14.01.2019 / Feuilleton / Seite 11

Handelt es sich um ein Glück?

Der Chor und die Vereinzelten: »Tarzan rettet Berlin«, ein Kollektiv zum 75. von Einar Schleef

Ricarda Bethke

Die großen Inszenierungen von Einar Schleef (1944–2001) haben deutsche Geschichte ins Bewusstsein gehoben: »Wessis in Weimar«, »Das verratene Volk«, »Faust vor dem Schillertheater«, »Ein Sportstück« … Sie sollen nie vergessen werden, leben in Schülern des Regisseurs weiter. Die große Halde für Entdeckungen der Nachgeborenen aber sind seine Tagebücher. Aus den fünf Suhrkamp-Bänden stammt nun das Material zum Stück »Tarzan rettet Berlin«, das am vergangenen Donnerstag im Hebbel am Ufer (HAU) Premiere hatte – am 17. Januar wäre der Künstler (er war auch Bühnenbildner, Fotograf, Maler und eben Schriftsteller) 75 geworden.

Im Mansfelder Land geboren, kehrte Schleef 1976 von einer Inszenierung an der Wiener Burg nicht in die DDR zurück. Im Jahr darauf schrieb er ins Tagebuch: »Dort die Mauer um alle. Hier die Mauer in jedem.« Als erstere dann eingestürzt war, verstörte ihn »vor allem die Behauptung, dass eine Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten nur im braunen Schlamm möglich« sei. Kaum verkennbare Ergänzung: »Ich habe etwas geschrieben, was keiner verstehen will.«

In diesen Texten eigene Identität und auffällige Gegenwärtigkeit zu suchen, definierte die Truppe vom HAU um Janina Audick, Martina Bosse, Brigitte Cuvelier und Christine Groß als ihre Aufgabe, dabei einräumend, dass die Identifikation auch nicht erreicht werden könnte. Wichtig ist, dass sie Schleefs Chorarbeit weiterführen. Während seine Chöre noch in fast antikem Sinne eine Einheit bildeten – von nackten Männer in Soldatenmänteln über Gretchengruppen, Trauerchöre der Revolution bis zu manipuliert ekstatischen Sportlern – besteht der Chor im HAU aus Vereinzelten. Sie treten zunächst auf rotem Teppich in Rot als Gleiche auf und arbeiten geschlossen an der Sprachkraft, aber das zerfällt bald. Gestus, Körper, Herkunft, Kleidung – alles unterschiedlich.

Artistisch beweisen sie sich sowohl als Gruppe als auch als Individuen. Im strengen Chorrhythmus werden die inneren Monologe des Autors vorgetragen. Verstärkt wird so zum Beispiel die Verzweiflung über Ausdruckshemmungen in Texten über das Stottern. Tagebucheinträge von 1959 werden auf Einzelstimmen verteilt: Glück und Unglück der Kindheitstage, gute Zensuren, Vaters verklemmte Wut, schöne Zeichnungen, Mutters Hilfe und ihr Versagen – solche Bilanzen ermöglichen die Identifikation der jungen Sprecher, wobei die Historie mit ihrer »Arbeiterklasse« regelmäßig dazwischen fährt.

Es gibt bildhafte Anspielungen auf Schleefs DDR-Wirklichkeit, zum Beispiel das Parteiemblem der SED, der Händedruck zwischen den Vorsitzenden von KPD und SPD von 1946. An den Händen lange, dunkelrot lackierte Fingernägeln, die an Krallen erinnern. Hinweis auf einen Zwang zur Einheit, der nach wie vor besteht? Verblasste Fahnen mit dem Symbol werden geschwenkt. So stoßen wir auf die Grundfrage: Ist das politisch handlungsfähige Kollektiv notwendig einem Zwang zur Unterordnung ausgesetzt, oder gibt es eine Chance, dass in der Gemeinsamkeit des Handelns die Freiheit des einzelnen und sein kritischer Verstand gewahrt bleiben können?

Theaterwissenschaftler Kai von Eikles meinte dazu in »Die Kunst des Kollektiven« (2013): »Es gibt Formen der kollektiven Praxis, die den Abstand zwischen den Handelnden nicht nur achten, sondern deren Dynamik sich gerade der Trennung zwischen ihnen verdankt. Diese Veränderungen, in der Art das Kollektiv zu denken, betrifft von allen Künste am stärksten die performative. (…) Dabei handelt es sich um ein Glück.« Dieses Glück sucht offensichtlich das Stück im HAU. Das Publikum bejubelte das, und die Akteure strahlten.

Nächste und vorerst letzte Aufführugen: Mo. u. Di., jeweils 19 Uhr, HAU 1

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