16.03.2019 / Feuilleton / Seite 10

Goldene 20er und falsche 50er

Anlässlich der Buchmesse: Anmerkungen zur Geschichtsaufarbeitung in der »Runden Ecke« in Leipzig

Matthias Krauß

Ein Jubiläum jagt das nächste, die bestallten Geschichtsdeuter finden kaum Ruhe. Gilt es doch, Traditionen festzulegen und weiterhin, was als gut und richtig anzusehen ist und was nicht. Auf welchem Niveau das passiert, ist mitunter erschreckend. Zur Buchmesse in Leipzig lädt das dortige Aufarbeitungsmuseum »Runde Ecke« Jahr für Jahr zur Vorstellung von Büchern, deren Titel Programm sind. 2018 waren das etwa »In den Mühlen des MfS«, »Staatsdoping in der DDR«, »Alltag im Niemandsland«, »Den Willen zu verlieren, war der halbe Tod«. Lediglich eine Veranstaltung fiel vor Jahresfrist aus dem Rahmen: »Revolution von 1918/19 – der wahre Beginn unserer Demokratie«, moderiert von Sven Felix Kellerhoff, Geschichtsredakteur bei der Tageszeitung Die Welt.

»Friedlich und erfolgreich« sei jene Revolution gewesen, teilte der Begleittext mit. Ihr Ziel sei keinesfalls die Diktatur des Proletariats gewesen, vielmehr sollten »der preußische Militarismus und die Reste des Kaiserreichs in Verwaltung, Justiz, Schulen und Universitäten beseitigt und eine von Grund auf demokratische Gesellschaft« geschaffen werden. Leider habe das nicht ganz geklappt: »Die Angst vor einer bolschewistischen Weltrevolution verhindert schließlich, dass der vorhandene Spielraum zu einer wirklichen Entmachtung der etablierten Kräfte genutzt wird, aber die erste Demokratie in Deutschland ist erfolgreich installiert.«

Ja, die Kommunisten waren daran schuld, dass jene an der Macht blieben, die später den Faschisten in den Sattel halfen. Was genau wurde nun aber »erfolgreich installiert«? Die Weimarer Republik besaß eine demokratische Verfassung, von der laut Kurt Tucholsky nicht ein einziger Paragraph in die Wirklichkeit umgesetzt wurde, sieht man ab von Artikel 48, der dem Reichspräsidenten die Aussetzung der Grundrechte gestattete. In dieser Republik litten sechs Millionen Arbeitslose. Die Landeswährung wurde pulverisiert, mithin die Sparguthaben. Die Klassenjustiz machte Jagd auf Kommunisten, die Polizei schoss den Nazis den Rücken frei. So entstand eine politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Situation, in der die Mehrheit des deutschen Volkes den Faschismus als Erlösung empfand.

Aber nicht der katastrophale Beginn, der katastrophale Verlauf oder das katastrophale Ende der Weimarer Republik ist bei der Frage, ob sie »erfolgreich« war, heranzuziehen, Gott bewahre. Maßgeblich ist, dass im Weimarer Staatstheater 1919 demokratische Reden gehalten wurden. Und nicht der friedliche Aufbau oder das friedliche Ende der DDR ist zu ihrer Bewertung heranzuziehen, sondern dass sie »diktatorisch« war.

Die Weimarer Republik war im bürgerlichen Sinne demokratisch, aber das spielte für die Entwicklung nur eine untergeordnete Rolle. In erster Linie war sie eine Plutokratie, eine kapitalistische Geldherrschaft. Dadurch wurde bestimmt, was in ihr vorging. Die Menschen wählten und wählten – und alles wurde immer schlimmer. Die Depression hatte nur ein Ergebnis: Man traute der Demokratie überhaupt nichts mehr zu.

Ich wies den Moderator Kellerhof an jenem Abend in der Runden Ecke darauf hin, dass ein Sieg der Linken 1919 der Welt den Faschismus erspart hätte. Er wandte ein, dass dieser Sieg der Linken einen Bürgerkrieg zur Folge gehabt hätte. Ich schlug vor, zwischen einem Bürgerkrieg, der vielleicht stattgefunden hätte, und einem Weltkrieg, der tatsächlich stattgefunden hat, zu unterscheiden.

Hier zeigt sich, was »Aufarbeitung« in Deutschland zu leisten hat. Bis ins Jahr 1947 wurde in den Westzonen das Abgleiten in den Faschismus (der damals auch dort so genannt wurde) mit den Defiziten der Weimarer Republik in Zusammenhang gebracht. Die wurde noch nicht nach salbungsvollen Reden in Provinztheatern bewertet, sondern nach Tatsachen. Diese Debatte wurde abgedreht, wie man einen Wasserhahn abdreht und lediglich im Osten Deutschlands fortgesetzt. Der Westen verliebte sich derweil in das bis heute verbreitete alberne Bild von den »Goldenen Zwanzigern«. Und es begannen in der BRD die falschen fünfziger Jahre mit SS-Traditionsverbänden, Leugnung und Verschweigen.

Wer auch nur halbwegs bei der Wahrheit bleiben will, der muss die Weimarer Republik als katastrophale Phase der deutschen Geschichte ansehen. Und die DDR als eine glückliche. Die Wirklichkeit lässt sich mit dem Gegensatzpaar bös-diktatorisch und gut-demokratisch nur unzureichend beschreiben. Wir sollten die Urteilsfindung endlich um vernünftige Kriterien erweitern. War eine Phase der Geschichte friedlich oder nicht? Aufbauend oder zerstörerisch? An solchen Abenden in der »Runden Ecke« aber geht es wohl eher – nicht in den Einzelheiten, aber in der Komposition – um eine sorgfältig in Szene gesetzte Geschichtslüge.

Der Autor stellt am 26. März in der jW-Ladengalerie sein neues Buch vor: »Die Große Freiheit ist es nicht geworden. Was sich für die Ostdeutschen seit der Wende verschlechtert hat«, Beginn ist 19 Uhr, Torstr. 6, Berlin-Mitte, Eintritt 5, ermäßigt 3 Euro

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