01.09.2018 / Wochenendbeilage / Seite 6 (Beilage)

Die schwarze Königin

Kai Köhler

I

»Mbaseka, Königin der Nogi, ist heute beinahe vergessen«, nein, das klingt nicht. »Mbaseka, Königin der Nogi, ist eine jener geheimnisvollen Gestalten, wie sie zuweilen aus dem Dunkel der Geschichte ins Licht unserer Gegenwart treten.« Nämlich, weil er sie aufgespürt hat. »Ihre Herkunft ist unbekannt, jedenfalls gehörte sie keiner der traditionell herrschenden Familien an.« Darum taugt sie ja auch, aber mehr noch: »Es ist ein Rätsel, wie sie als Frau über mehr als drei Jahrzehnte die Stämme am Oberlauf des Komango regieren und jeden Angriff, sei es der Portugiesen oder der Briten, zurückweisen konnte«. Vielleicht hätten Ethnologen die Antwort, aber das wäre trivial. »Was immer uns heute bewegt, ob es die Frage nach den Geschlechtern und ihren Rollen ist, die Suche nach dem ursprünglich anderen gegen die europäische Durchherrschung der Welt oder auch die Aufgabe, ein gerechtes Gemeinwesen zu gründen: Das außergewöhnliche Leben Mbasekas zeigt, dass es eine Alternative zu unserer Moderne gegeben hätte.«

Hätte, hätte – Fahrradkette. Wie ungeschickt! Wen interessieren Möglichkeiten von vor dreihundert Jahren? Besser: »… zeigt, wie wir die Begrenzungen unserer nur scheinbar alternativlosen Welt überwinden können.«

Wunderbar, aber das war der einfachste Teil. Es war ja ein Glücksfall, auf diese Mbaseka zu stoßen. Eine halbe Fußnote, wenig an Zusammenhang, genügte ihm schon. Auf sein Talent war eben Verlass. Eine schwarze Frau, die regiert; trotz der Männer, gegen die Kolonialisten: Das war ein Thema, das sein Verlag kaum ablehnen konnte. Tatsächlich gab es einen Vorschuss, von dem er nicht nur die Januarmiete nachzahlen, sondern sogar etwas zurücklegen konnte, was, Sparsamkeit vorausgesetzt, bis in den April reichen mochte. Nur hat zwar fast jedes Buch ein Vorwort, doch ist ein Vorwort noch kein Buch. Er weiß schon, was er gegen die europäische Vorstellung von Geschichte schreiben wird. Die Idee vom Fortschritt geht gar nicht mehr, und die Ereignisse in Schrift zu fassen, ist Entfremdung. Die Vergangenheit zu singen, zu tanzen, ja: sie zu trommeln, das geht ins Blut!

Und bringt ihm mindestens zwei Seiten ein über Erinnerungskulturen. Aber weiß man, was die damals getrommelt haben? Es gibt Reisestipendien für Schriftsteller, mit etwas Glück könnte er am Komango forschen. Aber der Antrag würde dauern, bis in den Juni. Außerdem kriechen dort Schlangen und Skorpione, die Krokodile verschweigt das Internet bestimmt. Wahrscheinlich sind die Trommler sowieso alle tot, der Kolonialismus hat ja entsetzlich gewütet. Doch fällt ihm ein Name ein, der könnte helfen.

II

Wer sich mit der afrikanischen Geschichte jener Zeit nur ein wenig befasst hat, kennt Curt Wollaugh, den Sklavenhändler. Wollaugh begann seine Karriere, als er, unter dem Beifall der englischen Krone, mit ein paar Spießgesellen während des Spanischen Erbfolgekrieges ein französisches Linienschiff stahl. Dieses nutzte er für seine erste Menschenfuhre in die Karibik. Der Wind war günstig, die Sonne mild: So erreichte beinahe die Hälfte der Gefangenen den Markt in verkaufsgeeignetem Zustand. Wollaugh strich einen hübschen Gewinn ein, den er zur Erweiterung seines Geschäfts nutzte. Auf Sklavenjagd wagte er sich weit ins Landesinnere, wo anfangs die Bewohner sich noch recht arglos durch ihre Steppen bewegten. Bald aber gab es auch dort Widerstand, den er entschlossen brach. Mit Wollaughs Namen ist nicht nur das Massaker an der Sopah-Quelle verbunden, sondern auch die Morde vom Nmani-Wald, das Gemetzel in den Tuga-Bergen und die Todeswoche von Sitah, um nur einige der wichtigeren Begebenheiten zu nennen.

Aber nicht dieser Teil seiner Aktivitäten bereitete seinem blühenden Handel schließlich ein Ende, sondern dass er, zur Missbilligung der englischen Krone, seine Beutezüge in Interessengebiete von Kolonialmächten ausdehnte, mit denen man ein, zumindest auf kürzere Frist, verbessertes Verhältnis anstrebte. Noch nicht sehr alt, zog sich also Wollaugh von seinen Abenteuern zurück und entdeckte sein Talent als Schriftsteller. Der Erfolg seiner Romane wurde nur durch den seiner Lebenserinnerungen übertroffen, in denen er mit bewegenden Worten beschrieb, wie er allein unter Wilden die Fackel des Christentums und des freien Handels geschwungen hatte. Konnte nicht er Mbaseka getroffen haben?

Tatsächlich ist in der Landesbibliothek eine Übersetzung vorhanden. Ein wirklich schönes Buch, gut hundert Jahre alt; ein Jammer, fällt ihm da ein, dass seine eigenen Schriften noch nie übers Paperback hinausgekommen sind. Und mit welch feinem Strich die Illustrationen erfreuen! Liebevoll gezeichnete Auspeitschungen, die gewiss so manchen wilhelminischen Jungen sehnsuchtsvoll von seiner kolonialen Zukunft haben träumen lassen. Und vor allem das Kapitel: »Bei den Nogi«, mehr als vierzig Seiten!

III

Wollaugh konnte also auch anders. »Sonderlich von allen anderen hob sich die Hofhaltung des Weibes Mbaseka ab. Nichts war hier von dem munteren Gewusel, das uns wohl in dem einen oder anderen Kral zuvor belustigt hatte. Die Mittel waren sichtbar kärglicher als in den reich bewachsenen Landstrichen des Südens, doch mit viel Sinn für die Zwecke angewandt. Die Musiker zwar lärmten auch hier nach Art des Wilden. Indessen auf einen Wink ihrer Herrscherin packten sie ihre Gerätschaft zusammen und verschwanden. Kunst bei den Nogi hat wohl den Rang, wie er ihr in unseren Breiten heutzutage im deutschen Brandenburg zukommt.«

Hat er also die Preußin Afrikas entdeckt? Das wäre misslich; Mbaseki soll doch für das Befreite stehen, ein weibliches Königtum vor aller Herrschaft. Immerhin schien sie die Fähigkeit zur Organisation besessen zu haben. Zur Not lässt sich auch daraus etwas machen, Wollaugh betont dies jedenfalls: »Die Verhandlungen erwiesen sich als langwierig wie nie zuvor.« Denn von einem Sklavenhändler, dem Feind ihres Volkes!, ließ sich eine Mbaseki nicht unterkriegen. »Hatte ich gerade hier auf fraulichen Sinn fürs Schmückende gerechnet und die schillerndsten Glasperlen für diesen vorgeschobensten Punkt unserer Einkaufstour aufbewahrt, sah ich mich schmählich im Irrtum.« So dumm ist die Frau nämlich nicht! »Sie beharrte darauf, die Flinten zu erwerben, die wir den unglücklichen Portugiesern abgenommen, und prüfte mit Kennerschaft jede einzelne der Waffen.« Also leider doch: Gewalt. Er sieht es ein, Mbaseka in schwierigen Zeiten, Männer ringsum, vor ihr ein Sklavenjäger, es ging nicht anders. Die Tragik des Guten in bösen Zeiten, wäre das nicht eine Idee für das Buch? »Endlich willigte ich ein« – der Menschenschinder muss also klein beigeben – »und sie händigte mir die Gefangenen ihres letzten Kriegszuges aus, prachtvoll muskulöse Kerle, die auf Jamaica kaum mit Gold aufzuwiegen waren.«

Sogar seine Königin also eine gewissenlose Geschäftsfrau, käuflich wie alle. Sobald die Bezahlung stimmt, tut sie alles. Es ist widerlich, das Buch wird er nicht schreiben können. Wenn nur der Vorschuss nicht schon halb verbraucht wäre! Dass er mit einer Begründung wie beim vorletzten, einer Ausrede wie beim letzten Mal nicht mehr durchkommen wird, ist ihm klar. Sein Vermieter ist ohnehin ein harter Bursche. Also muss er das Buch schreiben.

IV

»Mbaseka, Königin der Nogi, ist eine jener Gestalten, die von der Lichtseite der Geschichte jäh ins Dunkle des Tragischen fallen.« Er weiß zwar, was schmierig ist und hat so manchen Euro damit verdient; immerhin weiß er aber auch, was zu schmierig ist. »Mbaseka, usw., tritt uns als Verkörperung des Widersprüchlichen entgegen.« Der Dialektik vielleicht? Marx kann man ja heutzutage wieder ans Publikum bringen. Aber besser nicht zu viel gewagt, »des Widersprüchlichen«, also: »als Frau in einer Männerwelt, um des Friedens willen eine Kämpferin«. So geht es. »Keine Tradition begründete ihre Regierung, doch regierte sie, um die Tradition vor dem Einbrechen der europäischen Eroberer zu bewahren.« Weiß man’s? Zum Glück ist keine Zeile von ihr überliefert, die Sache mit den Sängern und Trommlern als Übermittler der Geschichte hat auch ihre Vorteile, zumal wenn der Kolonialismus … Diesen Gedanken verbietet er sich. Aber es stimmt doch!

»Ihre Herrschaft war anders als die der Könige zuvor.« Hat er wirklich »Herrschaft« geschrieben? »Ihre Maßregeln …« – nein. Weder Maß noch Regeln will er haben. Er will doch das ganz andere, und – verfluchte Wirklichkeit! – landet doch wieder beim Preußischen. Da wäre er eines Sinnes mit dem Sklavenhändler Wollaugh. Aber es darf keine Ordnung sein, sondern er will seine Leser gewinnen, und das geht mittels Leid. Also noch mal: »… um die Tradition vor dem Einbrechen der europäischen Eroberer zu bewahren. Sie sehnte sich danach, mit ihrem Volk zu verschmelzen, doch die Umstände zwangen«, ach! »sie zu Entscheidungen, die niemanden mehr schmerzten als sie selbst.«

Na ja, außer die verkauften Gefangenen vielleicht. Aber das gehört wirklich nicht hierher. Vielmehr ist er ganz im Schwunge: »Ihre Größe besteht darin, in den Konflikten ihrer Zeit standgehalten zu haben.« Gelobt sei Wollaugh, nun erst wird die Königin lebendig. »Sie wollte für ihr Volk die Freiheit und musste dafür, in der kargen Steppe, Sparsamkeit durchsetzen.« Vertieft man sich nur ein wenig in die Sache, dann schreibt sich so ein Buch beinahe von allein. »Ein Blick auf die Landschaft, die sie prägte und der sie ein Leben lang verbunden blieb, genügt, um sie zu verstehen.« Genau, und dafür muss man nicht eigens in die Bissweite der Krokodile reisen. »Das Lokale und das Globale: Von der Glokalisierung spricht man heute, doch für Mbaseka war dies schon vor dreihundert Jahren lebendige Praxis.« Denn sie wusste zu verhandeln. »Um ihr Volk zu verteidigen, zog sie Informationen ein über die Kriege, die ihre Feinde untereinander führten«, schlau! Welche Ahnung mag sie gehabt haben von Lissabon, von London? Weil man darüber nichts weiß, lassen sich dazu leicht zehn Seiten phantasieren, dazu später, aber mehr noch: »Ihr Wissen führte zur Praxis.« Das ist gut! Er kann es eben, zwei so tolle Wörter in einem knappen Satz. »Sie erkannte das Notwendige und befestigte ihre Macht, indem sie ihren Gewinn aus dem transatlantischen Handel …«

Wie ekelhaft. Was rechtfertigt er da? Die feindliche Macht geht nur abzuwehren, indem man ihre Regeln lernt? Menschenkauf und Politik? Er wollte Geld verdienen durch das ganz andere, durch die Befreiung von Zwängen überhaupt. Und wer liest schon bei Wollaugh nach, jedenfalls bevor die erste Auflage verkauft ist? Also: »Mbaseka, Königin der Nogi, ist als Frau und Afrikanerin die Gestalt des Fremden, des Jenseits der europäischen Vernunft.«

Kai Köhler, geboren 1964, lebt als Autor in Berlin. Der Text erschien zuerst in der Nr. 75 der Literaturzeitschrift Am Erker mit dem Schwerpunkt »Gestalten und Profile«.

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