03.09.2018 / Thema / Seite 12

Zwischen Ressentiment und Lüge

Über den allgegenwärtigen Antisemitismusvorwurf. Kritische Betrachtungen zu einer unterirdischen Debatte

Moshe Zuckermann

Am Dienstag erscheint im Westend-Verlag ein neues Buch von Moshe Zuckermann, das sich mit der Inflation des Antisemitismusvorwurfs im politischen Diskurs auseinandersetzt und Probleme der deutsch-israelischen Geschichte beleuchtet. Wir veröffentlichen daraus vorab, ohne die Fußnoten und leicht gekürzt, einige Passagen aus dem Kapitel »Miszellen«.

Moshe Zuckermann wurde als Sohn polnisch-jüdischer Holocaustüberlebender in Israel geboren. Der Soziologe und Historiker leitete von 2000 bis 2005 das Institut für Deutsche Geschichte an der Universität Tel Aviv; 2006 und 2007 war er Gastprofessor am Institut für Jüdisch-Christliche Forschung (IJCF) der Universität Luzern.

Wir danken dem Verlag für die freundliche Genehmigung des Vorabdrucks. (jW)

Einsichten

Nicht alle Juden sind Zionisten, nicht alle Zionisten sind Israelis, nicht alle Israelis sind Juden.

Judentum, Zionismus und Israel sind voneinander zu unterscheidende Kategorien.

Antisemitismus, Antizionismus und Israelkritik sind voneinander zu unterscheidende Kategorien.

Man kann antisemitisch sein, ohne antizionistisch oder israelkritisch zu sein.

Man kann antizionistisch sein, ohne antisemitisch oder israelfeindlich zu sein.

Man kann israelkritisch sein, ohne antizionistisch oder antisemitisch zu sein.

Man kann solidarisch mit Juden sein, ohne zionistisch und proisraelisch zu sein.

Man kann zionistisch und zugleich auch israelkritisch sein.

Man kann zugleich antisemitisch, antizionistisch und israelkritisch sein. Das ist aber nicht zwingend so.

Wer Israelkritik zwangsläufig für antisemitisch erachtet, ist ideologisch missgeleitet.

Wer als jüdischer Israeli Israelkritik zwangsläufig für antisemitisch erachtet, ist von der staatsoffiziellen israelischen Propaganda geprägt.

Wer als jüdischer Israeli Israelkritik zwangsläufig für antisemitisch erachtet, ist kollektiv-narzisstisch gekränkt.

Wer als jüdischer Israeli Israelkritik zwangsläufig für antisemitisch erachtet, begreift sein Judentum nationalistisch, den Zionismus als sein Judentum.

Wer als Deutscher Israelkritik zwangsläufig für antisemitisch erachtet, ist von der staatsoffiziellen israelischen Propaganda geprägt.

Wer als Deutscher Israelkritik zwangsläufig für antisemitisch erachtet, ist kollektiv-narzisstisch ­gekränkt. Er weiß sich als Angehöriger des Täterlandes mit Schuld befrachtet.

Wer als Deutscher Israelkritik zwangsläufig für antisemitisch erachtet, empfindet sein Deutschsein als eine Last, eine Schuld, die er »wiedergutmachen« zu sollen meint.

Wer als Deutscher Israelkritik zwangsläufig für antisemitisch erachtet, mithin sein Deutschsein als eine Last empfindet, eine Schuld, die er »wiedergutmachen« zu sollen meint, ist deutschbefindlich pathologisch.

Wer als Deutscher Israelkritik zwangsläufig für antisemitisch erachtet und deutsche Israelkritiker des Antisemitismus zeiht, bedient sich des Antisemitismusvorwurfs als Mittel der (pathologisch ­geprägten) Selbstsetzung und -vergewisserung.

Wer als Deutscher Israelkritik zwangsläufig für antisemitisch erachtet und jüdische, mithin ­israelisch-jüdische Israelkritiker des Antisemitismus zeiht, hat ein Problem mit dem besudelten ­Juden als solchem – als Juden.

Wer als Deutscher Israelkritik zwangsläufig für antisemitisch erachtet und jüdische, mithin israelisch-jüdische Israelkritiker des Antisemitismus zeiht, hat ein Problem mit dem Juden als solchem, das er nicht anders als durch Besudelung des Juden in den Griff zu kriegen weiß. Er ist von einem ­unbewussten antisemitischen Ressentiment angetrieben.

Generell: Wer als Deutscher, dem Juden seit Auschwitz tabu sind, gerade Juden des Antisemitismus bezichtigt, ist selbst ein latenter Antisemit. Nicht immer latent.

* * *

Von den raffinierteren deutschen Israelsolidarisierern wird zuweilen die polemische Frage gestellt, wieso sich deutsche Israelkritiker gerade mit Israel befassten, wo es doch so viel andere Gewalt auf der Welt gibt, mit der man sich nicht ganz so intensiv befasse. Suggeriert werden soll mit dieser Frage, dass besagte Deutsche in ihrer Israelkritik antisemitisch motiviert seien. Es gibt Gründe, warum Deutsche sich an Israels Politik und der durch sie bewirkten Unterdrückung der Palästinenser stören könnten und entsprechend meinen, auf Israel kritisch reagieren zu sollen. Da wäre zunächst das nunmehr über fünfzig Jahre währende Okkupationsregime, das insofern etwas Besonderes darstellt, als der Nahostkonflikt, wie oft genug erlebt, als ein Pulverfass mit großer geopolitischer Sprengkraft gelten darf. Es mag da allerdings auch eine besondere, an »die Juden« gerichtete Erwartung mit im Spiel sein: positiv gedeutet – eine Erwartung, dass gerade das Volk der historischen Opfer nicht zum Tätervolk mutiere; negativ gedeutet – eine Erwartung, dass »die Juden« nur so weitermachen mögen, damit sich erweise, dass auch sie »nicht besser sind als die Deutschen«. Beide Möglichkeiten wären somit von einer (historisch begründeten) deutschbefindlichen Neuralgie affiziert.

Es lässt sich gleichwohl mit mindestens genausoviel Recht fragen, was gewisse Deutsche an der von nichtisraelischen Juden und jüdischen Israelis an Israels Politik geübten Kritik (mithin auch an Israels zionistisch gespeister Ideologie, die diese Politik zeitigt) derart stört, ja nachgerade auf die Palme bringt, dass sie bereit sind, diese jüdischen Kritiker des Antisemitismus und des »Selbsthasses« zu bezichtigen. Es ist ja nun wirklich nicht selbstverständlich, dass nichtjüdische Deutsche Juden als Antisemiten darstellen. Auch diese Frage kann mehrschichtig beantwortet werden, man muss aber bei ihrer Beantwortung von einem Grundumstand ausgehen, der freilich einen Perspektivenwechsel erfordert: Der des Antisemitismus geziehene Jude weiß, dass er kein Antisemit ist. Niemand wird ihm das einreden können. Und so sieht er sich vor das Rätsel gestellt, wie es eigentlich dazu komme, dass der Deutsche das Bedürfnis hat, ihn als Antisemiten zu apostrophieren. Ein Verdacht kommt in ihm auf, eine Ahnung befällt ihn: Da er weiß, dass er kein Antisemit ist, der Deutsche aber darauf besteht, dass er es sei, muss ihn, den Deutschen, etwas an seinem Judesein irritieren. Der Deutsche stört sich daran, weil es nicht in seine eigene Pathosformel passt, der zufolge der Jude zwangsläufig Zionist und Israelfreund zu sein hat. Gestützt wird er dabei von rechten und rechtsradikalen Juden und jüdischen Israelis, die ihm, dem Deutschen, suggerieren, es handele sich dabei um Pathologisches, um »jüdischen Selbsthass«. Das wäre noch eine (pseudo-)rationale Begründung für die merkwürdige Einstellung des Deutschen. Was nun aber, wenn diese Irritation am Juden ganz anderen, deutschen Abgründen entstammt? Was etwa, wenn der Deutsche den Juden als Zionisten und Israel zugehörig wissen will, um den Abstand zum Juden zu sichern? Was gar, wenn der Deutsche am Juden etwas wahrnimmt, das ihn irritieren muss, weil der Jude nicht dem Narrativ gehorcht, das sich der Deutsche zurechtkonstruiert hat, um zweierlei zu wahren: zum einen eine fragile Selbstberuhigung, mit seiner Israelsolidarität etwas »wiedergutgemacht« zu haben; zugleich aber auch die Gewissheit, einer ihn umtreibenden Aggression gegen den Juden, gegen alle Juden, Legitimation verschafft zu haben? Was, anders gesagt, wenn der durch den israelkritischen Juden irritierte Deutsche von einem antisemitischen Impuls angetrieben ist, welchen er (vergeblich) abzuwehren trachtet?

Die Art und Weise, in der im heutigen Deutschland von Juden beziehungsweise von jüdischen Israelis artikulierter Israelkritik begegnet wird, die performative Aggression gegen ihre Träger, lässt darauf schließen, dass man sich die Konditionalform der Fragestellung ersparen kann. Deutsche (gerade Deutsche), die Juden des Antisemitismus zeihen, sind selbst Antisemiten. Sie »wissen« es nur nicht, sind nicht in der Lage, es sich einzugestehen. Aber es führt nichts daran vorbei: Die zum Politikum geronnene Aggression von Deutschen gegen jene Juden, die sich dem widersetzen, was diese Deutschen am Juden brauchen, ist Antisemitismus. Er mag von gutmenschlichem »Wiedergutmachungs«-Pathos, von ideologischer Selbstgewissheit, vom Hochgefühl konsensueller Übereinkunft überdeckt sein, aber er bleibt im Kern, was er ist – ein neuer, zeit­geist­beseelter, in Deutschland grassierender Antisemitismus. Und er wird zunehmen, er wird ansteigen, je mehr Israel sich als das zeigen und erweisen wird, was seine jüdischen Kritiker (aus genuinem jüdischen Humanismus) an ihm entsetzt.

Antisemitismus – links

Micha Brumlik hat in einem »Die Linke und ihr ›Judenknax‹« (2008) betitelten Aufsatz den für ihn seit gut zweihundert Jahren bei Linken perennierenden »Judenhass« beziehungsweise »Antisemitismus« zum Thema gemacht, mithin auch die 68er-Bewegung ins Visier genommen. Er beschließt seinen Text mit den Worten: »Viele Angehörige der Protestbewegung haben anders, nicht so ›antizionistisch‹ gehandelt oder lebten doch wenigstens in Umständen, die ihnen das Ausleben destruktiver Energien und die Übernahme elterlicher Delegation unmöglich machte. Darauf stolz zu sein, wäre ebenso töricht, wie sich im Rückblick von über vierzig Jahren als in jeder Hinsicht politisch zurechnungsfähige Individuen zu betrachten. Ebenso töricht wäre es freilich, die genannten judenfeindlichen Haltungen mit leichter Hand als vernachlässigbare Jugendsünde abzutun. Weise wäre es statt dessen, die eigene Bedingtheit anzuerkennen und zu realisieren, dass die von den nationalsozialistischen Eltern geprägten Jahre ebenso vergangen sind wie die Zeiten des Kalten Krieges, der dieser Form der Judenfeindschaft erst politischen und moralischen Sukkurs verliehen hat. Nicht vergangen, Gegenwart ist hingegen, dass derzeit mehr als fünfzig Prozent aller Deutschen glauben, dass Israel mit den Palästinensern im Prinzip dasselbe tut wie Nationalsozialisten mit den Juden.«

Der Text liegt im Trend der in Deutschland grassierenden Antisemitismuseuphorie, bei welcher der allgemeine Untergang der Linken mit dem ihr wesenhaft attribuierten Antisemitismus und dem daraus abgeleiteten Antisemitismusvorwurf gesondert bejubelt wird. So, als könne man endlich aufatmen und den seit Jahrzehnten erhobenen moralischen Zeigefinger linker Intellektueller ein für alle Mal abbrechen, vermischt sich das beliebte 68er-Bashing mit dem Bedürfnis nach der ideologischen Umdeutung dessen, was bislang als Erbteil rechter Weltanschauung und nazistischer Gesinnung galt, um die Linke dessen zu bezichtigen, wovon sie sich immer frei wähnte: des Antisemitismus.

Symptomatisch sind dabei Brumliks Schlussworte. Als abgeschrieben dürfen die Nazigeneration der Eltern wie auch die Ära des Kalten Krieges gelten. Was ist geblieben? »Nicht vergangen, Gegenwart ist hingegen, dass derzeit mehr als fünfzig Prozent aller Deutschen glauben, dass Israel mit den Palästinensern im Prinzip dasselbe tut wie Nationalsozialisten mit den Juden.« Nachdem er zweihundert Jahre linken Antisemitismus nachgezeichnet, ihn gleichsam als unhinterfragbar fixiert hat, um dann den 68er-Antisemitismus zu apostrophieren, zeigt sich Brumlik benevolent, lässt Vergangenes vergangen sein, um dann aber dennoch bei dem, was an der Vergangenheit nicht vergehen will, zu verharren: dem bei den Deutschen sich als Schuldentlastung zeigenden antisemitischen Ressentiment – dem Vergleich zwischen Israel und dem Nazismus. Deutscher Antisemitismus im Jahre 2018 ist also der Versuch, sich historisch durch Schuldzuweisung an Israel (die Juden) zu entlasten. Das Muster ist altbekannt. Aber ebenso Brumliks Taktik: Indem er den Deutschen nachsagt, sich durch den unzulässigen Vergleich selbst rehabilitieren zu wollen, verweist er (zu Recht) darauf, dass Israels Umgang mit den Palästinensern nicht vergleichbar ist mit dem der Nazis mit den Juden – und schlägt damit gleich zwei Fliegen mit einer Klappe: Deutsche sind weiterhin Antisemiten und ­Israel (indirekt) entlastet; der Nazismus wird zum Maßstab erhoben – und was kann sich schon mit dem Grauen der nazistischen Barbarei messen?

Das ist das ganze Elend des gegenwärtigen deutsch-jüdisch-befindlichen Umgangs mit dem Antisemitismus – und mit Israel. Man braucht den deutschen Antisemitismus (vorzüglich den linken deutschen Antisemitismus), um Israels verbrecherische Praxis im Umgang mit den Palästinensern nicht nur zu relativieren, sondern nachgerade zu entlasten; sie ist ja immerhin nicht nazistisch. Das Gewissen wird reingewaschen, und diese Reinwaschung ist eine Frage der Buchhaltung: Man habe dort 200 Menschen massakriert, sagen diese. Nicht wahr, nur 180 Menschen seien umgekommen, sagen jene. Und sobald sich herausstellt, dass tatsächlich »nur« 180 Menschen massakriert wurden, wendet sich die Debatte augenblicks und mutiert zum Haupt­pro­blem der von den Anklägern vermeintlich betriebenen »Verzerrung« und »Übertreibung«. (…) Wahrhaft pervers wird es, wenn die Klärung der Fakten zur ideologischen Basis der »Wahrheits«-Findung verkommt. Die ehrliche Frage, was für eine (historische) Wirklichkeit es sei, in der Menschen massakriert werden, wird aus dem Diskursfeld entfernt, und das reingewaschene Gewissen liefert dafür die freudige Absegnung: Vermag doch die Erwähnung von zwanzig nicht massakrierten Menschen die Glaubwürdigkeit – und moralische Ausrichtung – jener zu erschüttern, die sich bei dem schieren Gedanken, dass ein Massaker stattgefunden hat, entsetzen. Auch das ist eine Qualität gewordene Quantität.

Aber was ist schon der im Verbalen bleibende Vergleich mit der Nazibarbarei, gemessen an der realen, physisch verübten Barbarei Israels an den Palästinensern? Hat sich Brumlik jemals mit der menschenverachtenden, unsägliches Leid generierenden, friedensfeindlichen Besatzungsrealität in den palästinensischen Gebieten nichtapologetisch auseinandergesetzt? Hat er jemals das, was man im Namen »der Juden« an den Palästinensern verbricht, als vorgeblich jüdischer Humanist rigoros verurteilt, gar realiter bekämpfen wollen? (…) Sollte es Micha Brumlik wie den meisten Juden in Deutschland gehen, die, sobald Israelkritik von deutscher Seite kommt, automatisch zu »antisemitisch« verfolgten »Juden« mutieren, auch dann noch – oder gerade dann –, wenn das Mörderische an Israels Politik und Militärpraxis offenbar wird, nicht mehr zu ignorieren ist? Was ist es, das den Intellektuellen Micha Brumlik sich lieber im Problem des »linken Antisemitismus« suhlen und über unzulängliche deutsche Befindlichkeiten echauffieren lässt, statt sich mit den realen Verbrechen Israels kritisch auseinanderzusetzen? Die Tatsache, dass er als deutscher Bürger in Deutschland lebt? Dass er entsprechend keine »Verantwortung« für Israel zu tragen hat? Sollte dem so sein, muss dennoch die Frage gestattet sein: Was kümmert es ihn dann, dass Deutsche Israel mit dem Nazismus vergleichen? Israels Ansehen dürfte ihm doch egal sein. Er aber erhebt Israels Ansehen zum Kriterium seiner Diagnose, in Deutschland wese noch immer ein zwar gewandelter, aber dennoch als solcher erkennbarer Judenhass, und dies als Kulminationspunkt der erörterten (von Brumlik »schnell beantworteten«) Frage, ob die europäische Linke antisemitisch gewesen sei.

Wehret den Anfängen?

Zu klären gilt es gleichwohl noch eine andere (freilich nicht nur an Micha Brumlik gestellte) Frage: Was genau lässt den letztlich überschaubaren Antisemitismus in Deutschland als derart bedrohlich erscheinen, dass ihm eine solche Aufmerksamkeit, eine solche die hohe Politik, Medien, Judenvertretungen und sonstige »Bedrohte« umfassende Reaktionsemphase zuteil wird? Da für gewöhnlich die Rede nicht von physischem Schaden oder gar Lebensgefahr ist, vielmehr geht es um Verbalinjurien, ressentimentgeladene Ideologien und andere Unappetitlichkeiten in der Sphäre der symbolischen Ordnung, stellt sich die Frage, warum Hysterie beziehungsweise orchestrierte Panik ausbricht, sobald von einem antisemitischen Ausfall moderaten Ausmaßes berichtet wird? Warum zeitigen andere Formen des Rassismus, der Fremdenfeindlichkeit und der alltäglichen Durchbrechung zivilgesellschaftlicher Normen und Konventionen keine vergleichbaren Reaktionen? Die Frage richtet sich auch an die Juden selbst: Ist es wirklich ein Weltuntergang, wenn man im heutigen Deutschland antisemitischen Vorfällen ausgesetzt ist? Im Gegensatz zum historischen Antisemitismus, zum nazistischen allemal, sind heutige Ausfälle für Juden nicht existenzbedrohend, man wird gesellschaftlich nicht durch Antisemitismus geächtet, ist keiner eklatanten Diskriminierung, auch keinerlei performativen Verfolgung ausgesetzt, man sieht sich nicht genötigt, ins Exil zu gehen, schon gar nicht ist man in seinem Leben bedroht. Heutige deutsche Antisemiten vergreifen sich nicht an Juden. Auch die psychischen Blessuren, die der Antisemitismus bei Betroffenen hinterlassen mag, überschreiten nicht das Ausmaß dessen, was andere Minoritäten in Deutschland zu erleiden haben. Im Gegenteil – bei antisemitischen Vorkommnissen, die auffällig geworden sind, organisieren sich sogleich bundesweite Kippakampagnen, werden Echo-Preise entrüstet zurückgegeben, weil ein Rapper eine (zuvor kulturindustriell preislich geehrte) Idiotie von sich gegeben hat, werden Karikaturisten wegen ihrer »antisemitischen« Zeichnungen entlassen und so weiter und so fort.

Die (wenig glaubwürdige) Antwort darauf könnte lauten: Wehret den Anfängen. Sie impliziert allerdings die Vorstellung, dass sich das, was sich zur Zeit als anekdotenhafte Lappalie ausnimmt, zur massiven Judenverfolgung aufblähen könnte, in welchem Fall man die Juden dazu anhalten müsste, Deutschland schnellstmöglich zu verlassen, und die selbsterklärten Judenfreunde dazu drängen, ihnen dabei behilflich zu sein. In den letzten Jahren will es indes eher scheinen, als etabliere sich Deutschland zu einem vor allem von israelischen Juden bevorzugten Einwanderungsland. So weit kann es mit der realen antisemitischen Bedrohung für in Deutschland lebende Juden also nicht her sein. Und da sich ja mittlerweile die »Alternative für Deutschland« als »eine der wenigen politischen Garanten jüdischen Lebens« in Deutschland« sieht, eine Feststellung, die auch seitens der »israelischen Geheimdienstlegende« Rafi Eitan (zeitweilige) Unterstützung fand, muss man sich fragen, ob nicht eine neue Ära für Juden in Deutschland angebrochen ist.

Wenn sich schon Rechtspopulisten selbst als Judenbeschützer darstellen, hat sich offenbar etwas an den Grundkoordinaten traditioneller jüdischer Angst vor Antisemitismus verschoben. Das verwundert nicht, wenn man bedenkt, dass es Pastor Robert Jeffress war, ein theologisch-antisemitischer Evangelikaler, der von Donald Trump erkoren wurde, bei der Einweihung der amerikanischen Botschaft in Jerusalem im Beisein der politischen und religiösen Elite Israels mit geschlossenen Augen den Himmel anzurufen. Berührungsangst mit Faschisten und Antisemiten kennen Netanjahus Familie und sein politisches Umfeld ohnehin nicht. Das ergibt sich »wie von selbst« aus der politischen Interessenkonstellation. Nicht auszuschließen, dass sich parallel dazu auch unter Deutschlands Juden ein Wandel vollzogen hat, demzufolge der Feind des Feindes als Freund zu gelten hat. Und wenn ausgepichte evangelikale Antisemiten, Trumps Unterstützer und schon seit Jahren Netanjahus Verbündete in den USA, als Israel- und Zionismusfreunde begrüßenswert erscheinen, ist nicht auszuschließen, dass in Zeiten, in denen, wie von der ehemaligen AfD-Chefin Frauke Petry behauptet, die AfD »einer der wenigen politischen Garanten jüdischen Lebens auch in Zeiten illegaler antisemitischer Migration nach Deutschland« sei, sich auch ein ehemals undenkbarer Wandel im Verhältnis der in Deutschland lebenden Juden zur rechtsradikalen Szene vollzogen hat. Denn »illegale antisemitische Migration« meint ja nichts anderes als die massive Migration nach Deutschland aus islamischen Ländern. Und da Islamophobie mittlerweile im Zuge der (vielerorts als solche apostrophierten) Flüchtlingsproblematik fröhliche Urständ feiert im Vergleich zum weitgehend tabuisierten Antisemitismus, liegt es gleichsam im »objektiven« Interesse der islamfeindlichen Teile der jüdischen Bevölkerung, in der AfD einen legitimen Bündnispartner zu erblicken. Die Verbandelung von Neonazis, Antisemiten und Juden – nicht nur in Israel, sondern womöglich auch in Deutschland –, das wäre eine gut recherchierte empirische Untersuchung wert!

Aber deutsche Antisemitenjäger und Israelfreunde haben andere Sorgen. Nicht etwa der Antisemitismus als ein traditioneller Erbteil rechter und rechtsextremer Ideologien, nicht der Faschismus und seine Ausformung als Nazismus in Deutschland, der die unsägliche Katastrophe über die Juden Europas gebracht hat, sind Ziel ihrer ideologischen Agitation, sondern der »linke Antisemitismus«. Den gilt es zu brandmarken. Konnten sich Deutschlands Revisionisten, Neonazis und Faschisten je einen schöneren Schlussstrich wünschen?

Moshe Zuckermann: Der allgegenwärtige Antisemit oder Die Angst der Deutschen vor der Vergangenheit. Mit einem Beitrag von Susann Witt-Stahl. Westend-Verlag, Frankfurt am Main 2018, 256 S., brosch., 20 Euro (auch im jW-Shop erhältlich)

Veranstaltungshinweis: Berliner Buchpremiere mit Moshe Zuckermann am Donnerstag, den 18.10.2018, in der Urania in Zusammenarbeit mit junge Welt. Moderation: Stefan Huth, Beginn 17.30 Uhr, An der Urania 17, 10787 Berlin (U-Bhf. Wittenbergplatz). Weitere Lesungen mit dem Autor u. a. in Frankfurt (16.10.) und in Kassel (17.10.) sind in Vorbereitung – Informationen ­dazu unter www.westendverlag.de

https://www.jungewelt.de/artikel/339098.ideologiekritik-zwischen-ressentiment-und-lüge.html