26.01.2019 / Thema / Seite 12

»Es gibt nichts mehr zu tun«

Vor 80 Jahren gaben die republikanischen Truppen in Barcelona erschöpft auf. Die katalanische Metropole fiel in die Hände der Faschisten

Werner Abel

In der Nacht vom 25. zum 26. Januar 1939 fuhr eine dunkle Limousine, aus der etwa 25 Kilometer entfernten, nordöstlich von Barcelona gelegenen Stadt Granollers kommend, auf die Avinguda Diagonal, eine der Hauptverkehrsadern der katalanischen Metropole, und bog nach rechts in die Avinguda del Tibidabo ein. In dem Wagen befanden sich die deutschen Spanienkämpfer Walter Vesper, Karl Kleinjung, Gustav Röbelen, Otto Schliwinski und Lothar Marx. Ihr Ziel war das Botschafts- und Konsulatsviertel im letzten Drittel dieser Straße. Das Auto, ein leicht gepanzerter 1937er Cadillac, war der Dienstwagen von Dolores Ibárruri, Mitglied des Politbüros der KP Spaniens (PCE) und bekannt als »La Pasionaria«. Sie hatte in der von einem schmiedeeisernen Zaun umgebenen einstöckigen Villa in der Avinguda de Tibidabo No. 17, die das sowjetische Generalkonsulat beherbergte, ein Büro gehabt, in dem sich noch äußerst wichtige Dokumente befanden, die von einem unachtsamen ZK-Mitglied vergessen worden waren. Die fünf Deutschen sollten diese Dokumente sicherstellen und nach Granollers bringen.

In heikler Mission

Als sie von dort aufgebrochen waren, wusste niemand, ob Barcelona schon von den Faschisten besetzt war. Doch die Insassen des Wagens fanden fast menschenleere Straßen vor, nur vereinzelt waren Schüsse zu hören und aufflackernde Feuer zu sehen – offensichtlich wurden Akten und Dokumente verbrannt. Aber auf den Serpentinen des nahe gelegenen Berges Tibidabo ließen sich schon die Positionslichter der kleinen italienischen Zwei-Mann-Panzer, der Tankette CV-35, erkennen, die die Vorhut der sich nähernden italienischen Truppen bildeten. Der Zeitdruck war groß, weil damit zu rechnen war, dass die Faschisten den Belagerungsring um Barcelona bald schließen und in die Stadt eindringen würden.

Die fünf Spanienkämpfer aus Deutschland stellten ihr Auto vor einem ausländischen Botschaftsgebäude ab und näherten sich mit schussbereiten Maschinenpistolen der Villa mit der Hausnummer 17. Das Gebäude, das von den Angestellten des Konsulats geräumt worden war, sollte wie bisher von einem Kommando der republiktreuen »Guardia de Asalto« (Sturmgarde), der städtischen mobilen Polizei, bewacht werden. Jetzt aber befand sich vor dem Tor der Residenz nur noch ein Leutnant dieser Einheit, aus dessen Verhalten die deutschen Spanienkämpfer schlossen, dass er mit seinem in der Villa schlafenden Kumpan darauf wartete, das Haus den Faschisten übergeben zu können. Vesper, Kleinjung, Röbelen und Schliwinski, die schon seit längerem für die sowjetischen Dienste in Spanien tätig waren, kannten das Haus genau, nahmen die beiden Sturmgardisten fest und sperrten sie im Keller der Villa ein. Danach gingen sie zu den Räumen der Pasionaria, fanden das vergessene Material und kehrten zum Auto zurück.

Jetzt mussten sie alle Überredungskunst aufbringen, um Juan, den spanischen Fahrer, der sich um seine in Barcelona lebende Familie sorgte, von der Flucht abzuhalten. Juan war der nervlichen Belastung nicht mehr gewachsen. Als er sich schließlich zur Weiterfahrt bereit erklärte, stellten die Kämpfer fest, dass der Treibstoff nicht für die Rückfahrt reichen würde. Zu viel hatten sie auf der Fahrt nach Barcelona verbraucht, als sie sich durch die flüchtenden Zivilisten und abziehenden Militärs den Weg bahnen mussten. Sie erreichten gerade noch eine Tankstelle am Rande der Stadt, aber der Tankwart wollte ihnen weder für Zigaretten, die das begehrteste Tauschobjekt waren, noch nach Drohung mit vorgehaltener Waffe Benzin verkaufen. Offensichtlich war er den Republikanern feindlich gesinnt, und nur seiner völlig verängstigten Frau war es zu verdanken, dass die Kameraden Benzin für die Rückfahrt erhielten. Diese Fahrt war selbst für die so Kampferfahrenen eine Tortur: Immer wieder sahen sie Soldaten, übermüdet von den Kämpfen und den Märschen der letzten Tage, in den Gräben der Landstraße liegen, Verwundete wärmten sich an Feuern, Autos, Fuhrwerke, Hausrat, Pferde und Mulis lagen auf der Straße. Dazwischen Zivilisten, unter ihnen viele Frauen, die ihren erschöpften und weinenden Kindern nichts anbieten konnten.

Am frühen Morgen erreichten die fünf Interbrigadisten Granollers und konnten den Wartenden mitteilen, dass sie den Auftrag erfüllt hatten. Die Genossen waren besorgt gewesen und hatten ihnen eine zweite Gruppe entgegen geschickt, die behilflich sein sollte, sie in den allgemeinen Wirren aber nicht erreichte. Die Leitung dieses Unternehmens lag in den Händen von »Moreno« und »Lew«. Beide waren Vesper, Kleinjung, Schliwinski und Röbelen seit langem bekannt, aber vermutlich nur mit ihren Decknamen. In der internen Kommunikation wurden ohnehin kaum Namen genannt, man sprach von den »sowjetischen Freunden«. »Moreno« war der Name, den der Verbindungsmann der Komintern zum ZK des PCE, der Bulgare Stojan Minew, nutzte, der im Apparat der Komintern als »Stepanow« auftrat. »Lew« wiederum war der Beauftragte der INO, der Auslandsabteilung des sowjetischen Geheimdienstes NKWD in Spanien, der sich dort »Leonid Kotow« nannte, in Wirklichkeit aber Nachum Eitingon hieß. Besonders ihn kannten die Deutschen seit geraumer Zeit, denn Kotow war der frühere Stellvertreter von »Alexander Orlow«, dessen richtiger Name Leiba Feldbin lautete und der Resident des NKWD in Spanien gewesen war. Orlow, der, nach Moskau zurückbeordert, befürchtete, in die Mühlen der Säuberungen zu geraten, hatte sich, seinen aus zehn vorwiegend deutschen Interbrigadisten bestehenden Personenschutz an der Grenze zurücklassend, über Frankreich nach Kanada abgesetzt. Zu diesem Personenschutz hatten auch Walter Vesper, Karl Kleinjung, Gustav Röbelen und Otto Schliwinski gehört. Lothar Marx war nicht Mitglied des Personenschutzes gewesen, weshalb er diesem Kommando angehörte, bleibt unklar, denn über ihn gibt es nur wenige Informationen.

Die Fahrt nach Barcelona war nur ein Teil ihres Auftrags, der viel größere bestand darin, den Transport des Archivs, der Dokumente und vor allem des Vermögens des PCE, getarnt verladen auf zwei Lkw, über Girona und Figueres nach Port Bou zu sichern und ihn an der Grenze Genossen der KP Frankreichs zu übergeben. Die Leitung wie auch die Evakuierung der Spitzenfunktionäre des PCE hatten die sowjetischen Genossen übernommen, den Transport vertrauten sie den als besonders zuverlässig geltenden deutschen Interbrigadisten an. Die fünf Deutschen erreichten am Abend des 26. Januar von Granollers kommend die kleine Stadt La Bisbal d’Empordá. Dort hielten sich die Familien spanischer Parteifunktionäre auf, unter ihnen auch die deutsche Genossin Ruth Kahn, die Walter Vesper als »Genossin Carmen« (vgl. jW vom 18.8.2017) aus dem Haus des PCE-ZK in Valencia kannte, und die hier auf ihren Gatten Pedro Martínez Cartón wartete, der sich noch an der Front befand.

Am 28. Januar setzten sich die beiden Lkw in Richtung französischer Grenze in Bewegung und erreichten einen Tag später das durch die ununterbrochenen Bombenangriffe an allen Ecken brennende Girona. Wieder waren die Deutschen Augenzeugen eines entsetzlichen Blutbades unter den Zivilisten. Sturmgardisten versuchten ihre Lastkraftwagen zu requirieren, weil jedes Fahrzeug zum Abtransport verwundeter und getöteter Flüchtlinge gebraucht wurde. Mit MP-Salven musste verhindert werden, dass sich marodierende Soldaten der Lastkraftwagen bemächtigten. Aber die Kameraden hatten Glück, denn kaum hatten sie die Stadt verlassen, wurde diese von den Franco-Truppen eingenommen. Am 9. Februar übergaben sie den französischen Genossen die beiden Transporter. Dann überschritten sie die Grenze und wurden von den französischen Behörden einer entwürdigenden Prozedur unterzogen.

Die faschistische Offensive

Noch in Granollers hatten sie erfahren, dass Barcelona am Mittag nach ihrem nächtlichen Einsatz von italienischen Faschisten, marokkanischen Söldnern und Angehörigen der spanischen Fremdenlegion unter dem Befehl des Generals Juan Yagüe widerstandslos besetzt worden war. Die Interbrigadisten, die sich in den meistens auf katalanischem Boden befindlichen Demobilisierungslagern aufgehalten hatten, fragten mit ohnmächtiger Wut, wie es möglich gewesen war, dass eine Stadt mit einer solch kämpferischen Tradition wie Barcelona von den Faschisten beinahe kampflos eingenommen werden konnte.

Am 23. Dezember 1938 hatte die franquistische Offensive nahezu in der gesamten Breite von der Mittelmeerküste bis zur französischen Grenze begonnen, und nichts und niemand hatte das mit deutscher Unterstützung kämpfende Rebellenheer und die italienischen Faschisten, die noch mehr Menschen und Material in die Schlachten warfen, aufhalten können. Ricardo Sanz García, Kommandeur der aus der Columna Durruti hervorgegangenen 26. Division der Spanischen Volksarmee, schrieb über den Beginn der faschistischen Offensive: »Stundenlang belegten zweihundert Artilleriegeschütze unsere Positionen mit Schrapnells. Gleichzeit bombardierten leichte Bomber, die Geschwader um Geschwader anflogen, ununterbrochen unsere Stellungen. Um die Bewegungen unserer Streitkräfte zu verhindern, zerschossen Jagdflugzeuge mit Maschinengewehren alle unsere Verbindungswege. Um die Intensität des feindlichen Feuers darzustellen, genügt es zu sagen, dass der Feind an einer Front von zwei Kilometern in circa zwei Stunden mehr als zehntausend Granaten auf uns feuerte.« Aber nicht nur die materielle, auch die personelle Übermacht war gewaltig: Die Republikaner hatten 45.000 Bewaffnete in der 1. Kampflinie zu stehen und etwa 105.000 im Hinterland. Die von der UdSSR gelieferten, dringend benötigten Waffen mussten in Frankreich bleiben, weil die dortige Regierung die Grenze geschlossen hatte und so die Auslieferung verhinderte. Die republikanischen Streitkräfte, aufgeteilt in die Ost-Armee unter dem Kommando von Juan Perea und die Ebro-Armee unter Juan Modesto, wurden koordiniert von General Juan Hernández Saravia. Ihnen standen, zählt man den italienischen »Corpo Truppe Volontarie« unter dem Befehl des Generals Gastone Gambara dazu, sieben Armeekorps mit 300.000 Bewaffneten gegenüber, die über eine weit überlegene Luftwaffe und ausreichend schwere und weit reichende Artillerie verfügte. In rascher Folge fiel Stadt um Stadt in die Hände der Putschisten, deren Truppen dann auch bald vor Barcelona standen.

Die Fehler der Regierung

Am 21. Januar 1939 hatte die Regierung Kataloniens, die Generalitat, in Barcelona ihre letzte Beratung abgehalten und ihren Sitz nach Olot im Pyrenäenvorland verlegt. Der Präsident der Generalitat, Lluís Companys, der später im französischen Exil den Nazis in die Hände fiel, von diesen an Franco ausgeliefert und am 18. Oktober 1940 erschossen wurde, blieb noch zwei Tage in der Stadt, um den Widerstand zu organisieren, während Josep Tarradellas, Conseller Primer (Ministerpräsident) der Generalitat, in Olot versuchte, eine handlungsfähige provisorische Regierung zu installieren. Als notwendig, aber für die Stimmung der Bevölkerung fatal, erwies sich die Entscheidung der Regierung der Spanischen Republik, Barcelona am 24. Januar zu verlassen und Girona zum neuen Regierungssitz zu wählen. Da das Verwaltungspersonal abzog und nur noch versuchte, möglichst viele Akten zu vernichten, war niemand mehr da, der eine Verteidigung der Stadt hätte organisieren können. Überdies waren weder Soldaten noch Waffen in ausreichender Zahl vorhanden, um sich den Faschisten erfolgreich entgegenzustellen. So resignierte am 24. Januar denn auch Manuel Tagüeña, der Chef der letzten Truppen, die die Stadt hätten verteidigen sollen: »Es gibt nichts mehr zu tun!«

Die Regierung beging mehrere Fehler. So hatte sie z. B. den Kriegszustand, der die zivile Verwaltung dem Militär unterstellen sollte, erst am 18. Januar ausgerufen, für entscheidende Schritte war das zu spät und begünstigte das ohnehin schon herrschende Chaos. Ebenfalls zu spät war eine große Anzahl von Rekruten einberufen worden, die über keinerlei militärische Erfahrungen verfügten und sich in ihrer Mehrheit noch in den Ausbildungslagern befanden. Sie waren deshalb nicht in der Lage, eine wirksame Abwehr der kampferprobten faschistischen Einheiten zu garantieren. Das alles heißt aber nicht, dass die von Modesto, Galán, Lister, del Barrio, Jover und anderen hervorragenden Kommandeuren befehligten Einheiten der Spanischen Volksarmee nicht mit Mut und höchstem Einsatz gekämpft hätten, aber die Verluste waren einfach zu groß und die Überlegenheit des Gegners erdrückend.

Die noch in Spanien gebliebenen fronterfahrenen Interbrigadisten befanden sich, wie schon erwähnt, in den Demobilisierungslagern. Ihr provisorisches Verwaltungszentrum in La Horta am Rande von Barcelona wurde nicht mehr von einem erfahrenen Internationalen geleitet, sondern unterstand dem Subsekretariat des Landheeres im Verteidigungsministerium. Wie sehr die Kommunikation zu den Internationalen gestört war, zeigt ein Bericht von Fritz Eikemeier, einem der Verantwortlichen der Militärzensur der Interbrigaden in Barcelona: »Es waren die letzten Tage vor dem Fall der Stadt. Unvermittelt fragte mich der Chef unserer Dienststelle, ein spanischer Oberst: ›Willst du nicht abmarschieren? Weißt Du nicht, dass die Faschisten schon dort hinter den Bergen stehen?‹ Die konkrete militärische Lage war uns nicht bekannt. Ich sah zum Fenster hinaus und fragte ungläubig: ›Hier hinter dem Tibidabo und Vall Vidra?‹ Das mochte drei Kilometer vor der Stadt sein, kleine Häuser zogen sich den Berg hinauf. Der Oberst nickte. ›Heute haben sie Molins de Rei genommen, vielleicht ersteigen sie schon die Höhen.‹ Uns hatte niemand etwas gesagt. Bedingt durch die Demobilisierung der Interbrigaden, war unsere Gruppe mehr oder minder auf sich allein gestellt. Man hatte uns anscheinend vergessen.«

Eikemeier und einem Großteil der in Barcelona verbliebenen Interbrigadisten gelang es, mit dem letzten noch fahrenden Zug Barcelona zu verlassen. Dieser Zug hatte Schrott geladen, was mit Sicherheit nicht im Interesse der kämpfenden Republik sein konnte, aber auf das Wirken einer verräterischen 5. Kolonne der Franquisten hindeutete, die dann den Einzug der Faschisten in Barcelona so enthusiastisch feiern sollte.

Luftkrieg

Das größte Problem war aber wohl die Kriegsmüdigkeit der Bevölkerung. Barcelona und die Umgebung der Stadt waren ununterbrochen bombardiert worden, allein zwischen dem 21. und dem 25. Januar flogen die Faschisten 40 Luftangriffe. Mit erschreckenden Auswirkungen sollte sich die Warnung des republikanischen Luftwaffenoffiziers Alberto Bayo Giroud bewahrheiten: »Wer Mallorca verliert, verliert den Krieg.« Bayo war davon ausgegangen, dass Mallorca wie ein riesiger stationärer Flugzeugträger wirken würde, von dem aus man die wichtigsten Städte im republikanischen Spanien, vor allem aber Barcelona erreichen konnte. Seine Warnung verhallte beim Verteidigungsministerium ungehört und nur dem damals noch existierenden Zentralkomitee der antifaschistischen Milizen war es zu verdanken, dass er im August 1936 Milizionäre und Schiffe für einen Landungsversuch erhielt, der aber nach zwanzig Tagen aufgrund von Fehleinschätzungen und Koordinierungsproblemen mit einer anarchistischen Einheit scheiterte. Schon ab August 1936 nutzten die faschistische »Aviazione Legionaria« und die deutsche »Legion Condor« die mallorquinischen Flughäfen Palma, Inca, Ses Salines, Pollença und Alcúdia für ihre schonungslosen Angriffe auf das republikanische Festland. Der Spanische Krieg war, auch daran muss erinnert werden, der erste europäische Krieg, in dem die Luftwaffe zur Terrorisierung der Bevölkerung eingesetzt wurde. Die Auswirkungen waren katastrophal: So schenkten 1938 Kinder aus dem Barceloner Stadtteil Barceloneta den verwundeten Interbrigadisten ein Album mit selbstgefertigten Zeichnungen. Auf nahezu jedem Bild waren Flugzeuge zu sehen, die ihre Bomben auf spielende Kinder und friedliche Stadtbewohner warfen.

Die Militärzensur der Internationalen Brigaden, denen zunehmend Spanier und Katalanen angehörten, wertete auch die Briefe aus dem Hinterland aus, also die Korrespondenz, die von Eltern, Geschwistern und Freunden an die Front geschickt worden war. Neben den Aufforderungen, möglichst rasch nach Hause zu kommen, nahmen die Klagen über die Versorgung mit Lebensmitteln, Stoffen, Schuhen und Waren des täglichen Bedarfs rapide zu. Trotz des Bemühens verschiedener Komitees um Beseitigung der Mängel, drückte eine teilweise unfähige und desinteressierte Verwaltung die Stimmung. Verglichen mit dem revolutionären Barcelona vom Juli 1936 war die Stadt Ende 1938/Anfang 1939 nicht mehr wiederzuerkennen. Natürlich lässt sich die Schuld für alle Engpässe und Mängel nicht allein der republikanischen Verwaltung zuschreiben, denn die versteckt wirkenden Faschisten und ihre Sympathisanten nutzten die Gunst der Stunde und blockierten nach Möglichkeit die Produktion und die Distribution. Bis auf die wenigen Genossen des PCE und der katalanischen Kommunisten vom Partit Socialista Unificat de Catalunya (PSUC), die noch versuchten, Barrikaden zu errichten, befand sich die Bevölkerung Barcelonas zum Zeitpunkt, als die Faschisten die Stadtgrenze erreicht hatten, im Zustand der Lethargie.

Streit unter Linken

Allerdings hatten auch die Spannungen zwischen dem PSUC und dem PCE zugenommen. Obwohl die Republik Katalonien eine weitgehende Autonomie zugestanden hatte und die Kommunistische Internationale (KI) Spanien eine Sonderrolle zubilligte. Laut Statut der KI durfte es in einem Land nur eine kommunistische Partei geben; trotzdem waren sowohl der PCE als auch der PSUC Mitglied jener weltumspannenden Organisation. Damit akzeptierte auch die KI die Autonomie Kataloniens. Allerdings musste Joan Comorera, der Generalsekretär des PSUC, auch Mitglied des Zentralkomitees des PCE sein. Das dämpfte das Selbstbewusstsein der katalanischen Genossen, die sich als Repräsentanten einer hochqualifizierten Arbeiterschaft und als Partei einer der industriell am höchsten entwickelten Region Spaniens sahen. Ihre Kritik an Entscheidungen der Zentralregierung und am PCE wurde dann als Ausfluss des »Catalanismo« kritisiert, als bestenfalls kleinbürgerlicher Nationalismus. Die Spannungen zwischen beiden Parteien, im Krieg noch weitestgehend unterdrückt, spitzten sich nach Kriegsende im Exil zu.

Obwohl die Einnahme Barcelonas ohne großes Blutvergießen erfolgt war, nahmen die Faschisten Rache an denen, die sie mit der Republik und der Arbeiterbewegung in Verbindung brachten. Etwa 700 Personen wurden in den ersten Monaten auf dem Campo de la Bota am nördlichen Strand von Barcelona vor einer Mauer, die als Wellenbrecher diente, erschossen und ihre Leichen im Fossar de la Pedrera auf dem Montjuïc verscharrt. Das erste Opfer war der Schriftsteller, Übersetzer und Anwalt Eduardo Barriobero Herrán. Sein »Verbrechen« hatte darin bestanden, dass er 1936 Präsident des Revolutionstribunals in Barcelona und Vertrauter des anarchosyndikalistischen Justizministers Juan García Oliver gewesen war. Campo de la Bota ist heute ein Park, in dem ein imposantes Denkmal an die Verbrechen der Faschisten erinnert.

Der Autor bedankt sich für Hinweise bei Harald Wittstock.

Werner Abel ist Herausgeber der Edition »›Mit Salud und Händedruck!‹: Militärzensur der Internationalen Brigaden in Spanien – Dokumente und Briefe«, die 2018 im Verlag Edition AV erschienen ist. Auf diesen Seiten schrieb er zuletzt am 27. Oktober 2018 über den Abzug der Internationalen Brigaden aus Spanien.

https://www.jungewelt.de/artikel/347963.spanischer-krieg-es-gibt-nichts-mehr-zu-tun.html