14.03.2019 / Thema / Seite 12

Spielzeuge der Reichen

Vorabdruck. Der Finanzsektor ist ein Nachzügler der Globalisierung. Dessen profitabelste Bereiche sollen die Vermögenden noch vermögender machen

Lucas Zeise

In den kommenden Tagen erscheint in der Reihe »Basiswissen« im Kölner Papy-­Rossa-Verlag der Band »Finanzkapital« von Lucas Zeise. Wir veröffentlichen daraus mit freundlicher Genehmigung von Verlag und Autor einen Auszug aus dem 4. Kapitel. (jW)

Es ist viel davon die Rede, die Finanzmärkte seien die typische globale Organisationsform im heutigen Kapitalismus, während das Indus­triekapital sich erst zuletzt weltweit organisiere. Richtig aber ist: Der Finanzsektor ist ein Nachzügler der Internationalisierung. Zunächst hat sich das Industriekapital internationalisiert. Die ersten Unternehmen, die zu internationalen Akteuren wurden, waren die Rohstoffkonzerne. Ihnen folgten die Produktionsmittelindustrie und zuletzt die Konsumgüterhersteller. Die multinationalen Konzerne sind nach Jahrzehnten intensiven Kapitalexports aus allen kapitalistischen Zentrumsregionen soweit, nicht nur die Produktion, sondern auch die Vermarktung beim Endkunden transnational zu betreiben.

Der Finanzsektor ist dagegen ein Nachzügler der Globalisierung. Die Kredit- und Kapitalmärkte sind erst im Laufe der 1980er Jahre durch Deregulierung und Freigabe der Kapitalverkehrskon­trollen der nationalen Aufsicht entzogen worden. Das national herrschende Finanzkapital war früher enger abgeschottet gegen ausländische Übergriffe als heute. Ein Beispiel aus längst vergangener Zeit: Als 1975 der damals noch herrschende Schah des Iran ein vom Alt- und Großkapitalisten Flick zum Verkauf angebotenes Mehrheitsaktienpaket der Daimler AG erwerben wollte, schuf die Deutsche Bank zur Abwehr eigens die »Mercedes-Holding« und brachte die Crème de la Crème des deutschen Industriekapitals in Bewegung, sich daran mit zu diesem Zweck gegründeten, liebevoll »Stern« und »Stella« genannten Gesellschaften zu beteiligen. Das war nationales Finanzkapital in Aktion.

Ausländische Kapitalisten nannten das die »Deutschland AG« oder den »Rheinischen Kapitalismus«. Hermannus Pfeiffer hat in seinem 1993 erschienenen Buch »Die Macht der Banken« die Gruppenbildung des Industriekapitals um die in den 1980er Jahren existierenden Großbanken (Deutsche und Dresdner Bank sowie Commerzbank) geschildert. Die Deutsche Bank führte (zusammen mit der Allianz) die »Deutschland AG« an. Um sie herum gruppierten sich große Industriemonopole: die drei Chemiegiganten Bayer, BASF und Hoechst, die drei Autokonzerne einschließlich des mehrheitlich staatlichen Volkswagen-Konzerns, die großen, überwiegend staatlichen Versorger Veba und RWE, die Stahlkonzerne Thyssen, Krupp und Mannesmann, schließlich der Elektrokonzern Siemens plus der nicht börsennotierten Elektrofirma Bosch.

Die in der Wertschöpfung ebenfalls sehr großen Staatsunternehmen oder besser -institutionen Bahn und Post spielten in der ersten Reihe des deutschen Finanzkapitals keine eigenständige Rolle, ebensowenig wie die staatlich gestützte Ruhrkohle AG. Sehr wohl dagegen die staatseigene Deutsche Bundesbank. Sie ist nicht nur von Gesetzes wegen von Regierung und Parlament unabhängig. Sie verfolgte und verfolgt noch heute eine eigene Agenda, die einerseits eng mit dem deutschen Finanzkapital, aber auch mit dem international führenden Finanzkapital der USA abgestimmt ist. Im Finanzsektor waren die vier anderen relativ großen privaten Banken (Dresdner Bank, Commerzbank, Bayerische Hypo- und Bayerische Vereinsbank) zwar bedeutend, spielten aber im Vergleich zur Deutschen Bank fast durchweg nur eine Nebenrolle.

Vom Kredit zum Investment

Die bei weitem größte Bank des Landes, die Deutsche Bank, hat ihre Internationalisierungsstrategie in zwei Schritten umgesetzt. 1989 übernahm sie die Londoner Investmentbank Morgan Grenfell und 1998 die New Yorker Investmentbank Bankers Trust. Beide Schritte zusammen bedeuteten nicht nur eine Internationalisierung, sondern auch eine Schwerpunktverlagerung vom Kreditgeschäft mit den heimischen Kapitalisten zum Finanzmarktgeschäft. Konsequent wurden die zahlreichen deutschen Beteiligungen verkauft und die Erlöse in die Expansion des Spekulationsgeschäftes gesteckt.

Die Bank war zunächst erfolgreich bei dieser Strategie. Im Devisenhandel und bei Handel und der Neukonstruktion (im Bankerjargon »Origination«) von Anleihen und anderen Zinsprodukten zählte sie zum exklusiven Kreis weniger führender Banken. Die Gewinne im Investmentbanking waren enorm hoch – auch nach Abzug der ebenfalls enorm hohen Sonderzahlungen der angestellten Banker. Den Aktienmarktcrash 2000 bis 2003 überstand die Deutsche Bank recht gut. Danach boomte das Geschäft in ihrem eigentlichen Hauptfeld, der »Origination« von Bonds. Sie war bei der »Produktion« der strukturierten Wertpapiere aus guten und miserabel schlechten US-Hypotheken, deren Absturz dann der unmittelbare Anlass für den Ausbruch der Finanzkrise 2007 wurde, wesentlich mitbeteiligt und verkaufte die Produkte wie andere Banken auch an ihre Kunden. Die Krise selbst ließ die Bank unbeschadet. Sie war allerdings von der Riesenpleite der damals größten Versicherung der Welt, AIG (American International Group), als Gläubiger betroffen und wurde danach vom US-Staat entschädigt, der für die AIG Pleite insgesamt ca. 150 Milliarden Dollar spendierte.

Erst danach begann der Ärger für die Deutsche Bank. Wie andere Banken auch wurde sie von den US-Behörden mit erheblichen Strafen für Schädigung der Kundschaft überzogen. Sie summierten sich auf mehr als neun Milliarden Dollar. Wegen derselben Delikte haben die US-Behörden auch US-amerikanische Großbanken mit noch höheren Strafen in zweistelliger Milliardenhöhe überzogen. Schlimmer noch als die Strafen selbst waren die Auflagen für die Weiterführung ihres Investmentbankgeschäfts. Kurz, die Aufsichtsbehörden der USA haben diesen zuvor ansehnlichen Konkurrenten aus ihrem Heimatmarkt geschickt oder zumindest klein gehalten. Die Bank ist nun, wie andere auch, vor allem auf das Geschäft im Stammland angewiesen und auch hier mit stärkerer ausländischer Konkurrenz sowie einem unbeschadet durch die Finanzkrise gekommenen Genossenschaftssektor (an der Spitze die DZ-Bank) und den erstarkten Sparkassen konfrontiert.

Vermögensverwaltung und Fonds

Die Banken sind während der letzten zwanzig Jahre in Deutschland also relativ schwächer geworden. Das widerspricht zunächst der Behauptung, dass das Finanzkapital im Zuge der neoliberalen Umgestaltung des Kapitalismus »finanzieller« geworden sei bzw. ein »finanzmarktdominierter Kapitalismus« herrsche. Man muss dabei aber berücksichtigen, dass Deutschland im Kreis der fortgeschrittenen kapitalistischen Länder eine Ausnahme insofern darstellt, als der Industriesektor dieses Landes relativ zur gesamten Wertschöpfung kaum geschrumpft ist. In den USA, in Britannien, Frankreich, in den Benelux-Ländern, Spanien und Portugal ist der »Dienstleistungssektor« viel stärker gewachsen als in Deutschland.

Innerhalb der großen Gruppe der Dienstleister boomen vor allem zwei große Branchen. Die erste ist die des Marketings und der Werbung. Unter den größten börsennotierten Unternehmen befinden sich mindestens zwei (Google/Alphabet und Facebook), die dieser Branche angehören. Die andere ist die Finanzbranche. Sie war schon früher gewaltig und ist mit dem neoliberalen Regime weltweit regelrecht explodiert. Auch in Deutschland ist der Finanzsektor stark gewachsen, allerdings nicht in dem Maße wie anderswo, weil die traditionellen Banken vor allem seit der Finanzkrise 2007/2008 an Boden verloren haben. Zugleich agieren neue »Finanzinvestoren«, ebenfalls überwiegend aus den USA, aber auch aus anderen Ländern. Sie sind die Verwalter von Finanzvermögen, genauer gesagt, sind sie diejenigen, die mit der Vermehrung des Vermögens der Reichen beauftragt sind.

In der geschichtlichen Periode des Klassenkompromisses 1945 bis 1975 begannen die Banken und Versicherungen, als sogenannte Kapitalsammelstellen auch die Verwaltung der Kleinvermögen zu organisieren. In den USA entstanden staatlich und gewerkschaftlich geförderte Pensionsfonds. Die Banken kreierten Publikumsfonds, die Versicherungen erfanden Lebensversicherungen, die beide staatlich geregelt und sogar gefördert werden, damit die Abzocke einiger Akteure dem Geschäft mit dem gesparten Geld der Massen kein schnelles Ende bereitet. In Deutschland hatte jede Großbank ihre Fondsgesellschaft, die für das Publikum »offene Fonds« als Alternative für das Sparkonto anboten. Offen heißt, der Kunde kann jederzeit einsteigen und (fast) jederzeit aussteigen – mit einem gehörigen Abschlag selbstverständlich. Die Gebühren sind relativ hoch, liegen aber noch unter dem, was der Kleinkunde bezahlen muss, wenn er selbst einzelne Aktien, Anleihen oder gar Rohstoffe erwirbt.

Die im Zuge der neoliberalen Politik und der damit verschärften Ausbeutung immer ungleicher werdende Einkommensverteilung hatte zur Folge, dass die Personen an der Spitze der Einkommenspyramide, in erster Linie die Groß- und Mittelkapitalisten, selbst vermehrt Bedarf an einer professionellen Vermögensverwaltung zur Geltung brachten. Die Banken verdienen dabei nicht an der Zinsdifferenz und müssen sich nicht vor der Zahlungsunfähigkeit ihrer Kunden fürchten. Sie leben in diesem Fall von den Gebühren, einem Prozentsatz am verwalteten Vermögen des Kunden. Sie verdient außerdem daran, dass ihre Handelsabteilung die Aufträge zum Kauf/Verkauf von Wertpapieren ausführt. Drittens gibt es das Insiderwissen. Die Bank, die große Fremdaufträge abwickelt, weiß vorher, welche Papiere in großer Menge gekauft oder verkauft werden, und kann sich danach hinsichtlich des eigenen Vermögensbestands richten, »Frontrunning« genannt.

Die höheren Bankangestellten, gut bezahlt zwar, aber noch nicht gut genug, begannen in den 1990er Jahren vermehrt, ihre eigenen kleinen Vermögensverwaltungen aufzumachen. Sie warben für ihre Fonds, die keinem Bankvorstand unterstanden, das Geld der wirklich Vermögenden ein. Fonds sprossen überall im Umland New Yorks und später auch Londons auf. Die heute bekanntesten Formen sind Private-Equity-Fonds und Hedgefonds.

Mit Schulden zu Geld

Um das Finanzkapital zu verstehen, lohnt sich ein genauerer Blick auf das, was Private-Equity Fonds tun, also auf das, was man als ihr Geschäftsmodell bezeichnet. Der damalige Vorsitzende der SPD, Franz Müntefering, hat 2004 diese Sorte Finanzinvestoren mit »Heuschreckenschwärmen« verglichen, die über Unternehmen herfallen, sie abgrasen und weiterziehen. Tatsächlich ist das Engagement dieser Heuschrecken bei den Unternehmen kurzfristig. Als Standard gilt in der Branche eine Periode von drei Jahren. Wenn die Gelegenheit günstig ist, kann natürlich auch schon vorher verkauft werden. In dieser Hinsicht verhalten sich diese Fonds wie klassische Aktienspekulanten. In zweierlei Hinsicht unterscheiden sie sich aber von diesen: Erstens greifen sie anders als gewöhnliche Aktionäre nach der Macht im Unternehmen. Sie arbeiten, zweitens, mit hoher Verschuldung, um die Rendite auf ihr Engagement zu erhöhen. Da ihr Investitionshorizont bei den erworbenen oder mit Mehrheit erworbenen Unternehmen sich auf einige Jahre beschränkt, wird das von ihnen installierte Management angewiesen, keine mittel- oder langfristigen Investitionen zu tätigen. Das Unternehmen wird vielmehr auf schnelle Rendite getrimmt. Das heißt vor allem Senkung der Kosten, Lohndruck, Reduzierung des Personals. Häufig ist auch die Methode, das Unternehmen in Einzelteile zu zerlegen, um die Summe dieser Teile für einen höheren Gesamtpreis zu verkaufen als das Unternehmen als Ganzes.

Der entscheidende Trick besteht darin, mit hoher Verschuldung zu arbeiten. Mit Hilfe des Einsatzes von Fremdkapital kann aus einigen wenigen, von Investoren eingesammelten Milliarden Euro oder Dollar ein Vielfaches an Unternehmenskäufen realisiert werden. Dieses Geschäftsmodell funktioniert allerdings nur unter zwei Voraussetzungen. Zum einen müssen genügend Unternehmen zum Kauf auf dem Markt vorhanden sein. Zum anderen müssen Kredite reichlich und zu relativ mäßigen Zinsen angeboten werden. Tatsächlich sammeln die Heuschreckenfonds das Geld von betuchten Investoren mit dem Versprechen ein, jährliche Renditen von 25 bis 40 Prozent zu erzielen. In der Realität werden oder wurden auch noch höhere Renditen erreicht. Nur gehen Private-Equity-Fonds in der Realität phantasievoller auch bei der Finanzierung ihrer Operationen vor. Die wichtigste Variante der Schuldenfinanzierung ist es, dem erworbenen Unternehmen die Schulden aufzubürden, die beim Kauf gemacht wurden. Wenn man die Mehrheit des Aktienkapitals, also die Macht im Unternehmen, übernommen hat, sind solche Veränderungen in der Unternehmensfinanzierung einfach. Auch entfallen ja weitgehend die Gründe, weshalb sich Unternehmen üblicherweise verschulden, nämlich die Investitionen.

Die Methoden der Fonds sind keineswegs neu. Die Großspekulanten und Großvermögensbesitzer haben sie seit jeher angewendet, um die Kontrolle über andere Großvermögen zu erhalten. Ein mittlerweile klassisches Beispiel ist die Übernahme der Mehrheit an der (zeitweise) größten Autofirma des Globus durch die Familien Porsche und Piëch. Das Vehikel, mit dem sie vorgingen, war kein Fonds, sondern die kleine Sportwagenfirma Porsche, in der die Porsches und Piëchs das Familienvermögen gebündelt hatten.

Vorstandsvorsitzender von Porsche war ein gewisser Wendelin Wiedeking. Er schickte sich mit Billigung der beiden Familien 2005 an, den 15mal so großen Konzern Volkswagen zu übernehmen. Die Finanztechnik war einfach und bestand darin: erst VW-Aktien oder vor allem Optionsscheine auf VW-Aktien kaufen. Wenn dann die Kurse steigen, die Papiere teuer ver- und bei der nächsten Delle wieder zurückkaufen. Das dazu benötigte Geld stellten die Banken dank der Sicherheit der Produktionsfirma Porsche, deren Stammaktien sämtlich dem Familienclan gehörten, gern zur Verfügung.

Auf dem Höhepunkt der von Wiedeking angetriebenen Spekulationswelle im Oktober 2008 war Volkswagen an der Börse 294 Milliarden Euro wert. Porsche allerdings hatte schnell fällige Schulden von neun Milliarden Euro. Die Banken wollten auf dem Höhepunkt der Finanzkrise ihr Geld zurück, jedenfalls kein neues nachschießen, das Wiedeking/Porsche in die Lage versetzt hätte, 75 Prozent an Volkswagen und damit Zugriff auf die gefüllte Kasse des Konzerns zu erreichen. So kam es zum Kompromiss. Aus der gefüllten Kasse kaufte Volkswagen Porsche, das damit vor der Pleite gerettet wurde. Der Spekulantenclan Porsche/Piëch zahlte mit diesem Geld die Schulden an die Banken zurück und konnte sich so zwar nicht 75 Prozent, wohl aber die Aktienmehrheit an Volkswagen sichern.

Neben den Private-Equity-Fonds ist es die noch relativ junge Branche der Hedgefonds, die für das heutige Finanzkapital charakteristisch ist. Hedgefonds gibt es in den USA schon seit dem Zweiten Weltkrieg. Allerdings waren sie viele Jahrzehnte lang Randerscheinungen der Finanzszene, und eigentlich gehört das Nischendasein zur ihrem wichtigsten Charakterzug. Das »Hedge« in ihrem Namen sollte ursprünglich nämlich darauf hinweisen, dass sich der Anleger mit einer Investition in einen solchen Fonds gegen Schwächeanfälle des gewöhnlichen Kapitalmarktes absichern kann. »To hedge« heißt im Englischen absichern und hat ursprünglich mit der Hecke (englisch: Hedge) zu tun, die eine Wiese oder einen Acker sichert und begrenzt. Ein Hedgefonds war demzufolge ein Fonds, der nicht in die üblichen Anlageklassen wie Aktien, Anleihen oder Immobilien investiert. Bei in der Regel gleichzeitig schlecht laufenden Aktien-, Anleihe- und Immobilienmärkten hätte man sein Geld in einem Hedgefonds wie das Schäfchen im Trockenen untergebracht.

Nun ist es gar nicht so einfach, viel Geld außerhalb der drei wichtigsten Vermögensklassen anzulegen. Eine Alternative sind Gold oder überhaupt Rohstoffe. Eine andere sind exotische Währungen und überhaupt Länder, die vom Finanzkapitalismus noch weniger stark erschlossen sind. In diese Randgebiete des Kapitals investierten Hedgefonds zunächst. In der Regel sind sowohl die Risiken in diesen Anlagen hoch als auch die durchschnittlichen Renditen. Einen Entwicklungsschub erlebten die Hedgefonds, als Finanzmarktderivate und deren Handel auch dank der Verbreitung elektronischer Handelsmethoden und dank computergestützter Börsen zu einer Massenerscheinung wurden. Investoren konnten nun viel leichter als zuvor auf fallende Kurse setzen oder überhaupt kompliziertere Wetten eingehen. Hedgefonds hatten nun viel breitere Möglichkeiten, ihre Anlagen so zu tätigen, dass sie bei schlecht laufenden Hauptmärkten davon gar nicht berührt wurden oder sogar profitierten.

Weil Hedgefonds auf risikoreiche, exotische und gegen den Haupttrend gerichtete Anlagen setzen, sind sie als Anlagen für Witwen und Waisen nicht zugelassen. Versicherungen dürfen in Hedgefonds auch heute nur mit kleinen Quoten investieren. Diese Art Anlage ist also nicht für das breite Publikum gedacht, sondern richtet sich an Personen und Institutionen, die große Beträge übrig haben. Sie sind fast immer als geschlossene Fonds konzipiert. Es werden, anders als bei offenen Publikumsfonds, nach dem Einsammeln des Geldes keine weiteren Investments in den Fonds zugelassen. Wichtiger ist noch, dass das in die Fonds gesteckte Geld in der Regel auch für einen längeren Zeitraum festgelegt ist und nicht vorfristig wieder zurückgegeben werden kann. Die Regeln ermöglichen es den Hedgefondsmanagern, viel flexibler mit den ihnen anvertrauten Mitteln umzugehen. Sie treten am Kapitalmarkt wie Raubritter überraschend auf und verschwinden auch ebenso plötzlich.

Zwei Dinge haben Hedgefonds mit Private-Equity-Fonds gemein. Erstens verlangen sie von den Investoren extrem hohe Gebühren plus Erfolgsprämien. Zweitens verdanken auch sie die überdurchschnittlichen Renditen, die sie erzielen, in erster Linie der hohen »Leverage« alias Verschuldung, mit der sie ihre Investitionen tätigen. Das mittlerweile klassische Beispiel ist der gut dokumentierte Fall des Hedgefonds LTCM (Long-Term Capital Management), der 1998 zahlungsunfähig wurde, worauf die US-Notenbank die Banken, die LTCM zeitweise bis zu 125 Milliarden Dollar Gegenwert geliehen hatten, dazu zwang, den Fonds zu übernehmen und seine Handelspositionen zu garantieren.

LTCM hatte auf eine relative Preisverbesserung russischer und anderer Staatsanleihen aus Schwellenländern im Vergleich zu westlichen Staatsanleihen spekuliert. Dabei war das eingesetzte Eigenkapital von fünf Milliarden Dollar mit 125 Milliarden Dollar an aufgenommenen Schulden ergänzt worden. Die Schulden wurden vorwiegend in japanischen Yen aufgenommen – eine übliche Praxis, weil das Zinsniveau in Japan extrem niedrig war (und heute noch ist). Im August 1998 erklärte sich die russische Regierung unter dem damaligen Präsidenten Boris Jelzin für zahlungsunfähig. Der Markt für russische Staatsanleihen brach zusammen. Zusätzlich stieg der Yen im Vergleich zum Dollar, was die billigen Kredite plötzlich sehr teuer machte. Die Verluste bei LTCM übertrafen bei weitem das Eigenkapital. Der Fonds konnte seinen Verpflichtungen aus Finanzgeschäften in einer Gesamthöhe von 1,3 Billionen Dollar nicht nachkommen. Die Notenbank befürchtete den Zusammenbruch weiterer Finanzinstitute und eine dann folgende Kettenreaktion. Sie sorgte nicht nur dafür, dass LTCM aufgefangen wurde, sondern senkte zudem in rascher Folge ihre Leitzinsen.

Freie Hand den Begüterten

Hedgefonds und Private-Equity-Fonds sind eindeutig Fonds für die Reichsten und Superreichen. Den Totalverlust des eingezahlten Geldes muss der Teilnehmer verschmerzen können. Die Finanzaufsichten in den USA und der EU lassen den Fonds fast durchgehend freie Hand und kümmern sich wenig darum, wenn die Kunden ausgenommen werden. Sie verbieten allerdings die Werbung beim breiten Publikum. Typisch für diese Fonds ist auch, dass sie ihren steuerlichen Sitz in Steueroasen wie den meist britischen Karibikinseln und den ebenfalls britischen Kanalinseln Jersey und Guernsey haben. Dem Volumen nach sind die Fonds für die ganz Reichen sehr viel kleiner als die offenen Fonds. Das von Private-Equity-Fonds verwaltete Geld wird für 2017 auf nahezu fünf Billionen Dollar, das von Hedgefonds verwaltete Vermögen auf etwa 3,5 Billionen Dollar geschätzt. Der größte Hedgefonds Bridgewater in New York hat einen Umfang von 160 Milliarden Dollar.

Das ist eine lächerlich kleine Summe, wenn man sie mit dem größten Vermögensverwalter der Welt, Blackrock, ebenfalls New York, vergleicht. Diese Fondsgesellschaft gab das von ihr verwaltete Vermögen für Ende 2017 mit insgesamt 6,2 Billionen Dollar an. Blackrock betreibt auch Hedgefonds, den größten Teil seiner Tätigkeit nimmt aber die Emission von börsengehandelten Indexfonds (ETF für Exchange Traded Funds) ein. Sie sind eine relativ junge Erfindung der Finanzbranche. Blackrock hat diesen Geschäftszweig 2009 von der britischen Bank Barclays (für 13,5 Milliarden Dollar) billig erworben. Das Geschäft boomt seitdem. Erstens, weil der Aktienmarkt gut lief, und zweitens, weil für die Anleger bei den börsengehandelten Fondsanteilen weniger Gebühren anfallen als bei den bis dato üblichen offenen Publikumsfonds. Die ETF werden nämlich nicht von gutbezahlten Fondsmanagern gesteuert, sondern folgen in der Regel ganz einfach und möglichst eng einem Aktienindex, z. B. dem Dax. Wenn der Dax steigt, steigt parallel auch der Wert des Fonds. Wenn er fällt, sinkt dieser Wert. Blackrock ist entsprechend an allen 30 Werten des Deutschen Aktienindex Dax mit Sätzen um die fünf Prozent beteiligt.

Anders als ein Vertreter geschlossener Fonds kann der Vertreter von Blackrock mit diesen fünf oder auch acht Prozent keinen vom allgemeinen neoliberalen Konsens abweichenden Kurs in den Konzernen durchsetzen, so wie das der Hedgefonds Elliott zuletzt bei Thyssen-Krupp praktiziert hat. Aber wegen der schieren Masse seiner Präsenz in deutschen Aktiengesellschaften kann der Vermögensverwalter als treffender Ausdruck für die gewachsene Macht des US-Finanzkapitals im deutschen Kapitalmarkt gelten. Er spielt heute eine ähnliche Rolle, wie sie früher die Deutsche Bank (über ihre direkten Beteiligungen und ihre Fondstochter DWS) und die Allianz gespielt haben.

Lucas Zeise ist Finanzjournalist und Publizist. Er ist Autor der in jeder Wochenendausgabe erscheinenden jW-Kolumne »Lust und Risiken des Kapitalverkehrs«.

https://www.jungewelt.de/artikel/350970.finanzmärkte-spielzeuge-der-reichen.html