die wir jeden Mittag besuchen, mache weniger Zigarettenpausen und gehe für sie nach draußen in den Hof, an die frische Luft, bin überhaupt ein vorbildlich engagierter Auszubildender und mache früher Feierabend. Jetzt habe ich den Freund in meinem Arbeitsleben ersetzt, er fehlt nicht mehr, und nur manchmal beißt mich ein schlechtes Gewissen, wenn ich in den langen Fluren des Verlagskellers unterwegs bin, um für die Damen im Vertrieb irgendein Buch zu suchen und dabei auf den Freund treffe, der dort ebenfalls ein Buch sucht und nicht viel sagt. Einmal halte ich es nicht mehr aus: das Gefühl, dass wir Leibeigene des Seniorchefs sind, unter seiner Fuchtel stehen, seinen Schweinsgalopp täglich mitmachen müssen. Ich spreche den Freund an, der kurz vor seiner Kündigung steht, was ich noch nicht weiß. Wir beginnen ein Gespräch, wie wir es sonst in der Teeküche führen, nur ohne Zigaretten, und als der Lektor mit der dicken Brille, der die philosophischen Titel betreut und sein Büro im Keller hat, mit einem pikierten Blick an uns vorbeigeht, empfinde ich ein deutliches Gefühl des Triumphs.

Ein paar Tage später. Der Freund und ich gehen zu Fuß vom Bahnhof zur Stadthalle. Es ist noch hell, aber ich weiß, dass es dunkel sein wird, wenn wir in der Stadthalle stehen werden und der Meister die Bühne betreten wird. Zum ersten Mal treffe ich den Freund, der seit kurzem nicht mehr im Verlag arbeitet, außerhalb der Arbeit. Das fühlt sich merkwürdig an und doch gut. Wir reden nicht über den Verlag, nicht über die Arbeitslosigkeit des Freundes, das sind wir uns als zwei Lebenskünstler schuldig, die das Erbe der Teeküche antreten. Und so bleibt der Freund an diesem Abend dunkel für mich, irgendwie rätselhaft, weil ich nicht weiß, was er gerade ausbrütet und wie sein Leben in Zukunft aussehen wird. Ich würde ihm gern sagen, dass ich mir wünsche, dass er bald eine neue Arbeit findet, denn insgeheim weiß ich, dass der Freund eine neue Arbeit braucht, um über die Runden zu kommen. Aber ich verkneife mir diese Bemerkung, um ihn nicht an den Verlag zu erinnern, an die hässlichen Wochen, die hinter ihm liegen. Heute denke ich mir, es war ein Fehler, den Freund an diesem Abend zu schonen, ihm nichts zuzumuten, ihm überhaupt niemals etwas zuzumuten. Und ich denke, dass der Freund genau deswegen auf uns Auszubildende spezialisiert war: Weil wir ihm nicht zu nahe kamen.

Dann betritt Bob Dylan die Bühne, und der Verlag und die Kündigung des Freundes und der Verlust der Zigarettenpausen sind plötzlich sehr weit weg. Es erstaunt mich, wie klein der Meister ist, der in einem schwarzen Cowboykostüm oben im Scheinwerferlicht steht. Ein kleiner Mann, dem man nicht helfen muss, so wirkt er, der auf der ganz großen Bühne seinen Gefühlen einen großen Ausdruck verleihen kann. Und plötzlich stehe ich auch auf der Seite derjenigen, die beim Namen Bob Dylan in die Knie gehen. Wie hat der Freund das geschafft? Auf dem Rückweg zum Bahnhof grinst er verschwörerisch. Mich langweilt dieses Grinsen. Vielleicht weil der Freund 20 Jahre älter als ich ist und nur ein ehemaliger Kollege, mit dem man die Arbeitszeit totschlagen konnte. Vielleicht weil ich die andere Seite an Bob Dylan sehe, die der Freund anscheinend nicht sieht, jene dunkle Seite, die mit so etwas wie geregelter Arbeit gar nicht zusammenzubringen ist. Ich frage mich an diesem Abend, ob der Freund überhaupt wieder arbeiten wird.

Danach beginnt meine Freundschaft mit dem Freund. Wir haben uns beide losgesagt vom Verlag, ein neues Leben begonnen, ein freieres Leben, als hätten wir die Botschaft des Meisters verstanden, Freiheit und Selbstverwirklichung an die oberste Stelle in unseren Leben gesetzt. Wir haben jetzt beide das Gefühl, aus dem namenlosen Heer der Arbeitnehmer entkommen zu sein, aus dieser Welt der täglichen Arbeitsroutine, von Abmahnungen und Zigarettenpausen, und wir feiern bei unseren Treffen dieses Gefühl. Der Freund ist nach Berlin gezogen, in eine charmante, geräumige Altbauwohnung im ehemaligen Westen der Stadt. Er hat eine neue Arbeit gefunden, die aber ganz anders ist als seine Arbeit im Verlag. Ich genieße die ersten Wochen meines neuen Lebens als Student, ohne die tägliche Pendelei zur Arbeit und die Schufterei im Verlag. So besuche ich den Freund zum ersten Mal in Berlin. Ich bin jetzt stolz auf ihn, auf seine lässige Jugendlichkeit, seine üppig gefüllten Bücher- und CD-Regale, die er mir zum ersten Mal zeigt. Wir sitzen abends in seinem Wohnzimmer zusammen, konversieren lässig und rauchen, wie damals in der Teeküche. Der Freund holt immer neue Bierflaschen, und bald ist das Wohnzimmer mit Rauchschwaden geflutet, aber niemand reißt hier das Fenster auf oder flucht leise, und die Bierflaschen können einfach auf dem Glastisch stehenbleiben.

Der Seniorchef hatte den Fehler gemacht, den Freund und die mit ihm verfeindete Kollegin an ein gemeinsames Projekt zu setzen. Sie sollten zusammen mit einem externen Spezialisten ein EDV-System im Verlag einführen, um die Registerkarten mit den Bücher- und Kundendaten digital verfügbar zu machen. Der Streit hatte sich an einer unwichtigen Detailfrage entzündet und den Freund also letztlich nach Berlin katapultiert. Immerhin war er weich gefallen, wie ich nun erfuhr, denn der EDV-Spezialist, der eigentlich ein Antiquariat in Berlin betreibt, hatte ihm kurz nach seiner Kündigung einen Job bei sich angeboten. Am nächsten Morgen nimmt der Freund mich mit zu seiner neuen Arbeitsstelle, die gleich auf der anderen Straßenseite liegt. Das Antiquariat ist in einem Industriegebäude untergebracht, auf einer geräumigen Etage, zu der man über eine Stahltreppe hinaufsteigt, und dort oben öffnen dann große Fenster den Blick für den Berliner Himmel. Das Antiquariat ist auf die frühe Moderne spezialisiert, es besitzt auch einige kostbare Erstausgaben, die in einem Tresor lagern. Das alles lässt den Verlag, in dem wir gearbeitet haben, wie eine verstaubte Angelegenheit erscheinen. Nur drei Kollegen arbeiten im Antiquariat, an drei großen Schreibtischen, die in der Mitte stehen. Ich schlüpfe für einen Vormittag noch einmal in die Rolle des Auszubildenden, sitze mit den drei Männern an ihren Schreibtischen, höre ihren Gesprächen zu, ihren lässigen Konversationen, nicht anders als damals in der Teeküche des Verlags, doch mit dem Unterschied, dass ich jetzt nicht mitreden kann, da es nicht mehr um Musik geht, sondern um Bücher der frühen Moderne, von denen ich nichts weiß. Ich fühle mich wie der Gast in einem literarischen Salon, und dazu passt, dass die drei Kollegen schon am Vormittag Weißwein aus grünen Flaschen trinken, die in großer Zahl im Kühlschrank liegen. Ich bekomme auch ein Glas Weißwein eingeschenkt, noch nie habe ich am Vormittag Weißwein getrunken, und so verlasse ich das Antiquariat mit einem leichten Schwips.

In den nächsten Jahren bin ich immer wieder in Berlin, um den Freund zu besuchen. Der Verlag ist schon lange kein Thema mehr zwischen uns, die Sache ist gegessen. Ich begreife, dass der Freund auch nicht als ein normaler Arbeitnehmer gesehen werden will, seine Arbeit im Antiquariat hat für ihn etwas Künstlerisches, wie überhaupt sein später Umzug nach Berlin und sein Ausbruch aus dem goldenen Käfig des Verlags für ihn etwas Künstlerisches haben. Doch wenn er sich nach einem unserer Abende aus dem Bett schält und die Straßenseite wechselt, um die Stahltreppe zu seiner Arbeit hinaufzusteigen, schlafe ich noch. Ich frühstücke in seiner Wohnung, höre Musik, besichtige unfreiwillig die Spuren seines Singlelebens: die dicke Staubschicht auf dem weißen Rand der Badewanne, die nie verschwindet, die Kästen mit den leeren Bierflaschen in der Küche. Und so kommt es mir heute vor, dass der Freund und ich uns an diesen Vormittagen auseinandergelebt haben, an denen er wieder dem Heer der Arbeitnehmer angehört und ich nicht. Berlin hinterlässt Spuren im Leben des Freundes, merke ich, dunkle Spuren, Spuren der Verwahrlosung. Irgendwann mache ich mir nichts mehr über seinen Alkoholkonsum vor. Vielleicht hat er im Verlag schon getrunken, aber dann heimlich. Jetzt trinkt er tagsüber Weißwein, und am Abend kommt Bier dazu. Ich befürchte, dass der Freund in Berlin ständig unter Strom steht. Und einmal, bei einem meiner letzten Besuche im Antiquariat, reden die drei Kollegen mit schweren Zungen, was mich anwidert.

Allmählich verliere ich den Freund an die Stadt, und nun sehe ich Berlin mit anderen Augen: Als einen Moloch, in dem Menschen wie der Freund versumpfen, die nur ihre Arbeit haben, aber keine Familie, keinen Halt im Leben. Menschen, die Kreativität mit etwas Disziplinlosem verwechseln oder mit etwas, das man nur auf großer Bühne ausleben kann. Warum ich so kalt über den Freund denke? Ich bin inzwischen selbst Künstler geworden und gehe die ersten Schritte auf diesem schwierigen Terrain. Wer weiß, vielleicht wäre das alles ohne den Freund, die Teeküche und Bob Dylan nie passiert? Aber ich habe mich anders entwickelt als der Freund. Meine neuen Freunde haben Kinder, wie ich selbst. Wir trinken wenig und führen ein geregeltes Leben, obwohl wir noch jung sind. Vielleicht sind wir die vielbeschworenen Gentrifizierer, die Berlin angeblich so seelenlos machen. Aber immerhin machen wir uns nichts vor. Macht sich der Freund etwas vor? Vielleicht bin ich ungerecht, weil ich ihn wie einen Künstler beurteile und nicht wie einen Arbeitnehmer. Bei meinem letzten Besuch hat der Freund den Arbeitsplatz gewechselt. Das Antiquariat hatte schon längere Zeit Schulden, von denen er nichts wusste. Ich erinnere ihn nicht an die leeren Weißweinflaschen, sondern nicke nur verständnisvoll. Er hat schnell eine neue Arbeit gefunden, in einem anderen Antiquariat, das ein Berliner Schwabe betreibt, der keinen Alkohol trinkt. Die Bücher, die er verkauft, sind Neuerscheinungen der letzten Saison, die die Verlage billig verramschen wollen, der Handel läuft ausschließlich über das Internet. Außerdem bezahlt der Schwabe ihn schlechter als sein bisheriger Chef. Trotzdem ist er froh, überhaupt eine neue Arbeit gefunden zu haben, in seinem Alter, mit Mitte 50.

Wir sitzen in seinem Wohnzimmer, trinken Bier und hören Bob Dylan. Es ist alles wie früher und doch nicht. Die Magie zwischen uns fehlt, der Zauber der Teeküche. Dann lege ich mich schlafen. Am Morgen ist der Freund weg, schon wieder auf seiner Arbeit. Und ich mache etwas, das ich bis heute nicht verstehe: Ich öffne den kleinen Schrank, auf dem sein Fernseher steht. Vielleicht habe ich bemerkt, dass der Freund ihn niemals öffnet, oder es ist die plumpe Neugier, denn eine der beiden Flügeltüren steht ganz leicht offen. Im Schrank befinden sich etwa 20 DVDs mit Pornofilmen. Eine DVD heißt »Cherry poppers« und zeigt nackte pummelige Teenager, die ihre Möse in die Kamera strecken. Auf der Rückseite der DVD-Hülle wird ein Mädchen von einem erwachsenen Mann penetriert. Ich lege die DVD mit den »Cherry poppers« ein und frage mich, ob ich den Freund in diesem Film wiederfinden werde, einen kleinen Mann mit großem Stehvermögen, der vor der Kamera zu erstaunlicher Intimität fähig ist. Doch da sind nur muskelbepackte Kerle und stöhnende kleine Mädchen. Ich schließe den Schrank und verlasse die Wohnung. Danach sehe ich den Freund nie wieder.

Jan Decker, Jahrgang 1977, lebt und arbeitet als Schriftsteller, ­Essayist und Literaturwissenschaftler in Osnabrück. Zuletzt erschien von ihm an dieser Stelle am 24./25.3.2018 der Essay »Wer schreibt da für das Ohr? Der Hörspielautor, das unbekannte Wesen. Ein Psychogramm«

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