05.03.2019 / Ausland / Seite 7

Lula in Feindeshand

Gefährliche Obhut: Brasiliens Arbeiterpartei besorgt um die Sicherheit des politischen Gefangenen

Peter Steiniger

Das erste Erscheinen des früheren Präsidenten Luiz Inácio Lula da Silva in der Öffentlichkeit seit seinem Haftantritt am 7. April 2018 machte ein trauriger Anlass möglich. Am Samstag durfte er an der Totenwache und einer religiösen Zeremonie für seinen siebenjährigen Enkel Arthur teilnehmen. Das Kind war am Tag zuvor an einer bakteriellen Hirnhautentzündung verstorben. Die Beerdigung fand auf dem Friedhof Jardim da Colina in São Bernardo do Campo im Großraum von São Paulo statt. Am Eingang erwarteten Lula zahlreiche Anhänger, um dem Politiker der Arbeiterpartei PT ihre Solidarität auszudrücken. Bei der Trauerfeier anwesend waren Repräsentanten der Linken wie Lulas Nachfolgerin an der Spitze des Staates, Dilma Rousseff, und der PSOL-Politiker Guilherme Boulos. Nach knapp zwei Stunden musste Lula per Hubschrauber und Flugzeug wieder den Rückweg nach Curitiba antreten, wo ihn im Polizeigefängnis seine Einzelzelle erwartete.

Ein hochgerüstetes Polizeiaufgebot begleitete den Freigang des wegen angeblicher Korruption einsitzenden wirklichen Favoriten der Präsidentschaftswahlen vom vergangenen Oktober. Bis hinein in die Trauerhalle hatten Schwerbewaffnete Posten bezogen. Bei der Beerdigung seines Bruders Genival Ende Januar war Lula eine Teilnahme von den Behörden verwehrt worden. Man könne die öffentliche Sicherheit nicht gewährleisten, hieß es da. Beim Enkel – und inmitten der Karnevalssaison – wurde dem Gefangenen sein Recht zugestanden.

Besonderes Aufsehen erregte ein Lula mit umgehängtem Schnellfeuergewehr eskortierender Bundespolizist der schnellen Eingreiftruppe GPI. Auf seiner schusssicheren Weste trug er gut sichtbar das Emblem der US-Spezialeinheit Miami Police SWAT. Danilo Campetti soll dort vor Jahren Kurse absolviert haben. Die Orientierung an Vorbildern in den Vereinigten Staaten ist Brasiliens weißer Elite und ihren Handlangern wesenseigen. Das gilt besonders für Campettis Idol, den Donald Trump nacheifernden faschistischen Präsidenten Jair Bolsonaro. Während des vergangenen Jahres gehörte Campetti dem Team an, das Bolsonaro während des Wahlkampfes schützte. Er war auch bei der Messerattacke eines geistig Verwirrten auf den Kandidaten Anfang September vor Ort, nach der die »braune Welle« ins Rollen kam.

Auf seiner Facebook-Seite – die den bei Sicherheitskräften herrschenden Korpsgeist spiegelt – huldigt Campetti Bolsonaro als »Mythos« und wünscht das Ende der PT. Er verbreitet dort Parolen wie »Nur ein toter Bandit ist ein guter Bandit«. Bolsonaro hatte im Wahlkampf politischen Gegnern wiederholt mit physischer Auslöschung gedroht. Die PT kündigte im Fall Campetti eine Eingabe bei der Dienstaufsicht der Bundespolizei an. Das Schwerwiegende sei allein »das politische Pro-Bolsonaro-Engagement des Polizisten.«, erklärte Parteivorsitzende Gleisi Hoffmann. Gegenüber jW unterstrich Vorstandsmitglied Valter Pomar, dass der Staat für das Leben des Gefangenen verantwortlich sei. Die Praxis bedeute für Lula »Lebensgefahr durch staatliches Handeln«. Eine offizielle Beileidsbekundung erhielt der frühere Präsident zum Tod seines Enkels nicht. Für den Abgeordneten und Bolsonaro-Sohn Eduardo bringt dieser »nur den Schurken in Mode, der sich als Opfer darstellt«.

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