08.09.2018 / Kapital & Arbeit / Seite 9

Rückzieher des Prinzen

Zu Lust und Risiken des Kapitalverkehrs

Lucas Zeise

Fast hätte ich versäumt, den geneigten Lesern eine wichtige Nachricht zukommen zu lassen. Sie lautet: Der größte Börsengang der Geschichte findet (wahrscheinlich) doch nicht statt. Das meldeten gut informierte Gazetten Ende vergangenen Monats. Es handelt sich um den vor zweieinhalb Jahren geplanten Verkauf eines Teils der saudischen Ölfirma Aramco (Arabian-American Oil Company). Sie ist seit Jahrzehnten (genauer seit der ersten kräftigen Erdölpreiserhöhung im Jahr 1973) das Unternehmen mit den vermutlich höchsten Gewinnen weltweit. Das Wort »vermutlich« steht hier, weil die Bilanzen und Ergebnisse des Unternehmens nicht veröffentlicht werden. Denn es ist Privatbesitz der Familie Saud, die zugleich Eigentümerin des Königreiches Saudi-Arabien ist.

Der derzeitige König Salman bin Abdulasis Al Saud ist der 25. Sohn des Staatsgründers Abdulasis ibn Saud. Der 82jährige Monarch leidet laut Wikipedia an Alzheimer. Aber keine Bange. Er hat vorgesorgt und seinen Sohn Mohammed bin Salman zum Kronprinzen, also seinem designierten Nachfolger als König und aktuellen Statthalter, ernannt. Prinz Mohammed hat sich bereits als großer Reformator im Königreich herausgestellt: 1. Seit kurzem dürfen Frauen im Königreich Autos steuern. 2. Der Krieg gegen den Jemen wurde begonnen (aber trotz großer finanzieller und militärischer Überlegenheit noch nicht gewonnen). 3. In einem Palastcoup wurden zahlreiche Milliardäre aus dem saudischen Adel und Geldadel enteignet und unter Arrest gestellt. 4. Das bisher eng verbündete Emirat Katar wurde wegen zu freundlicher Beziehungen zum Iran mit Sanktionen belegt. 5. Die Einfuhr von Rüstungsgütern wurde beschleunigt und die Freundschaft mit den USA in einem niedlichen Schwerttanz mit deren Präsidenten Donald Trump bekräftigt. 6. Die Aramco sollte an die Börse gebracht werden. Das war ein genialer Plan. Nur fünf Prozent sollten an die Investoren verkauft und dafür 100 Milliarden Dollar erlöst werden. Mit diesem Geld sollten grandiose Investitionen vorgenommen und dem Land so eine glänzende Zukunft gesichert werden. Zugleich böte man dem US-Finanzkapital wieder etwas Zugriff auf die ertragreichsten Erdölquellen auf dem Globus. Eine klassische Win-win-Situation also.

Warum also jetzt der Rückzieher? Warum scheuen der König und sein forscher Prinz den Börsengang? Wir sind auf Vermutungen angewiesen. Aber versuchen wir, einen Blick in die Seelen der (männlichen) Familienmitglieder der Sauds zu werfen. Hier die möglichen Gründe für ihre Opposition: zunächst Zweifel, ob tatsächlich 100 Milliarden Dollar aus dem Verkauf von nur fünf Prozent an Aramco fließen werden. Das ganze Unternehmen wäre dann zwei Billionen Dollar wert, was, wie die des Englischen mächtigen Prinzen im Wall Street Journal nachlesen können, doppelt soviel wie Apple wäre. Zweitens die offene Frage, ob der Erlös aus dem Börsengang auch den Mitgliedern der Königsfamilie zugute kommen und nicht etwa anderweitig verwendet werden könne. Schließlich der beängstigende Gedanke, dass künftig die Bilanz sowie die Gewinn- und Verlustrechnung öffentlich dargeboten werden müssten. Manch nettes Geschäft mit dem Familienunternehmen Aramco müsste dann unterbleiben.

Unser Autor ist Finanzjournalist und Publizist. Er lebt in Frankfurt am Main

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