01.09.2018 / Thema / Seite 12

»Ausgemerzte Gegenstände«

Am 1. September 1938 begann im Schloss Berlin-Niederschönhausen der Verkauf der »entarteten Kunst« – eine zentrale Rolle dabei spielte der evangelische Kunstdienst

Horsta Krum

Kriegsvorbereitung braucht Geld. Vor allem Devisen. Im Frühjahr 1938 macht Hermann Göring, Reichsminister und Oberbefehlshaber der deutschen Luftwaffe, einen Vorschlag. Ein Jahr zuvor haben die Nazis »entartete Kunst« aus Museen und öffentlichen Ausstellungen entfernt – »ausgemerzt«, wie es im Erlass von Göring hieß. Werke von Künstlern, die Hitler als »Kunststotterer« bezeichnete und denen er einen »unerbittlichen Säuberungskrieg« angesagt hatte.1

Die könnten, das ist Görings Idee, gegen Devisen ins Ausland verkauft werden. Hitler ist einverstanden. Der Dritte im Bunde ist Joseph Goebbels. In seiner Eigenschaft als Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda fällt ihm die Aufgabe zu, den Vorschlag in die Tat umzusetzen. Bereits 1933, als unliebsame Literatur öffentlich verbrannt wurde, hatte er seinen Eifer als Kulturzerstörer unter Beweis gestellt.

Alfred Rosenberg, der sich mit seinem Buch »Der Mythus des 20. Jahrhunderts« als Förderer der »neuen Kultur« fühlt, sähe es gern, wenn auch die unliebsamen Werke bildender Kunst öffentlich verbrannt würden. Aber weder Hitler noch Göring oder Goebbels wollen das öffentliche Schauspiel von 1933 wiederholen.

Goebbels stellt sich den Plänen Rosenbergs noch aus einem anderen Grund entgegen, aber den darf er nicht öffentlich äußern: Er liebt diese Kunstwerke, besonders die Skulpturen von Ernst Barlach und die Gemälde von Emil Nolde, auch die des norwegischen Malers Edvard Munch. So ist er einerseits unzufrieden, dass die in Ungnade gefallenen Kunstgegenstände ins Ausland verkauft werden sollen. Andererseits hat sich Rosenberg mit seinen zerstörerischen Plänen nicht durchsetzen können. Und da Goebbels den Verkauf als Hauptverantwortlicher leiten soll, kann er sich vielleicht doch noch manche Freiheiten erlauben. Zunächst entscheidet er, wer diesen Verkauf tätigen soll.

Einvernehmen mit Goebbels

Seit ihrer Gründung durch die Reformatoren ist die evangelische Kirche – im Gegensatz zum Katholizismus – eher eine Kirche des Wortes als des Bildes. Dem wollten einige evangelische Christen in Deutschland entgegenwirken, als sie 1928 den »Kunstdienst der evangelischen Kirche« schufen, um Werke zu fördern, die »echte religiöse Werte« vermitteln und »sinnbildlicher Ausdruck des Glaubens« sind.2 Goebbels hat nicht vergessen, dass der evangelische Kunstdienst ihm im Frühjahr 1933 aus einer Verlegenheit geholfen hatte, als die Weltausstellung neuerer religiöser Kunst in Chicago um einen deutschen Beitrag bat. Da sprang der Kunstdienst ein und stellte binnen kurzer Zeit evangelische Gebrauchskunst und auch aussagekräftige Werke von Nolde, Barlach usw. zusammen – obwohl Rosenberg und seine »neuheidnische« Bewegung diese Kunstwerke bereits verleumdet hatten.

Unter Federführung des evangelischen Kunstdienstes lässt Goebbels 1934 das »Reichsamt für kirchliche Kunst in der Deutschen Evangelischen Kirche« einrichten, eine Behörde öffentlichen Rechts. Rosenberg, der in Christentum, Judentum und Kommunismus die schlimmsten Feinde des »Dritten Reiches« erblickt, ist entsetzt. Er setzt sich später insofern durch, als die kirchliche Kunst nach drei Jahren aus der staatlichen Behörde ausgegliedert wird. Aber das gute Einvernehmen mit Goebbels beeinträchtigt das nicht. Auch die Räume im Schloss Berlin-Niederschönhausen, die der Kunstdienst seit 1934 für Ausstellungen und Konzerte benutzen darf, stehen ihm weiterhin zur Verfügung.

Als Rahmenprogramm für die Olympischen Spiele in Berlin präsentiert der Kunstdienst 1936 »neue evangelische Kirchenkunst«, eine Ausstellung, die im Anschluss auch in anderen deutschen Städten gezeigt wird. Im Auftrag der »Dienststelle Ribbentrop im Auswärtigen Amt« und der »Deutsch-französischen Gesellschaft« stellt der Kunstdienst für Lyon und andere französische Städte im Frühjahr 1937 die Ausstellung »Deutsches Kunsthandwerk« zusammen. Sie wird in deutschen Zeitungen als Ausdruck der deutsch-französischen Verbundenheit gefeiert. Als dann im Sommer 1937 die Weltausstellung in Paris stattfindet, ist auch der evangelische Kunstdienst mit dabei.

Es ist also nicht verwunderlich, dass Goebbels den Kunstdienst mit dem Verkauf der »entarteten Kunst« betraut. Zunächst lagern diese Kunstwerke noch im Depot in der Köpenicker Straße in Berlin, so, wie sie 1937 konfisziert worden waren: Plastiken, Gemälde, Aquarelle, Grafiken, auch Postkarten. Mitarbeiter des Propagandaministeriums erstellen eine Liste, die jedes Kunstwerk samt vorläufigem Verkaufspreis in US-Dollar aufführt. Von dieser Liste sind nur wenige Blätter erhalten.

Nachdem sich Hitler, Göring und Goebbels geeinigt hatten und selbstverständlich auch der Leiter des Kunstdienstes, Gotthold Schneider, einverstanden ist, werden die Räume im Schloss Niederschönhausen hergerichtet. Die »Kommission zur Verwertung der Produkte entarteter Kunst« des Propagandaministeriums bestimmt die ersten Werke, die zum Verkauf stehen sollen. Vier ausgesuchte Kunsthändler dürfen kaufen und sind angewiesen, den Preis in Devisen bei der Reichshauptkasse einzuzahlen: Karl Buchholz, Ferdinand Möller, Bernhard A. Böhmer und Hildebrand Gurlitt.

Die Umzugsfirma Knauer transportiert zunächst 175 Ölgemälde nach Niederschönhausen, andere Kunstwerke folgen schnell. Am 1. September 1938 beginnt der Verkauf.

»Ein ganz raffinierter Politiker«

Als sich der evangelische Kunstdienst 1930/31 konstituiert, wird Gotthold Schneider sein Vorsitzender. Unverheiratet und ohne familiäre Bindung, widmet er dem Verein Zeit und Energie. Der deutsche Beitrag für die erwähnte Chicagoer Ausstellung, schnell und mit guten Kunstwerken zusammengestellt, ist weitgehend sein Verdienst. Schneider ist nicht nur ein ausgezeichneter Organisator, er ist auch ein Kommunikationstalent. Er kümmert sich freundschaftlich und fürsorglich um seine Mitarbeiter, knüpft Kontakte mit Menschen, die dem Kunstdienst nützen könnten. Auch unterhält er gute Beziehungen zu SS-Angehörigen. Gertrud Werneburg, Kunstdienst-Mitarbeiterin ab 1938, wird später über ihn sagen, er habe es sich leisten können, nicht Mitglied in der NSDAP zu sein.3

1937 lernt Schneider in Lyon Otto Abetz kennen. Der SS-Mann hat 1934 die Deutsch-französische Gesellschaft im Auftrag von Hitler gegründet. Er ist der wichtigste Verbindungsmann nach Frankreich und wird Ende 1940 den Botschafterposten im besetzten Nachbarland einnehmen. Abetz und Schneider schließen Freundschaft. Sie wird bis zum Tode von Abetz 1958 halten.

Abetz ist Kunstkenner und -liebhaber. Seit Schneider Zugang zu den beschlagnahmten Werken hat, versorgt er großzügig seinen Freund. Überhaupt zeigt er sich freigebig gegenüber politischen Persönlichkeiten. Abetz beantwortet die Geschenke aus Berlin mit echtem französischem Kognak und lädt Schneider und die anderen Mitarbeiter des Kunstdienstes nach Paris ein.

Alfred Rosenberg will sich indes mit dem Erfolg des evangelischen Kunstdienstes nicht abfinden. Um belastendes Material gegen Schneider zu finden, schleust er einen von seinen Leuten ein. Werneburg erzählt über Schneiders Reaktion: »Er hat ihn unter den Tisch getrunken. Und da hat der gesagt, er wäre auf uns angesetzt. Und da konnten wir mit dem Mann machen, was wir wollten. Gotthold hatte den in den Händen.«

Aber einen Bericht hat der Mann vorher bereits abgeschickt. Ihm ist zu entnehmen, dass der evangelische Kunstdienst vor 1933 auch Werke von Juden ausgestellt habe und in einigen »Gauen« noch immer »entartete Kunst« zeige, beispielsweise von Paula Modersohn-Becker. Der schwerste Vorwurf betrifft die Bindung des Kunstdienstes an die evangelische Kirche. Schneiders wortgewandte Entgegnungen und Abetz’ gute Verbindungen sorgen letztlich dafür, dass der Bericht keine Folgen hat. Lediglich der Vereinsvorstand wird um zwei Personen erweitert: um Abetz selbst und um den SS-Mann Tino Schmidt, den Schneider anlässlich einer Ausstellung im Rheinland kennen- und schätzengelernt hat. »Wer mit Abetz befreundet war, dem konnte nichts passieren«, äußerte Gertrud Werneburg später im Gespräch.

Das Kriegsende und den Übergang in die Nachkriegszeit bereiten Abetz, Schneider und Schmidt gemeinsam vor. Schneider sichtet zunächst die Dokumente des Kunstdienstes und vernichtet zahlreiche Akten. Obwohl alle Fahrzeuge für den Krieg gebraucht werden, gelingt es ihm, Kunstwerke und Dokumente auf zwei Militärfahrzeugen in Richtung Südwesten abtransportieren zu lassen. Abetz kennt dort Kirchenleute, die ihm Verstecke zur Verfügung stellen.4 Dort können die drei »ihre« Kunstwerke und Kostbarkeiten in Sicherheit bringen.

Angekommen in Sigmaringen, heiratet Schneider in den letzten Kriegstagen die junge Aushilfskraft des Kunstdienstes, ein BDM-Mädchen namens Ingeborg. Das Ehepaar Schneider verbringt eine ruhige Zeit in einer ehemaligen Wehrmachtskaserne im Hochschwarzwald. Niemand behelligt den ehemaligen Vorsitzenden wegen seiner Vergangenheit, wohl aber kommen alte Freunde. Schneider hält sogar Kontakt zum verhafteten Abetz, der in Frankreich auf seinen Prozess wartet.

Still bereitet Schneider seine neue berufliche Karriere vor: Ende 1952 gründet er in Darmstadt das »Institut für neue technische Form«, ein Institut für Industriedesign, dessen Geschäftsführer er selbst ist. Vorstandsvorsitzender wird Prinz Ludwig von Hessen. Theodor Heuss, seit 1949 Inhaber des höchsten Staatsamtes der jungen Bundesrepublik, wird Schirmherr der ersten Ausstellung, die Schneider vorbereitet und durchführt. Denn die beiden kennen sich aus alten Tagen: Heuss war seit 1933 nebenamtlicher Mitarbeiter des evangelischen Kunstdienstes. Von der Industrie geschätzt und von den Medien wirksam in Szene gesetzt, entwickelt sich das Institut. Schneider ist an den Frankfurter Herbstmessen beteiligt und an der Vorbereitung der Brüsseler Weltausstellung von 1958. Als er 1975 stirbt, ist er hochgeehrt.

Die charmante Frau Werneburg

Reinhold Schneider entdeckt mit seinem untrüglichen Sinn für Personen und deren Nützlichkeit Gertrud Werneburg 1938 auf der Leipziger Frühjahrsmesse als Ausstellungsmacherin. Anfang Juni trifft er sie in Berlin wieder, wo sie eine Ausstellung von Reiseandenken präsentiert. Schneider schlägt ihr vor, für den Kunstdienst zu arbeiten. Für die Verkaufsausstellung der »entarteten Kunst« sucht er möglichst eine Dame, die Besucher freundlich empfängt, ihnen die Kunstwerke präsentiert, dabei Fachgespräche vermeidet, aber doch diskret und charmant auf den Kauf hinarbeitet. Werneburg entspricht genau seinen Vorstellungen. Weil sie aber an ihren jetzigen Auftrag gebunden ist, lehnt sie ab.

Schneider insistiert nicht, gibt aber auch nicht auf. Er lädt sie zum Konzert ins Schloss nach Niederschönhausen ein. Der erste Eindruck, den sie beim Betreten des Schlosses hat, gibt ihrem Leben eine Wende: »Ich kam da rein in das Schloss – es war ein solcher Traum für mich, dass ich das nie vergessen kann. Eine herrliche Rokokotreppe. Und da perlte die herrliche Bach-Musik herunter (…). Da dachte ich: Hier musst du her.«

Werneburg gehört der evangelischen Kirche an. Genau wie Schneider möchte sie in dem innerkirchlichen Konflikt zwischen den Anhängern der Nazibewegung und ihren Kontrahenten, der Bekennenden Kirche, keine Position beziehen. Überhaupt spielt das Attribut »evangelisch« beim Kunstdienst kaum noch eine Rolle, und in den Publikationen dieser Jahre taucht es auch kaum mehr auf.

Die Räume, über die der Kunstdienst verfügt, werden für die Verkaufsausstellung hergerichtet. Als erstes, so berichtet Werneburg, transportiert die Speditionsfirma Knauer 175 Ölgemälde vom Depot ins Schloss, gefolgt von mehr als 6.000 weiteren Kunstwerken, so dass am 1. September etwa 7.000 Werke zum Verkauf bereitstehen – darunter solche von Otto Dix, Paul Klee, Ernst Ludwig Kirchner, Max Liebermann, Franz Marc, Emil Nolde und Christian Rohlfs. Werneberg hat Schwierigkeiten, alle unterzubringen. Fotos zeigen, wie die Gemälde und Aquarelle dicht beieinander an der Wand hängen oder am Boden senkrecht gestapelt sind. In den Regalen liegen Mappen und rahmenlose Bilder. Skulpturen unter anderem von Ernst Barlach und Wilhelm Lehmbruck stehen dazwischen. Das Selbstporträt von Vincent van Gogh und »Zwei Harlekine« von Pablo Picasso sind als Blickfang auf eine Staffelei gestellt. Diese beiden und einige andere Werke hätten dort nicht stehen dürfen. Denn das »Gesetz«, mit dem die Nazis im Frühjahr 1938 versucht haben, die Konfiszierung der Kunstwerke nachträglich zu legalisieren, legt das Jahr 1910 als Zeitgrenze fest, so dass Werke, die vorher entstanden waren, unangetastet hätten bleiben müssen. Aber einige eifrige Helfer, die die Werke aus den Museen entfernt haben – manchmal gegen den Widerstand der dort Verantwortlichen – setzten sich über diese Einschränkung hinweg.

Werneburg führt die Besucher durch die Ausstellung. Das sind vor allem die vier zugelassenen Kunsthändler. Sie kaufen gegen Dollar und Schweizer Franken, selten gegen englische Pfund. Manchmal tauschen sie auch ein oder mehrere angebotene Werke gegen ältere. Alle Beteiligten, insbesondere Goebbels, Schneider und Werneburg wissen, dass Hitler für sein geplantes Museum in Linz Kunst aus älteren Epochen oder aus der Antike sammelt. So darf das österreichische Ehepaar Emanuel und Sophia Fohn sich 200 Kunstwerke für die gleiche Anzahl von Gemälden und Zeichnungen des 18. und 19. Jahrhunderts aussuchen. Im Gegensatz zu anderen Kunsthändlern betrachten sie das Erworbene nicht als ihr Eigentum, sondern schenken es 1964 der Bayerischen Nationalgalerie, beispielsweise Bilder von Oskar Kokoschka und Paul Klee.

Alle, die mit Gertrud Werneburg zu tun haben, sind mit ihrer Arbeit hochzufrieden. Sie ist eine loyale Mitarbeiterin, freundlich und charmant gegenüber den Besuchern, präzise im Schriftverkehr, eine zuverlässige Sekretärin. Gelegentlich aber eckt sie an, beispielsweise wenn Besucher kommen, die von Schneider eingeladen sind, Kunstwerke aussuchen und wie selbstverständlich nicht bezahlen wollen. An die Episode mit Hitlers Leibarzt, dem SS-Mann Karl Brandt, erinnert sie sich noch genau: Brandt, den sie nicht kannte, stürmt mit drei SS-Leuten in ihr Büro, wo das Dix-Gemälde »Kriegskrüppel« hängt. Dass Brandt das Bild von Dix offenbar gefällt, ist ihr egal. Aber dass er es »einfach klaut«, kann sie nicht akzeptieren. Nie habe er bezahlt. »Das wurmt mich heute noch«, sagte sie später als Neunzigjährige. Brandt eignet sich auch die »Windsbraut« von Kokoschka an, die der Baseler Museumsdirektor Georg Schmidt hat kaufen wollen.

Der Luzerner Kunsthändler Theodor Fischer kauft viel und zu hohen Preisen. Er äußert gegenüber Gertrud Werneburg: »In einigen Jahren wären Sie glücklich, wenn Sie solche Bilder hätten.« Worauf sie laut eigener Aussage erwidert: »Ich steh’ hier vom Propagandaministerium. Erzählen Sie mir doch so etwas gar nicht. Ist doch unsinnig. Ich kann nichts dazu sagen. Ich stelle Ihnen die Ausstellung zusammen. Aber kein Wort über irgend etwas.«

Eine besondere Begegnung hat Werneburg mit dem Ehepaar Nolde. Ada Nolde beschwört sie, die Werke ihres Mannes herauszugeben, aber Werneburg fertigt sie kühl ab. Trotzdem muss sie später den Noldes die neun Bilder des Zyklus »Leben Christi« zurückgeben. Weiter berichtet sie über die Begegnungen mit dem norwegischen Kunsthändler Harald Halvorsen. Goebbels hatte sie angewiesen, die Gemälde von Edvard Munch in einem separaten Raum zu lagern, unzugänglich für die Besucher. Halvorsen darf sie abholen. »Der wollte mich gleich mit kaufen«, erzählt sie später. Kaufen lässt sie sich nicht, wohl aber fotografieren mit dem größten Munch-Gemälde, »Leben«, das überhaupt das größte in Niederschönhausen ist.

Ein Aquarell für einen Franken

Der Mitarbeiter Franz Hoffmann, ein Anhänger Rosenbergs, beginnt Ende des Jahres zu drängeln: Die unverkäuflichen Werke mögen verbrannt werden. Zwei Mitglieder der Verwertungskommission stellen den Antrag, sie von ihrer Aufgabe zu entbinden, weil sie die Vernichtung nicht verantworten wollen. Auch Goebbels zögert und weist Mitarbeiter des Kunstdienstes an, weitere Werke für den Verkauf auszusortieren. Dass darüber Buch geführt wird, findet der eine von ihnen, Günter Ranft, unnötig. Werneburg fühlt sich nicht wohl damit, wie im Depot und im Schloss verschenkt, verramscht und verschleudert wird. Ein Schweizer Franken für ein Aquarell ist keine Seltenheit; weit mehr als tausend Druckgrafiken für 0,2 Schweizer Franken. Auch Gotthold Schneider erlaubt den Kunstdienst-Angehörigen, sich zu bedienen. Daraufhin sichert sich auch Werneburg »ihren Anteil«.

Der Kunsthändler Böhmer kauft große Teile der Restbestände auf und verschenkt sie weiter, u. a. an Kunstdienst-Angehörige. Es lässt sich nicht feststellen, wie viele der Devisen, die er bezahlte, ordentlich abgerechnet wurden und wie viele davon Schneider und andere für sich einsteckten.

Bis 1945 arbeitet Werneburg beim evangelischen Kunstdienst. In seinen eigentlichen Berliner Räumen am Matthäikirchplatz, Nähe Potsdamer Platz, hat sie ihr Büro nach dem Ende der Verkaufsaktion. Dort verabschieden sich im April 1945 Schneider und die junge Aushilfskraft, seine spätere Frau, von ihr. »Ich sehe die beiden noch in dem Lastwagen. Und dann sind sie getürmt, auf deutsch gesagt.«

Werneburg lebt nach 1945 freiberuflich von dem, was sie während ihrer Tätigkeit beim evangelischen Kunstdienst geschenkt bekam oder sich genommen hat. In einem der Gespräche mit Hans Prolingheuer sagt sie: »Wie Kirche haben wir uns nicht benommen.«

Die Liste

Auf Anordnung von Goebbels wurde 1941/42 eine Liste erstellt, die Auskunft gibt über die einzelnen Kunstwerke: den Künstler, den Titel, die Art der Herstellung (beispielsweise Ö für Ölgemälde, D für Druckgrafik), Stadt und Name des Museums, wo sie konfisziert wurden, den Namen des Käufers und den Preis oder T für Tausch, X für vernichtet. Das Original dieser Liste existiert nicht mehr, aber das Londoner Victoria and Albert Museum ist seit 1996 im Besitz einer Kopie, die es 2014 veröffentlichte. Diese Liste bestätigt die These von Prolingheuer, es habe keine Bilderverbrennungen gegeben, da zumindest ein Teil der als »vernichtet« gekennzeichneten Werke später wieder auftauchte. Ansonsten ist die Liste eine Fundgrube für Nachforschungen zu Herkunft und Verbleib einzelner Bilder, wobei die Angaben lediglich bis 1941/42 reichen.

Deutsche und ausländische Institute erforschen seit längerem, was in der Zeitspanne danach mit den Kunstwerken geschehen ist. Viele befinden sich in Privatbesitz, beispielsweise diejenigen in der Liebermann-Villa in Berlin-Wannsee, die zur Zeit Bilder ihres Namengebers und von Klee ausstellt. Wer mögen diese privaten Besitzer sein? Und welchen Weg haben die Bilder genommen, bevor die heutigen Besitzer sie erwarben?

Übrigens blieben die Deviseneinnahmen hinter den Erwartungen der Nazis zurück. Der Verkauf erzielte umgerechnet 516.397 Reichsmark. Trotzdem und ohne gefragt zu werden, haben Künstler mit ihren Werken den Krieg mit vorfinanzieren müssen.

Anmerkungen:

1 Rede Adolf Hitlers zur Eröffnung des Münchener »Hauses der Deutschen Kunst« im Juli 1937. Der Begriff »entartet« taucht am Ende des 19. Jahrhunderts in der Medizin auf und wird später für Kunstwerke übernommen. Beispielsweise gebraucht ihn 1929 Der Reichsbote, der 1873 als Deutsche Wochenzeitung für Christentum und Volkstum gegründet wurde.

2 Flugblatt anlässlich der Gründung des evangelischen Kunstdienstes, zitiert nach Hans Prolingheuer: Hitlers fromme Bilderstürmer, Berlin 2001, S. 35

3 Zwischen 1991 und 1993 führte Hans Prolingheuer Gespräche mit der über neunzigjährigen Gertrud Werneburg. Ich danke Hans Prolingheuer, dass er mir einen Mitschnitt dieser Gespräche zur Verfügung gestellt hat.

4 Wie die Nazis nach 1945 Hilfe von evangelischen und katholischen Kirchenleuten bekamen, hat Prolingheuer mehrfach dargestellt, beispielsweise am 9.10.1992 im Radiosender NDR 3: »Persilscheine und falsche Pässe«.

Horsta Krum schrieb an dieser Stelle zuletzt am 1. August 2018 über den Umbau der Berliner St.-Hedwigs-Kathedrale.

https://www.jungewelt.de/artikel/339028.raubkunst-ausgemerzte-gegenstände.html