15.03.2019 / Inland / Seite 8

»Mit wenigen Personen große Wirkung erzeugen«

Unterstützung für die »Fridays for Future«-Bewegung in Gießen. Ein Gespräch mit Jörg Bergstedt

Gitta Düperthal

Nach Spaßguerillaaktionen für den Nulltarif im öffentlichen Nahverkehr und anderen, von den Gießener Behörden eher wenig geschätzten Aktivitäten mischt sich die Projektwerkstatt Saasen in die Verkehrs- und Stadtplanung ein. Debattieren Sie nun brav über Konzepte für Straßen und Radwege?

Nein, darauf hofft in Gießen vermutlich auch niemand. Wir haben gemeinsam mit anderen Nichtregierungsorganisationen in unserem Netzwerk einen umfangreichen Verkehrsplan erarbeitet und vorgelegt, der die Debatte im Stadtparlament mitprägt. Wir setzen aber weiterhin auf rebellische Aktionen, um die Verkehrswende auf der Straße durchzusetzen. Politikerinnen und Politiker sind nie nur mit Argumenten zu gewinnen, sondern durch öffentlichen Druck. Den werden wir am heutigen Freitag zusammen mit Schülerinnen und Schülern von »Fridays for Future« entwickeln, die bei der Gelegenheit die Schule schwänzen. Ihnen geht es um das Klima. Sie werden deshalb auch Aktionen für die Verkehrswende vorbereiten – wir meist bereits über 50jährigen der Projektwerkstatt werden uns den jungen Leuten anschließen und mitmachen. Wir finden klasse, was sie machen; sorgen uns aber, dass von offizieller Seite versucht wird, diese Bewegung politisch zu vereinnahmen.

Die Schülerinnen und Schüler haben doch beispielsweise Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) unmissverständlich signalisiert, dass sie Versuche, sie zu bevormunden, nicht toll finden …

Stimmt, beim Klimastreik in Berlin buhten sie ihn aus. Ein Schüler rief ihm zu: »Wir sind hier, weil Sie ihre Arbeit nicht ordentlich machen!« Altmaier drehte sich daraufhin zu einem Mitarbeiter um und sagte ihm vor laufenden Kameras, was für eine »Scheißidee« es war, zum Protest zu kommen. Tatsache ist, dass die CDU-Kanzlerin Merkel, Sozialdemokraten, Grüne etc. der Bewegung eilig hinterherlaufen, behaupten, sie gut zu finden – aber zugleich verzweifelt versuchen, sie unter ihre Kontrolle zu bringen. In Gießen gibt es leider bereits eine Art Komitee, das alle Reden, die freitags gehalten werden, zuvor lesen und genehmigen will. SPD-Oberbürgermeisterin Dietlind Grabe-Bolz hatte aber spontan reden dürfen, ohne ihren Redetext vorher einreichen zu müssen. Dabei ist sie doch verantwortlich, dass Gießen eine Autostadt ist und mit Beton und Industriegebieten zugepflastert wird. Zukunftsweisende Umweltpolitik sieht anders aus. Wir wünschen uns, dass die Schülerbewegung weiterhin herrschaftsfreie, wilde und kreative Streiks durchzieht. Dabei werden wir sie unterstützen.

Wie ist die Verkehrswende voranzubringen?

Zum Beispiel indem wir die Straße mit Demos zurückerobern, mit sogenanntem »Gehzeug«. Die Straßenverkehrsordnung regelt: Wenn du etwas dabei hast, was für den Bürgersteig zu groß ist, musst du die Straße nutzen. Wir werden also mit großen Holzrahmen auf der Straße spazieren, die den Umfang eines Autos haben und mit Bannern behängt sind. So ist mit wenigen Personen große Wirkung zu erzeugen. Leute von »Fridays for Future« werden Straßen mit bunter Kreide bemalen. Wir haben einen Plan, wie Gießen umweltfreundlich gestaltet werden soll, und werden ihn mit Aktionen, die durch das Versammlungsrecht gedeckt sind, umsetzen. Wir sperren Autos aus der Innenstadt aus, organisieren Straßenfeste, Musik usw. Im Oktober 2018 waren wir damit bereits erfolgreich. Ab Mitte April werden wir uns mit einer Aktionswoche der internationalen, gewaltfreien Kampagne »Extinction Rebellion« anschließen. Klimaaktivisten haben diese »Rebellion gegen das Aussterben« Ende 2018 in London mit Brückenbesetzungen initiiert, um mit zivilem Ungehorsam eine auch für künftige Generationen lebenswerte Welt zu schaffen.

Nicht alle sind für ihre Ziele zu begeistern, oder?

In Gießen macht eine Bürgerinitiative von Geschäftsinhabern und Hausbesitzern gegen uns Stimmung. Aber uns ist es gelungen, die Verkehrswendedebatte in Gang zu setzen. Erreicht haben wir es mit unseren Methoden der »direkten Aktion« von gemeinsamen Schwarzfahren bis zu Umsonstumzügen nach dem Motto: »Ohne Preise, Besitzdenken und ständiger Jagd nach Profit ist das Leben schöner«.

Jörg Bergstedt ist Politaktivist in der Projektwerkstatt Saasen bei Gießen

Kundgebung am 15.3. in Gießen: 11.30 Uhr, Berliner Platz

https://www.jungewelt.de/artikel/351019.gießen-umweltfreundlich-gestalten-mit-wenigen-personen-große-wirkung-erzeugen.html