11.09.2018 / Sport / Seite 16

Schrecken auf Schmirgelpapier

Gegen die Gummiwand: Das Finalwochenende der US Open

Peer Schmitt

Die diesjährigen US Open haben das Finalwochenende bekommen, das sie verdienten. Es war ein hässliches Tennisturnier. Nicht, dass die drei anderen Majors dieser Saison Schönheits- und Fairnesspreise gewonnen hätten, im Gegenteil. Die US Open aber setzten dem Schrecken die Krone auf.

Das begann schon bei den äußeren Bedingungen: Sengende Hitze bei extremer Luftfeuchtigkeit sind für das Betreiben von Hochleistungssport nicht unbedingt ideal. Zu allem Überfluss hat man die Plätze noch einmal langsamer gemacht. Zunächst ersetzte man den Asphaltuntergrund durch Zement, dann erhöhte man in der darauf verlegten Oberfläche den Anteil von grobem Sand. Man hätte gleich auf Schmirgelpapier spielen können. Ein langsamer Hartplatz mit relativ hohem Ballabsprung scheint wiederum das ideale Terrain für Naomi Osaka zu sein. Die 20jährige, größtenteils in New York aufgewachsene Tochter einer Japanerin und eines Haitianers hat in ihrer jungen Karriere bisher zwei Tennisturniere gewonnen. Im März dieses Jahres das wichtige, wegen seiner langsamen Plätze ebenfalls berüchtigte Turnier in Indian Wells und nun mit 6:2, 6:4 gegen Serena Williams auch die US Open. Im März hatte Osaka direkt nach ihrem Turniersieg in Indian Wells Williams in der ersten Runde von Miami bereits 6:3, 6:2 besiegt. Der erste Satz des Damenfinals am Samstag sah aus wie die Fortsetzung jenes Matches. Osaka dominierte fast nach Belieben. Im zweiten Satz aber kam es zu einem Skandal, der die Hässlichkeit dieser US Open formvollendet illustrierte.

Im zweiten Game des Satzes bekam Williams eine Verwarnung wegen illegalen Coachings. Williams bestritt, die entsprechende Geste ihres Trainers Patrick Mouratoglou überhaupt bemerkt zu haben. Der gab das Coaching nach dem Match offen zu, jedoch nicht ohne den Hinweis, dass »alle es tun« – nämlich schummeln, wenn man so will. Im vierten Game verlor Williams nach 3:1 Führung ihren Aufschlag mit zwei Doppelfehlern und einer leicht verschlagenen Rückhand und zerschmetterte danach ihren Schläger. Stuhlschiedsrichter Carlos Ramos sprach eine zweite Verwarnung aus, die gleichbedeutend mit einem Punktabzug war. Williams verwickelte sich daraufhin in fortwährende Diskussionen mit ihm. Bei 4:3 für Osaka bezeichnete sie Ramos schließlich als Lügner und Dieb, bekam eine dritte Verwarnung, diesmal gleichbedeutend mit einem Spielabzug: 5:3 für Osaka, das Match war so gut wie gelaufen. Alle drei Verwarnungen waren nach strikter Regelauslegung unzweifelhaft korrekt. Dennoch gab es im Falle der ersten und dritten einen Ermessensspielraum. War die Strenge des Schiedsrichters Sexismus geschuldet, wie Williams später behauptete?

Im Verlauf dieser US Open sind tatsächlich ungefähr dreimal mehr Verwarnungen gegen männliche als gegen weibliche Spieler ausgesprochen worden, aber keine war so entscheidend wie die gegen Williams. Sie hatte – insbesondere bei den US Open – Offizielle immer wieder beleidigt, sogar bedroht. Zynisch gedacht: Sie könnte den Skandal inszeniert haben, weil sie einsah, dass sie sportlich chancenlos war. Zum eigentlichen Skandal kam es allerdings direkt nach dem Match, kurz vor der Siegerehrung. Der Zuschauermob buhte die Siegerin aus, und die Präsidentin des nationalen Tennisverbands USTA Katrina Adams ergriff das Wort: »Vielleicht ist dies nicht der Ausgang, den wir alle erhofft haben«, sagte sie, »aber Serena ist der Champion aller Champions; eine Mama, die ein von allen respektiertes Vorbild abgibt.« Sollte das bedeuten, dass der Ausgang der Damenkonkurrenz von Beginn an festzustehen hatte, zur Inthronisierung eines (ausgesprochen fragwürdigen) Idols?

Der angemessene Sieger in der Herrenkonkurrenz dieser Farce hieß dann natürlich Novak Djokovic. Der möglicherweise geplante Marathon gegen Rafael Nadal musste zwar ausfallen, weil der Spanier in seinem Halbfinale gegen Juan Martin del Potro wegen einer Knieverletzung aufgegeben hatte, doch nicht einmal Del Potros mächtige Vorhand konnte bei diesen Platzverhältnissen die serbische Gummiwand durchbrechen. Djokovic gewann 6:3, 7:6, 6:4. Allein der zweite Satz hatte anderthalb Stunden gedauert. Djokovic, der Großmeister der Langeweile, hatte einmal mehr durch Entschleunigung triumphiert.

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