07.09.2018 / Ansichten / Seite 8

Niederkonkurriert

Zehn Jahre Finanzkrise

Simon Zeise

Es war der Anfang vom Ende eines Zyklus. Am Freitag vor zehn Jahren stellte die US-Regierung die Hypothekenbanken Fannie Mae und Freddie Mac unter Aufsicht. Mit einem Kredit in Höhe von 187 Milliarden Dollar wurden die Institute vor dem Zusammenbruch gerettet. Zu viele Darlehen, die an wenig zahlungskräftige Häuslebauer vergeben und in Aktienpakete zusammengepackt worden waren, platzten. An der Wall Street wurde mit diesen Verbriefungen bis zur Unkenntlichkeit gehandelt. Niemand wusste mehr, was in den Schrottpapieren wirklich steckte. Die Spekulanten hatten sich verhoben. Die Finanzkrise nahm an Fahrt auf und breitete sich in der kapitalistischen Weltwirtschaft aus.

Seither herrscht im Westen Stagnation. Das Akkumulationsregime konnte nur aufrechterhalten werden, indem kräftig umverteilt wurde. Der Internationale Währungsfonds schätzte bereits 2009, dass im Zuge des Crashs Aktien und Anleihen im Wert von vier Billionen Dollar vernichtet wurden. Geld, das bei den Lohnabhängigen wieder reingeholt wurde. Staatliche Sozialprogramme wurden gekürzt. Die Realeinkommen hinken der Produktivität hinterher. Wie das gewerkschaftsnahe WSI-Institut am Donnerstag prognostizierte, werden die Reallöhne in den 28 Mitgliedsstaaten der EU 2018 voraussichtlich um durchschnittlich ein Prozent steigen. Im Durchschnitt! Im vergangenen Jahr waren es EU-weit 0,4 Prozent mehr im Portemonnaie. Nachrichtenagenturen waren sich dennoch nicht zu blöde, vom »andauernden Wirtschaftsaufschwung« zu faseln.

Das deutsche Kapital, das über Jahre profitieren konnte, weil es auf dem Heimatmarkt mit dem Niedriglohnsektor eine industrielle Reservearmee zur Verfügung hatte, was ihm im internationalen Vergleich die Konkurrenz vom Hals hielt, guckt langsam in die Röhre. Das Wirtschaftsministerium musste kleinlaut einen Auftragsschwund in der Industrie eingestehen. Aus dem Ausland würden zu wenig Waren aus der BRD geordert. Das Auslandsgeschäft schrumpfte im Juli um 3,4 Prozent. Die Bestellungen aus der Euro-Zone fielen um 2,7 Prozent, die aus der übrigen Welt sogar um vier Prozent. Das nennt man niederkonkurriert. »Deutschland muss sich aber auf den Abschwung gefasst machen«, gaben am Donnerstag die Ökonomen des Kieler Instituts für Weltwirtschaft bekannt. Bislang waren sie nicht dafür bekannt, kapitalismuskritische Töne von sich geben – man muss die Feste eben feiern, wie sie fallen.

Übrigens gab es auch hierzulande ein Jubiläum. Die altehrwürdige Commerzbank, lange Zeit das viertgrößte Geldhaus in der BRD, flog am Donnerstag aus dem Dax. Die Kanzlerin hatte die Banker seit 2009 durchgefüttert. Mit 25 Prozent war der Staat bei den Frankfurtern 2009 eingestiegen. Die Anteile an der Bank waren damals 5,1 Milliarden Euro wert. Heute bringt das Aktienpaket nur noch 1,6 Milliarden Euro. Merkel hat sich verspekuliert. Bezahlen werden es andere.

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