10.09.2018 / Politisches Buch / Seite 15

Lehrreiche Erfahrungen

Ein neuer Sammelband zur Geschichte der Linken in der Türkei ruft weithin vergessene politische und soziale Kämpfe in Erinnerung

Peter Schaber

Das Bundesamt für Verfassungsschutz interessiert sich sehr für die türkische und kurdische Linke. Und so liegen den zahlreichen Broschüren und Berichten der Spitzelbehörde gelegentlich Organigramme bei, die die Entwicklung des »Linksextremismus« in der Türkei veranschaulichen sollen. Wer diese Tabellen und Grafiken betrachtet, muss zu der Auffassung gelangen, dass es keine erdenkliche Buchstabenkombination geben kann, die noch nicht als Kürzel für eine kommunistische Gruppe in der Türkei hergehalten hat: TKP, THKP, DHKP-C, TIIKP, TKP-ML, MLKP, MKP, TIKKO, TKIH, MLSPB und so weiter und so fort.

Schon die schiere Anzahl linker Gruppen und Parteien verweist auf eine an unterschiedlichen Erfahrungen und Strategien reiche Geschichte. Eine, aus der man – im Positiven wie Negativen – lernen kann. Die interessanten Geschichten hinter den Abbreviaturen erzählen aber nicht die Schlapphüte in ihren Broschüren, die nichts anderes sind als Begleitmusik zu Verfolgung und Diskriminierung türkischer Linker. Zu finden sind sie, ebenso kenntnis- wie umfangreich aufgeschrieben, in dem von Nikolaus Brauns und Murat Cakir herausgegebenen Band »Partisanen einer neuen Welt. Eine Geschichte der Linken und Arbeiterbewegung in der Türkei«.

Insbesondere die ersten beiden, von den Herausgebern verfassten Beiträge sowie Brigitte Kiechles Studie zur Frauenbewegung in der Türkei ergeben zusammen ein Gesamtbild der türkischen Geschichte vom Ende des Osmanischen Reiches bis in die Gegenwart aus linker Sicht. Das ganze Unternehmen ist dabei keine akademische Fingerübung, sondern unter dem Gesichtspunkt politischer Praxis erstaunlich lehrreich – auch für die deutsche Linke, der mehr Massen- und Basisarbeit nicht schlecht bekäme.

So können die von der marxistisch-leninistischen Devrimci Yol (Revolutionärer Weg, Dev-Yol) aufgebauten Widerstandskomitees (Direnis Komiteleri) durchaus als Modell für den Aufbau von Kommunen- oder Rätestrukturen dienen. Dev-Yol, so schreibt der Historiker Brauns, verstand die Komitees als »Keimzellen der Volksmacht«, die »allmählich eine neue Form der zwischenmenschlichen Beziehungen und eine alternative Herrschaftsform gegenüber dem bestehenden türkischen bürgerlichen Staat hervorbringen sollten«. Die Direnis Komiteleri organisierten ganze Viertel, beschlagnahmten und verteilten Land, gründeten Lebensmittelkooperativen. In der Gestalt von Arbeitsplatzkomitees breitete sich das Konzept vereinzelt auch in Fabriken aus. Den Schutz vor faschistischen und staatlichen Angriffen übernahmen aus Kadern und lokaler Bevölkerung gebildete »Bewaffnete Widerstandskräfte« (Silahli Direnis Birlikleri, SDB).

Die Widerstandskomitees des Revolutionären Wegs, die »Kommune von Fat sa«, die Radikalisierung der Jugend und der Studentenbewegung in den späten 1960ern, die Kritik der kemalistischen Traditionslinie in der Linken durch die an Ibrahim Kaypakkaya anschließende maoistische Tradition, der bewaffnete Kampf von Devrimci Sol, die Massenstreiks der frühen 1990er Jahre, die kurdische und türkische Frauenbewegung – das Buch ist, wie die Geschichte der revolutionären Linken in der Türkei selbst, reich an Erfahrungsschätzen. Das durchaus auch dort, wo Schwierigkeiten sichtbar werden, die in veränderter Form heute noch diskutiert werden: Etwa die Problematik, unterschiedliche Unterdrückungs- und Ausbeutungsverhältnisse – patriarchale, nationale und Klassenverhältnisse – in einem gemeinsamen Kampf anzugehen. Anders als in der kurdischen Befreiungsbewegung sei in weiten Teilen der traditionellen Linken in der Türkei, so bilanziert Brigitte Kiechle, immer noch die Auffassung vorhanden, dass »ein Sieg der sozialistischen Revolution die Frauenfrage von alleine lösen wird«. Das führe zu einem im besten Falle taktischen Verhältnis zu den großen Protesten von Frauen gegen das Erdogan-Regime.

Was die Frage kolonialer und nationaler Unterdrückung – vor allem der kurdischen Bevölkerung im Südosten der Türkei – angeht, dokumentieren die historischen Abrisse des Buches einen langen Lernprozess der türkischen Linken. Die Abkehr von kemalistischen Einflüssen setzte in der Breite erst ein, als die Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) als unabhängige kurdische Organisation bereits zu unübersehbarer Stärke gelangt war.

Für deutsche Linke ist das Buch ganz unabhängig davon, ob es ihnen Freude bereitet oder nicht, ohnehin eine Pflichtlektüre. Zum einen, weil die Beziehungen Berlins zu den jeweils in Ankara Herrschenden historisch besondere sind und Deutschland stets besonders eifrig die ins Exil getriebene Opposition verfolgte und sabotierte. Zum anderen aber, weil die Zusammenarbeit zwischen der türkischen/kurdischen und der deutschen Linken erfreulicherweise immer enger wird. Ohne wechselseitige Kenntnis der jeweiligen Geschichte bleibt sie aber oberflächlich. »Partisanen einer neuen Welt« kann hier eine wichtige Rolle für einen ganz praktischen politischen Prozess spielen und ist allein schon deshalb nützlich. Eine Eigenschaft, die nicht allzu viele linke Neuerscheinungen dieser Tage haben.

Nikolaus Brauns, Murat Cakir (Hrsg.): Partisanen einer neuen Welt. Eine Geschichte der Linken und Arbeiterbewegung in der Türkei. Die Buchmacherei, Berlin 2018, 528 Seiten, 20 Euro

Am 18. September um 19 Uhr stellen die beiden Herausgeber das Buch in der jW-Ladengalerie (Torstraße 6, 10119 Berlin) vor. Anmeldung bitte unter mm@jungewelt.de oder 0 30/53 63 55 56, Eintritt 5 Euro, erm. 3 Euro

https://www.jungewelt.de/artikel/339533.arbeiterbewegung-in-der-türkei-lehrreiche-erfahrungen.html