12.10.2018 / Feuilleton / Seite 10

Leben eines Klassikers

Ronald Weber legt eine Biographie von Peter Hacks vor

Kai Köhler

»Er ist Schriftsteller«, schrieb Hacks einmal über sich in knappen »Auskünften zur Person«; »sein Leben enthält keine äußeren Ereignisse.« Das ist eine Absage an den H. M., den »Homo Mediarum«, der, wie Hacks 1990 schrieb, sich lieber den Medien als Künstlerpersönlichkeit andient, statt ein nennenswertes Werk hervorzubringen. Außerdem ist es eine Entmutigung potentieller Biographen.

Ronald Weber, Redakteur dieser Zeitung und nicht erst seit seiner grundlegenden Monographie zu Hacks und Heiner Müller einer der wichtigsten Hacks-Forscher, hat sich zum Glück nicht abschrecken lassen. Natürlich hat auch ein Leben, wer es zum großen Teil lesend und schreibend verbringt; und das Leben von Hacks war alles andere als asketisch. Liebschaften gab es zahlreich, große Lieben mehrfach. Weber verfährt angemessen diskret, vermeidet den Blick durchs Schlüsselloch und macht doch deutlich, dass Hacks Lebensfreude keineswegs fehlte.

Romanverweigerung

Insgesamt und übers Erotische hinaus stellt er die Freundschaften von Hacks dar. Dieses Netzwerk von Beziehungen ist in der Blütezeit der DDR noch eine des gemeinsamen Feierns, gemeinsamer Suche nach Antiquitäten, vor allem eines gemeinsamen kulturellen Aufbruchs, der inhaltliche Differenzen überbrückt. Für die bitteren kulturpolitischen Auseinandersetzungen der letzten fünfzehn Jahre DDR, vollends nach der »Konterrevolution«, weist Weber dann eine soziale Verarmung nach. Zwar gelingt es Hacks, immer wieder neue Bündnispartner zu gewinnen, zu stets neuen gemeinsamen Zwecken. Doch schieben sich strategische Überlegungen in den Vordergrund, die menschlichen Beziehungen werden kühler. Am Ende bleibt der Kölner Kommunist André Müller als einziger Freund, mit dem Hacks politisch wie ästhetisch nicht nur auf Augenhöhe streitet, sondern dem er vertraut.

Gab es vorher nichts Aufregenderes? Hacks ist Jahrgang 1928, gehört also zur Flakhelfergeneration und wäre mit etwas Pech noch in den letzten Kriegsmonaten zur Wehrmacht gekommen. Wie er sich davor drückte, nach der Flucht, von der SS aufgegriffen, dem Reichsarbeitsdienst eingegliedert wurde, mit einer Krankheit sich geradewegs in die US-Kriegsgefangenschaft rettete, aus der man ihn nach wenigen Wochen entließ – daraus hätten ein Günter Grass und Martin Walser mit ihren zweifelhafteren Lebensläufen mindestens ein Halbdutzend Romane gebastelt. Hacks jedoch schwieg konsequent über die äußerlich gefährlichste Zeit seines Lebens, und auch der Biograph Weber kann nur wenige Daten beibringen. Warum?

Die Kunst von Hacks galt den Perspektiven des Sozialismus. Ihm war stets klar, dass der Westen stets über den Faschismus als Option verfügt: Fast jederzeit könne der Imperialismus eine »vergleichbar unvermittelte Diktatur« wieder einrichten, schrieb er 1979 gegen Schriftstellerkollegen, die von einer friedlichen Koexistenz träumten. Was aber gesellschaftlich wichtig ist, muss nicht literaturtauglich sein. Unter dem Titel »Der Imperialismus, ein Vampir« dichtete Hacks nach 1989: »Das Vieh ist tot und bleibts und hört, allein / Weil es noch Blut säuft, nicht auf, tot zu sein.« Das bedeutete: Intellektuell sind wir eigentlich schon weiter. Man zeigt dem Vampir ein Kreuz oder rammt ihm einen Pfahl durchs Herz – aber das ist eine Frage der politischen Praxis. Man hatte schon einmal einen Sozialismus, mitsamt seinen Widersprüchen und seiner ästhetischen Höhe. Und dahinter gibt es kein Zurück.

Gegen den Dramatiker

Für diese Konsequenz war Hacks bereit, einen hohen Preis zu zahlen. Dass er 1976 die Ausbürgerung Wolf Biermanns rechtfertigte, dass er nach 1989 die DDR entschiedener denn je verteidigte, hat dazu beigetragen, ihn zu isolieren. Hacks war vor allem Dramatiker. Ein Dramatiker braucht das Theater, um zu wirken, und ist deshalb auf gesellschaftlichen Rückhalt noch mehr angewiesen als ein Romanautor, der günstigenfalls seine Werke relativ unvermittelt an eine treue Leserschaft bringen kann.

Wer Prosa schreibt, braucht einen Verlag, der den Text – in Abstimmung mit dem Autor lektoriert – drucken lässt. Für den Dramatiker schiebt sich die Inszenierung als eigenständige kreative Leistung zwischen Text und Wirkung. Bei vielen neueren Regieeinfällen müsste es genauer heißen: gegen den Dramatiker. Hacks hatte sehr genaue Vorstellungen davon, in welcher Weise seine Texte zu inszenieren seien. Mit der aktuellen Theaterästhetik haben diese Vorstellungen nichts zu tun. Weber zeichnet sehr genau nach, wie Hacks bereits in den 80er Jahren Vorformen dieser Spielweisen als »reine Westscheiße« ansah und sich nicht scheute, auch mit bislang treuen Regisseuren zu brechen, wenn er sich schlecht inszeniert sah. Der streitbare Autor galt bei Theatern bald als schwierig, und lieber machten die gar keinen Vertrag mit ihm, als dass sie eine juristische Auseinandersetzung riskierten.

Es ist ein großes Verdienst und ein Forschungsbeitrag Webers, Hacksens Theaterkämpfe im Detail aufgearbeitet zu haben. Zudem zeigt er, dass die Bourgeoisie sogar noch in den 90er Jahren Hacks Angebote machte, wieder in die Medien zu kommen. Der verlorene Sohn ist eben reizvoller als der brave; doch Hacks verweigerte jeden Kompromiss.

Nachklassische Zeit

Einen Großteil des Buches nimmt die Vorstellung der Werke ein. Die meist knappen Skizzen geben nicht nur zuverlässig den Forschungsstand wieder. Sie zeigen bis in die frühen 80er Jahre auch, wie jedes Drama – so entlegen der mythische oder historische Stoff scheinen mag – doch sehr aktuelle Konflikte behandelt. Ein Problem betrifft die Zeit danach.

Grundlage der »sozialistischen Klassik« war ein Sozialismus mit Zukunftsaussichten. Sobald diese fraglich wurden, fand sich Hacks in der Lage eines Klassikers in nachklassischen Zeiten. Schaut man auf das Spätwerk, so sieht man schnell, dass der Vampir Imperialismus allein schon deshalb, weil er seinen erheblichen Blutdurst nicht verloren hat, entgegen Hacks’ Versen doch zum Thema wird. Damit stellt sich die Frage der Wertung. Sind die klassischen Dramen mit ihrem sprachlichen Reichtum, ihrem utopischen Vorausgriff auf eine bessere Zukunft das Wichtige, und sind die nachklassischen Stücke die Zugabe? Oder gehen uns die kargeren, letzten Stücke mehr an, in denen der Witz sarkastisch wird und Hacks die Politik illusionslos als Kampf um die Macht auf die Bühne bringt?

Weber hält sich da ganz an eine Äußerung von Hacks im Gespräch mit seinem Verleger Matthias Oehme, die er so überliefert: »Ich hätte meine späten Stücke auch ungeschrieben lassen können.« Doch in diesem Punkt irren der Schriftsteller und sein Biograph. Gerade die letzten Dramen machen Politik durchschau- und anwendbar. In »Der falsche Zar« zieht Hacks die Bilanz seines politischen Denkens. »Der Bischof von China« von 1999 ist keineswegs ein – so Weber – »lustiger Einakter über das Zusammentreffen von West und Ost«, sondern ein Machtkampf in Gestalt eines Konversationsstücks; jeder Satz im Geplauder ist ein taktisches Manöver, jeder Witz eine Drohung. Das Gespräch einiger Herren, so freundlich es über lange Strecken scheint, ist nichts als Krieg. Wohl kaum ein Stück ist dem gegenwärtigen Stand des Imperialismus angemessener als Hacks’ spätes in die Werkausgabe aufgenommenes Dramolett.

Dieser Einwand beeinträchtigt nicht den Wert der Biographie. Weber legt vor, was der Hacks-Forschung und allen interessierten Lesern lange fehlte, nämlich eine zuverlässige und eingehende Lebensdarstellung. Er übersetzt die aktuelle Forschungsdiskussion in prägnante und gut verständliche Werkinterpretationen. All dies ist überzeugend mit einer Kultur- und Theatergeschichte der DDR verbunden. Auf absehbare Zeit liegt damit ein Standardwerk vor.

Ronald Weber: Peter Hacks. Leben und Werk, Eulenspiegel-Verlag, Berlin 2018, 608 Seiten, 39 Euro

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