24.08.2018 / Feminismus / Seite 15

Schreiben gegen Gewalt und Bigotterie

Am Sonntag würde die Schriftstellerin Angelika Mechtel 75 Jahre alt

Christiana Puschak

»Männliche Autoren scheinen gewichtiger; ihre Namen sind schneller parat. Wir haben die Tradition noch nicht überwunden, in der wir groß wurden.« Mit diesen Worten begann die Schriftstellerin Angelika Mechtel 1977 einen Aufsatz über Frauen im Literaturbetrieb. Untersuchungen belegten, dass es damals außer Ingeborg Bachmann, Christa Wolf und Ilse Aichinger keine zeitgenössischen Literatinnen gab, die öffentlich wahrgenommen wurden. Angelika Mechtel trug viel dazu bei, dass schreibende Frauen mehr ins Bewusstsein rückten. Sie selbst war in unterschiedlichsten Genres äußerst produktiv und engagierte sich zeitlebens für Menschen, die wegen ihres Schreibens politisch verfolgt wurden.

Geboren am 26. August 1943 in Dresden, wuchs Angelika Mechtel – nach der Flucht ihrer Eltern nach Kriegsende 1945 in den Westen – in Bad Godesberg auf. Als Tochter eines Journalisten und einer Schauspielerin war sie früh mit dem Medium Sprache vertraut. Ihrem Vater setzte sie mit dem Buch »Friß Vogel« ein literarisches Denkmal. Er war Auslandskorrespondent der ARD im Nahen Osten und wurde 1967 in Aden im Jemen ermordet.

Ein Jahr vor dem Abitur musste sie 1962 die Schule verlassen, weil sie schwanger war. Sie heiratete, brachte im selben Jahr ihre erste Tochter zur Welt, 1965 die zweite. Sie war als Zimmermädchen und Hilfsarbeiterin tätig, um die Familie zu ernähren. Bereits Ende der 1950er Jahre hatte sie Geschichten und vor allem Gedichte in Zeitungen veröffentlicht. 1963 folgte der erste Gedichtband »Gegen Eis und Flut«. Ihren ersten größeren Erfolg errang sie 1968 mit dem Erzählband »Die feinen Totengräber«, in dem sie die Scheinheiligkeit des Bürgertums der 50er und 60er Jahre entlarvte. In »Kaputte Spiele« (1970), ihrem ersten Roman, der in München in der Zeit der Studentenbewegung spielt, nahm sie die profitorientierte Leistungsgesellschaft aufs Korn.

Angelika Mechtel verstand sich als 68erin und begriff ihr Schreiben als gesellschaftskritisches Programm. In der Dortmunder »Gruppe 61« war sie zusammen mit Max von der Grün und Erika Runge aktiv, die Arbeiter in Anlehnung an den in der DDR geprägten Slogan »Greif zur Feder, Kumpel« zum Schreiben ermutigten. Mechtel schrieb über Benachteiligte, Arbeiter, Außenseiter und insbesondere Frauen, die unter der Doppelbelastung als Mütter und Berufstätige und unter ihrer Situation im Kulturbetrieb litten. In ihrem 1974 erschienenen Roman »Die Blindgängerin« löst sich die Protagonistin von bürgerlichen Zwängen, von Haus und Mann und entdeckt wie Brechts »unwürdige Greisin« erst im Alter, was Freiheit ist. Bereits ein Jahr zuvor karikierte und persiflierte Mechtel in »Das gläserne Paradies« die gutbürgerliche Familie.

Ein differenziertes Bild der Bühnenwelt des 18. Jahrhunderts und ein einfühlsames Frauenporträt schuf sie mit ihrem historischen Roman »Die Prinzipalin« über die Theaterleiterin und Schauspielerin Friederike Caroline Neuber.

Das Thema von Mechtels »Die andere Hälfte der Welt oder: Frühstücksgespräche mit Paula« ist die Rolle der Frau in einer vom männlichen Kleinbürgertum dominierten Gesellschaft. Bereits Mitte der 70er Jahre griff sie in der Erzählung »Katrin« das Tabuthema der häuslichen Gewalt auf. Der von ihrem Mann brutal unterdrückten Pro­tagonistin bleibt nur der Wunsch, »dass die Kinder schnell groß werden«. Den Mann verlässt sie nicht. Aber sie erzieht ihre Tochter zum Protest. In dieser Zeit begann Mechtel, auch für Kinder und Jugendliche zu schreiben. Im Mittelpunkt ihrer Geschichten standen vor allem Mädchen – in einer Zeit, als die Haupthelden der meisten Bücher des Genres noch Jungen waren.

Neben belletristischen Texten schrieb die Schriftstellerin auch Sachbücher sowie Beiträge für Funk und Fernsehen. Ihre Brustkrebserkrankung arbeitete sie in »Jeden Tag will ich leben: Ein Krebstagebuch« (1990) auf. Sie schrieb es auch zur Ermutigung für andere betroffene Frauen. Mit dem Publizisten und Schriftsteller Gerd E. Hoffmann verband Angelika Mechtel eine intensive Liebes- und Arbeitsbeziehung. Gemeinsam organisierten sie 1982 die ersten internationalen Literaturtage und den ersten internationalen Kongress des Internationalen PEN-Zentrums der Nachkriegszeit in Köln. Gemeinsam schrieben die beiden leidenschaftlichen Reisenden über Puerto Rico das Buch »Tropenzeit«. Auf ihren Wunsch hin wurde nach ihrem Tod am 8. Februar 2000 ihre Asche in der puertoricanischen Bucht von Boquerón verstreut.

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