14.03.2019 / Ausland / Seite 2

Hintermänner weiter im Dunkeln

Brasilien: Verdächtige im Mordfall Franco aus Bolsonaros Umfeld

Peter Steiniger

Ein Jahr nach der Ermordung der linken brasilianischen Stadträtin Marielle Franco gerät Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro immer mehr unter Druck. Die offen lesbische PSOL-Politikerin Marielle Franco war für die Rechte der Frauen und der Favela-Bewohner eingetreten. Am 14. März 2018 wurde sie von professionell agierenden Tätern mit einer Waffe der deutschen Marke Heckler & Koch in ihrem Auto erschossen. Auch ihr Fahrer Anderson Gomes kam ums Leben, Francos Mitarbeiterin Fernanda Chavez blieb unverletzt.

Am frühen Dienstag morgen (Ortszeit) verhaftete die Kriminalpolizei in Rio de Janeiro zwei Tatverdächtige, die Expolizisten Ronie Lessa und Elcio Vieira de Queiroz. Ersterer wohnt im Stadtviertel Barra da Tijuca in derselben vornehmen Wohnanlage, in der auch Bolsonaros Haus steht. Von Queiroz, einem Anhänger der Bolsonaro-Partei PSL, existieren Fotos, die ihn zusammen mit dem faschistischen Staatschef zeigen. Die mutmaßlichen Täter sollen einer der ultrarechten Milizen dienen, die Teile von Rio faktisch kontrollieren, Schutzgelder kassieren, illegalen Immobilienhandel betreiben und in den Favelas als Todesschwadronen in Erscheinung treten.

Als Abgeordneter hatte sich Bolsonaro über Jahre als Lobbyist der Milizen betätigt. Die Medien interessieren sich nun verstärkt für seinen Familienclan. Dazu zählen die beiden Söhne Eduardo, nunmehr Kongressabgeordneter, und der in den Senat gewählte Flávio. Letzterer trat bereits für eine Legalisierung der Milizen ein und pries sie als Garanten der öffentlichen Sicherheit. Mörder aus ihren Reihen nahm er öffentlich in Schutz. In seinem Büro beschäftigte er bis 2018 die Ehefrau und die Mutter des mittlerweile abgetauchten Chefs der Bande »Kontor des Verbrechens«, Adriano Magalhães. Über Flávios Fahrer Fabrício Queiroz liefen verdächtige Geldgeschäfte der Bolsonaros.

Zum politischen Mord an Franco hatte sich Bolsonaro öffentlich mit keinem Ton geäußert. Etliche andere PSL-Politiker, darunter der jetzige Gouverneur von Rio, Wilson Witzel, beleidigten das Mordopfer dagegen öffentlich. Eduardo Bolsonaro bezeichnet den Mord als »einen Fall wie jeden anderen« der jährlich 62.000 Tötungsverbrechen in Brasilien. Es sei »absurd und widerlich«, dabei Verbindungen zu seiner Familie zu sehen. Linke und demokratische Kräfte hoffen dagegen nach den jüngsten Festnahmen, dass auch die Anstifter des Verbrechens ermittelt werden.

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