03.09.2018 / Ansichten / Seite 8

Wem nutzt es?

Mord an Sachartschenko

Reinhard Lauterbach

Es liegt auf der Hand, dass bei dem Anschlag auf den Donezker Republikchef Alexander Sachartschenko Verrat im Spiel war. Die Mörder wussten, dass er am Abend mit seiner Begleitung in eine bestimmte Kneipe gehen würde. Diese gehört dem Chef seiner Leibwache, und ohne Zustimmung des Personals wäre es nicht möglich gewesen, die Bombe im Innern zu plazieren. Es gibt Anlass, sich zu wundern, dass schon anderthalb Stunden nach dem Anschlag die mutmaßlichen Täter bei einer Straßenkontrolle verhaftet worden sein sollen; sollte die Tat so dilettantisch, ohne Rückzugs- und Abtauchoption, geplant worden sein? Merkwürdig auch, dass die Donezker Behörden nach wie vor nicht mitteilen, wie viele Verdächtige festgesetzt wurden, während diese Leute angeblich, kaum festgenommen, schon umfangreiche Aussagen machen. Auf welche Weise die wohl gewonnen wurden?

Dass jemand in Sachartschenkos Umgebung für die andere Seite arbeitete, erklärt aber noch nicht, welche das war. Der ukrainische Geheimdienst erklärte, das Attentat sei eine Abrechnung unter Banditen gewesen. Warum aber dann neben Sachartschenko auch seinen Finanzminister Alexander Timofejew umbringen, den Mann, der nach Angaben aus Kiew Sachartschenkos mutmaßliches Geschäftsimperium gemanagt haben soll? Wäre es für einen eventuellen geschäftlichen Konkurrenten nicht viel klüger gewesen, diesen Mann umzudrehen und zu erpressen, um sein Wissen für sich zu nutzen?

Eine zweite Kiewer Hypothese besagt, Moskau könne hinter dem Mord stecken: Sachartschenko habe dem Interesse Russlands im Weg gestanden, sich mit dem Westen irgendwie zu einigen. Gegen diese These sprechen zwei Argumente: erstens, dass Russland, wenn es Sachar­tschenko hätte entmachten wollen, »eleganter« hätte vorgehen können, wie es im Falle der Entmachtung des Lugansker Republikchefs Igor Plotnizkij geschehen ist. Genau wegen der vollständigen Abhängigkeit der Republiken von Russland bräuchte Moskau, um jemanden loszuwerden, keinen Anschlag, der neben dem Ziel zwölf weitere Menschen tötet oder verletzt. Russlands offizielle Reaktion war schärfer als je: Wladimir Putin sprach von einem »gemeinen Mord« und fuhr fort, niemand werde »das Volk des Donbass in die Knie zwingen«. Später erklärte Putins Sprecher, es bleibe zu klären, wer die Tat verübt habe. So hält man sich diplomatisch Optionen offen.

Trotzdem: Im Wege der Ausschlussdiagnose bleibt die Kriegsfraktion in Kiew als wahrscheinlichster Auftraggeber des Anschlags übrig. Sie hat bereits in der Vergangenheit Attentate im Donbass organisiert und sich zu ihnen bekannt, zum Beispiel auf Feldkommandanten wie »Giwi« und »Motorola«. Vor allem: Nichts fürchtet Kiew mehr, als dass Moskau sich mit dem Westen einigt, zur Not unter Opferung der beiden Volksrepubliken des Donbass. Denn dann würde das Geschäftsmodell des Kiewer Regimes zusammenbrechen, sich unter Verweis auf die »russische Gefahr« für unentbehrlich zu erklären.

https://www.jungewelt.de/artikel/339081.wem-nutzt-es.html