12.09.2018 / Feuilleton / Seite 10

Eine Frage der Bequemlichkeit

Stilles Statement: Der Film »Styx« ist ein Lehrstück zur »Flüchtlingskrise«

Felix Bartels

Eröffnung im nächtlichen Gi­braltar. Affen klettern über einen Zaun, laufen durch die Straßen. Was vorderhand nichts mit der folgenden Filmerzählung zu schaffen hat, scheint tatsächlich als Symbolbild gemeint. Hier, an den Säulen des Herakles, liegt die Frontstadt der Festung Europa, wenige Seekilometer vom nördlichen Afrika entfernt, wo Flüchtlinge hohe Zäune überwinden und in See stechen.

Die Welt der Heldin ist eine andere. Für Rike (Susanne Wolff) ist die See kein Monster, das Menschen verschlingt, sondern eine sportliche Herausforderung. Man sieht sie wortlos, weil allein, ihr Boot präparieren und lossegeln. Auf See führt sie mit irgendwem ein Funkgespräch über ihr Reiseziel Ascension Island. Kein Segelfilm ohne Sturm, also folgt einer, und als er sich gelegt hat, entdeckt Rike ein großes Schiff, das zu sinken droht. An Bord befinden sich Flüchtlinge. Sie funkt um Hilfe, doch der Küstenschutz reagiert zurückhaltend. Es gelingt ihr, den Jungen Kingsley (Gedion Oduor Wekesa) an Bord zu schaffen. Da ihr kleines Boot die Aufnahme aller Insassen nicht verkraften könnte, muss Rike sich wieder auf Distanz bringen. Sie steht vor der Wahl, entweder zu helfen und damit selbst in Not zu geraten oder aber in Sicherheit zu bleiben und dem Sterben zuzusehen.

Die Handlung von Wolfgang Fischers Film »Styx« spielt fast ausschließlich auf jenem Einhandsegelboot und kommt daher mit wenig Worten aus. Es dauert ganze 20 Minuten, ehe überhaupt jemand spricht. Gleichwohl bleiben Kamera und Schnitt ohne größere Effekte und mit möglichst langen Einstellungen, während der Ton zum führenden Ausdrucksmittel wird. Das Wasser rauscht, das Boot knarrt, die elektronischen Geräte piepen – alles sonstige übertönen, perfekt gemischt, die unerbittlichen Geräusche der Szene. Bestärkt zudem vom rauhen Wetter (man drehte, um allzu mediterrane Eindrücke zu vermeiden, im Herbst). Die Wortarmut des Films könnte vor diesem Hintergrund als stilles Statement gegen das endlose Zerquatschen der sogenannten Flüchtlingskrise und für ein unmittelbares Handeln verstanden werden: Wenn jemand in Not ist, dann frage ich nicht danach, was es mich kostet. Ich helfe. Wie im »Gleichnis des Buddha vom brennenden Haus«, nur dass es jetzt nicht bloß um die eigene Rettung geht. Brecht indessen ist ein gutes Stichwort.

»Styx« folgt eher der Tradition der Brechtschen Lehrstücke, während andere Filme, denen die Einsamkeit auf dem weiten Meer ihre besondere Dramaturgie vorschreibt, zur großen Metapher wie von selbst taugen. In »All Is Lost« etwa bleibt alles abstrakt, und das Gesellschaftliche wirkt direkt auf den Einzelnen, unerbittlich und kaum berechenbar, ganz wie das Subjekt der bürgerlichen Gesellschaft die erlebt. In »Life of Pi: Schiffbruch mit Tiger« wird, Hitchcocks »Das Rettungsboot« folgend, das Gesellschaftliche in das Boot verlegt, indem der Mensch, der in der »atomisierten Gesellschaft« wieder zum Tier werden musste, diesen Konflikt erkennt und als inneren ausfechtet. »Vor uns das Meer« nutzt dagegen den Gegensatz von Ozean und Festland, um den gesellschaftlichen Charakter der Lüge, das Verhältnis von Wahrheit und Selbsterzählung, zu vergegenständlichen. Eine vergleichbare Struktur wird in »Styx« nicht erreicht; hier geht es wirklich um das, worum es geht.

Rike muss, um überhaupt retten zu können, anderen die Rettung verweigern. Dieses Dilemma lässt sich nicht auf die Flüchtlingsfrage insgesamt anwenden, es bleibt, wie die Lehrstücke, zu konkret, also zu abstrakt. Die Logik der Obergrenze hätte in der Situation des Films, wo das Boot schlicht unterzugehen droht, einen dankbaren Gegenstand. Aber diese Obergrenze ist heute selten mehr als der Versuch politischer Protagonisten, ihre Angst vor fremden Horden durch den Verweis aufs Realitätsprinzip zu kaschieren. Dass der No-Border-No-Nation-Unsinn der Anderen es den Asylkritikern leichtmacht, in die Rolle der Realisten zu schlüpfen, ändert nichts daran, dass die vielbemühte Obergrenze keine absolute ist, sondern eine der Bequemlichkeit. Anders als dem Boot droht uns durch den »Flüchtlingsstrom« keine existentielle Gefahr.

Die Weite des Ozeans und die Enge des Boots verbindet, dass beide den Menschen zur Bedrohung werden. Doch die Struktur ist feiner. Mit Kingsley kommt für das Individuum Rike der Andere an Bord, durch den die Situation allererst gesellschaftlich werden kann. Von außen her droht das Meer als Unerbittlichkeit der bürgerlichen Gesellschaft. In der Küstenwache schließlich tritt die Gesellschaft ein weiteres Mal auf, aber nicht als abstrakte Naturgewalt, sondern als Logik der Institutionen. Diese Logik ist bloß scheinbar rational, sie schreibt koloniale Muster fort. Zu Beginn steht eine Sequenz, die Rike in Köln als Notärztin zeigt und erst Sinn ergibt, wenn man sie gegen das Ende des Films hält. Hier eine Schar von Helfern um ein Opfer, dort (auf See) eine Schar von Opfern und eine Helferin. Der Wert eines Lebens ist immens, sofern es denn ein europäisches ist. Man sagt es nicht, handelt aber danach, indem Hilfe erst naht, als Rike für ihr eigenes Boot das SOS durchgibt.

»Styx«, Regie: Wolfgang Fischer, BRD/Österreich 2018, 94 min, Kinostart: Donnerstag

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