12.09.2018 / Feuilleton / Seite 11

Fehlersuche. Das war die »Ars Electronica« in Linz

Tom Mustroph

Als es losging mit der Digitalisierung, war die Annahme, mehr Technologie mache das Leben besser, noch ziemlich konsensfähig. Inzwischen glauben nicht einmal mehr die Veranstalter des Medienkunst- und Technologiefestivals »Ars Electronica« im österreichischen Linz so richtig an dieses Versprechen. Einige Kritiker der (Konzern-)Macht der Algorithmen waren bis Sonntag in dem beschaulichen Städtchen zu Gast, etwa Meredith Broussard, die in ihrem jüngsten Buch »Artificial Unintelligence« prägnant auf die Dummheit der Maschinen aufmerksam macht.

»Error« war das Festivalmotto, Fehler im weitesten Sinne wurden zur Haupttriebkraft des technischen und gesellschaftlichen Fortschritts erhoben. In Zeiten der allseitigen Normierung schien das kein schlechter Ansatz, aber viele Aussteller und Künstler wirkten davon völlig unbeleckt. Tief verstrickt in eigene, oft reizvolle Projekte, hatten sie einfach keinen Sinn für kreative Umwege. Einen der begehrten Starts-Preise gewannen etwa die Konstrukteure einer mittels eines neuartigen 3D-Druckverfahrens hergestellten Brücke in Amsterdam. Fehler haben sie hoffentlich keine gemacht.

In der Medienkunstausstellung Cyberarts kamen viele Exponate mit einem ambitionierten Reparaturanspruch daher. Die interaktive Installation »Poppy« zeichnete globale Vertriebswege und Geldströme des Drogengeschäfts nach. Die berüchtigte Rechercheplattform Bellingcat wartete mit der Auswertung dunkler Quellen aus »sozialen Medien« zum Krieg in Syrien und dem Abschuss der Maschine von Flug MH17 auf.

Robotik und menschliche Zuwendung will der Trauerroboter des »Digital Shaman Project« zusammenbringen (Foto). Das Antlitz eines frisch Verstorbenen wird auf den Kopf eines Androiden gepackt, und dieser agiert dann 49 Tage lang – die klassische japanische Trauerzeit – als ein vom teuren Toten wie besessener Avatar. Trennungsschmerz soll auf diese Weise gelindert werden.

Kein Mangel herrschte an ironischen Hinweisen auf die Grenzen künstlicher Intelligenz. Das niederländische Künstlerpaar Karen Lancel und Hermen Maat etwa vermaß in »Kissing Data« ganz aufwendig Hirnströme zweier Probanden, die sich küssten. Die Kurven schlugen im Moment des Kontakts auch aus. Für ein »Emotionstracking« über Hirnströme waren die Muster aber glücklicherweise noch zu ungenau bzw. fehlerhaft.

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