12.09.2018 / Schwerpunkt / Seite 3

Die Akte Rose

Vor Oury Jalloh starben bereits zwei weitere Männer im Polizeirevier Dessau. Über das erste Opfer war bislang wenig bekannt. Eine Spurensuche

Susan Bonath

Hans Jürgen Rose stirbt 1997 an schwersten inneren Verletzungen, Mario Bichtemann fünf Jahre später an einem Schädelbruch, und 2005 verbrennt der gefesselte Oury Jalloh bis zur Unkenntlichkeit in seiner Zelle: Die Serie nie aufgeklärter Todesfälle im Polizeirevier Dessau ist einer der größten Justizskandale und Zeugnis mörderischen Korpsgeistes. Im Fall Jalloh verwarf Oberstaatsanwalt Folker Bittmann erst kurz vor seiner Pensionierung und nach einem Brandversuch die Selbstmordthese. Mehr noch: Die Verbrennung Jallohs sei wohl nur die Spitze des Eisbergs, vermerkte er im April 2017. Polizisten hätten damit mutmaßlich nicht nur Spuren im Fall Jalloh verwischt, sondern ein Wiederaufrollen der früheren Todesfälle verhindern wollen. Eine exklusive Recherche von jW zum Fall Hans Jürgen Rose dokumentiert deren Umstände.

Der 7. Dezember 1997 ist ein nasskalter Sonntag. Die vier Zentimeter hohe Schneedecke über Dessau beginnt zu tauen. Es nieselt, die Temperatur liegt knapp über Null. Morgens, kurz nach fünf Uhr, verlässt Golam S. seine Wohnung in der Wolfgangstraße 15, keine 200 Meter vom Polizeirevier entfernt. Er will seinen Hund ausführen. An der Haustür stoppt er, läuft zurück in seine Wohnung, alarmiert die Polizei. Im Schneematsch neben dem Eingang liegt ein Schwerverletzter. Trotz der Kälte trägt er nur ein T-Shirt am Oberkörper. Über seiner Stirn klafft eine faustgroße Wunde, er röchelt Blutblasen. Die Beamten Michael N. und Klaus Dieter H. treffen ein, decken den Mann zu, fordern den Notarzt und ihre Kollegen Manfred H. und Thomas B. an.

Das Opfer ist Hans Jürgen Rose, 36 Jahre alt, fast zwei Meter groß, 100 Kilogramm schwer. Der Mann trägt schulterlanges Haar und einen Oberlippenbart. Geld und Personalausweis hat der seit kurzer Zeit erwerbslose Maschinenbauingenieur bei sich. Ein Raubüberfall wird ausgeschlossen. In der Vernehmung gibt der Beamte N. später an: »Wir haben vor Ort am Haus nach oben geschaut, ob irgendwelche Fenster offenstanden und haben weiterhin nach Spuren von einem Verkehrsunfall gesucht, von anderen Tätlichkeiten oder Kampfspuren, haben aber keine gefunden.« Bekannte, Freunde und Angehörige des Opfers beschreiben Rose bei der Befragung als ruhigen, friedlichen und umgänglichen Menschen. Selbstmordabsichten habe er keine gehegt, sich vielmehr auf ein Vorstellungsgespräch in Hamburg gefreut.

Totgeprügelt

Im Dessauer Klinikum versuchen die Ärzte, Rose mit einer Notoperation zu retten. Vergeblich: Er stirbt tags darauf um 9.25 Uhr an einer Lungenfettembolie, verursacht durch schwere innere Blutungen. Die Rechtsmediziner der Universität Halle listen die Verletzungen einzeln auf: Lunge, Magen, Darm und Milz sind gerissen. Rechts sind sechs Rippen gebrochen, links drei weitere. Eine davon durchspießt das Zwerchfell, die andere steckt in der Niere. Sie stellen Brüche des Brustbeins und Schlüsselbeins fest, zahlreiche Wirbelkörper vom Hals bis zum Steiß sind zersplittert. Sie attestieren eine Querschnittslähmung, Organblutungen sowie Quetschungen, Platzwunden und Blutergüsse im Genitalbereich, an Kopf, Mund und Hals. Der gesamte Rücken des Opfers bis hinunter zu den Oberschenkeln ist mit blauen Striemen übersät.

Entstanden seien die Verletzungen durch »zahlreiche stumpfe Gewalteinwirkungen, insbesondere auf den Rücken und die unteren Gliedmaßen«, konstatieren die Mediziner. Die streifenförmigen Hautunterblutungen sprächen für massive Schläge »durch einen Gegenstand, welcher von der Geometrie her betrachtet einem Polizeischlagstock ähnlich ist«. Diese Annahme begründet sich auch in den Umständen. Unmittelbar vor seinem Fund war Hans Jürgen Rose im Dessauer Polizeirevier. Die Dokumentation dazu ist dürftig.

Was man weiß: Rose trennt sich im Frühherbst 1997 von seiner Ehefrau. Zunächst kommt er bei seiner Mutter unter, dann bei Freunden. Am Abend des 6. Dezember begibt er sich mit ihnen auf eine Feier in einen Dessauer Gasthof. Anders als gewöhnlich trinkt der 36jährige reichlich Alkohol. Nach Mitternacht steigt er in sein Auto. Beim Anfahren beschädigt er die Stoßstange eines anderen Fahrzeugs. Dessen Inhaber nimmt Rose den Autoschlüssel weg und ruft die Polizei. Die Polizisten Manfred H. und Thomas B. nehmen den Delinquenten gegen ein Uhr mit aufs Revier. Was dort passiert, bleibt großteils im dunkeln.

Klar ist nur: Auf dem Revier entziehen die Beamten dem Mann zunächst den Führerschein. Sie rufen den Revierarzt Andreas B., der Neurologe praktiziert bis heute in Dessau. Laut Protokoll entnimmt er Rose um 2.25 Uhr und 2.55 Uhr Blut. Die Proben ergeben gut zwei Promille. Bei der Vernehmung versichert der Arzt, Rose sei äußerlich unverletzt, sein Gang sicher, seine Sprache deutlich gewesen. Er habe Anweisungen befolgt und sachlich geantwortet. Außerdem habe er zum Zeitpunkt der Untersuchung eine Jacke getragen.

»Eine eingezogen«

Dann wird es widersprüchlich: Angeblich habe die Polizei Rose unmittelbar nach der zweiten Blutentnahme gegen drei Uhr aus dem Revier entlassen. Er sei zielstrebig wieder zu seinem Auto gelaufen, heißt es. Weil man dies vermutet habe, seien ihm die Beamten Udo H. und Mario N. gefolgt. Tatsächlich sei Rose losgefahren. Die Streife habe ihn eine Weile verfolgt und schließlich außerhalb von Dessau in Richtung Roßlau gestoppt. Den Delinquenten hätten sie wieder mitgenommen. Im Revier entzogen Mario N. und Udo H. ihm die Autoschlüssel. Protokolliert ist dies für 3.08 Uhr. Wie das gesamte Geschehen in maximal acht Minuten passen soll, bleibt deren Geheimnis. Anschließend wollen die Polizisten Rose belehrt und zum Ausgang begleitet haben. Aufzeichnungen dazu existieren nicht.

Bereits am 10. Dezember sagt der Polizist Michael N. aus, er sei mit etwa fünf weiteren Beamten gegen 4.30 Uhr im Pausenraum des Polizeireviers gewesen. Dort habe einer der Kollegen sinngemäß geprotzt: »Der wollte mir doch ein paar auf die Fresse hauen, da habe ich ihm aber eine eingezogen.« Eine halbe Stunde später trifft er als erster beim Fundort Roses ein. Die Kollegen der zweiten Streife, Manfred H. und Thomas B., seien ihm nervös vorgekommen. »Sie liefen scheinbar ziellos hin und her«, sagte er. Außerdem hätten sie verneint, das Opfer zu kennen, obwohl sie den Mann wenige Stunden zuvor ins Revier gebracht hatten.

Erst danach übergibt die Polizei die Ermittlungen an eine Mordkommission. Sie stellt keine Spuren eines Angriffs, Verkehrsunfalls oder eines Fenstersturzes fest. Außerdem, so bestätigen Mediziner, habe sich Rose aufgrund der schweren Verletzungen nicht mehr von einem zum anderen Ort bewegen können. Zunächst verfolgen die Ermittler dennoch die Annahme, einen Täter im Umkreis des Mannes zu finden, der die Polizei gerufen hatte. Golam S. und ein Bekannter werden zu Verdächtigen.

Verdächtige Spuren

Doch dann meldet sich ein Anwohner am Fundort. Er berichtet der Polizei, er sei am frühen Morgen durch laute Geräusche von Autoschiebetüren erwacht. Sein Radiowecker habe 4.25 Uhr angezeigt. Nachgesehen habe er nicht. Ein Polizeibus? Die Ermittler stellen Schlagstöcke und Handfesseln von Polizisten sicher, die in dieser Nacht im Revier waren. Sie lassen eine Säule im Pausenraum untersuchen. Sie finden massenhaft DNA-Spuren des Opfers. Wurde Rose daran gefesselt und misshandelt? Die Ermittlungen scheitern angeblich an fehlenden Dokumenten und widersprüchlichen Zeugenaussagen. Ein erneutes Aufrollen des Falls im Jahr 2013 verebbt in Erinnerungslücken der erneut befragten Polizisten.

Die jW-Recherchen ergeben zahlreiche personelle Überschneidungen mit den späteren Fällen. So hielt sich der Polizist Hans-Ulrich März während der Maßnahme mit Hans Jürgen Rose im Revier auf. Im Fall Oury Jalloh erwischte ihn ein Zeuge bei einer undokumentierten Zellenkontrolle mit seinem Kollegen Udo S. kurz vor dem Brandausbruch in der Zelle. In allen Fällen war Andreas B. als Revierarzt, Andreas S. als Dienstgruppenleiter und Gerald K. als Revierleiter tätig, außerdem ermittelten dieselben Kriminalbeamten S., P. und K. Der Polizist Thomas B. war an der ersten Festnahme Roses beteiligt und später im Revier zugegen. Fünf Jahre danach führte er die letzte Zellenkontrolle bei Bichtemann durch, bevor sein Vorgesetzter Andreas S. ihn anderthalb Stunden später mit Schädel- und Rippenbrüchen tot auffand. Acht Monate nach Jallohs Tod wurde B. aus dem Polizeidienst entlassen.

Weiter verschleppt

Der Fall Oury Jalloh liegt weiterhin auf Eis. Ob die im Oktober 2017 eingestellten Ermittlungen wieder aufgenommen werden, soll die Generalstaatsanwaltschaft Sachsen-Anhalt in Naumburg entscheiden. Seit Jahresbeginn prüft sie eine Beschwerde der Angehörigen Jallohs. Der Druck, bei der Aufklärung voranzukommen, scheint gering. »Ich sage es nicht gerne, aber es wird noch länger dauern, vielleicht zwei Monate«, sagte deren Sprecher Klaus Tewes auf jW-Nachfrage. Grund seien umfangreiche Akten. Auch die älteren Fälle Rose und Bichtemann habe man beigezogen, versicherte Tewes.

Im vergangenen Jahr hatte der inzwischen pensionierte ehemalige Leiter der Staatsanwaltschaft Dessau-Roßlau, Folker Bittmann, für Aufsehen gesorgt. Er hatte Mordverdacht gegen namentlich benannte Dessauer Polizeibeamte erhoben und vergeblich versucht, den Generalbundesanwalt (GBA) einzuschalten. Das Dokument vom April letzten Jahres war jW zugespielt worden; auch das ARD-Magazin »Monitor« hatte darüber berichtet. Bittmann begründet darin seinen Verdacht mit Aussagen mehrerer Brandsachverständiger, Toxikologen, Chemiker und Mediziner, die eine Selbsttötung ausgeschlossen hatten. Die wahrscheinlichste Variante sei, so Bittmann, dass »Jalloh sich bereits in einem Zustand der Agonie befand, als er mit einer geringen Menge Brandbeschleuniger bespritzt wurde und spätestens unmittelbar nach Ausbruch des Feuers verstarb«. Weiter schrieb er: »Da Oury Jalloh über keinen Brandbeschleuniger verfügte und zudem in der letzten Minute seines Lebens physisch nicht mehr in der Lage gewesen wäre, das Feuer selbst zu entfachen, setzen die denkbaren Todesalternativen das Verursachen von dritter Hand voraus.«

Bittmann formulierte auch ein mögliches Tatmotiv: Durch Misshandlung oder Unterlassung sei Jalloh wohl ohnmächtig gewesen. Polizeibeamte könnten sich »bewusst geworden sein, dass schwere Verletzungen oder das Versterben eines weiteren Häftlings neuerliche Untersuchungen auch zu den früheren Fällen auslösen würde, diesmal naheliegenderweise der Wiederholung wegen noch intensivere«. Sachsen-Anhalts Generalstaatsanwalt Jürgen Konrad reagierte darauf rasch: Im Juni 2017 verlegte er die Ermittlungen von Dessau nach Halle. Dort stellte Oberstaatsanwältin Heike Geyer das Verfahren im Oktober ein. Die Begründung dafür ist auf den 30. August 2017 datiert: Es fehle an Ermittlungsansätzen, die zur Aufklärung beitragen könnten. (sbo)

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