24.08.2018 / Feminismus / Seite 15

Rettung oder Bevormundung?

Frauenrechtlerinnen fordern mit prominenter Unterstützung ein Verbot des Kopftuchs für Mädchen und junge Frauen

Jana Frielinghaus

Die Stimmung war gereizt. Auf normale journalistische Nachfragen nach Zahlen und Daten reagierten etliche Frauen im Raum mit empörten Zwischenrufen, die Anwältin und Frauenrechtlerin Seyran Ates forderte von einer Taz-Redakteurin gar eine Rechtfertigung dafür. Auf der Pressekonferenz am Donnerstag in Berlin stellt Christa Stolle, Geschäftsführerin der Frauenrechtsorganisation »Terre des Femmes« (TdF), eine Petition an Bundestag und Bundesregierung vor, in der ein Verbot des sogenannten Kinderkopftuchs in Kitas und Schulen verlangt wird – für alle Mädchen und jungen Frauen unter 18 Jahren.

Weil die bereits seit einigen Monaten laufende Petition unter dem Titel »Den Kopf frei haben« bislang lediglich 10.000 Unterstützer hat und bis zum eigentlich geplanten Endtermin im Oktober keine Chance mehr hat, auf das für Eingaben ans Parlament nötige Quorum zu kommen, wird die Unterschriftensammlung darüber hinaus fortgeführt – bis wann, konnte Stolle noch nicht sagen. Ihr Ziel ist es, mindestens 100.000 Verbotsbefürworter zu gewinnen. Deren Unterschriften sollen an das Bundesjustizministerium übergeben werden.

Nach Ansicht von TdF und der anwesenden Unterstützerinnen und Unterstützer handelt es sich um »Kindesmissbrauch«, wenn Eltern ihre Töchter dazu anhalten, Kopftuch zu tragen. Das sei »Frühsexualisierung« von Kindern, zudem würden die Mädchen dadurch und durch die mit dem Tragen des Kopftuchs einhergehenden weiteren Vorschriften diskriminiert, etwa, weil sie nicht am Schwimmunterricht teilnehmen könnten. Stolle beklagte, dass sich Kampagnenplattformen wie Change.org und Campact bislang nicht bereiterklärt hätten, die Petition zu unterstützen. Die Campact-Pressesprecherin Svenja Koch widersprach der Darstellung gegenüber jW. Die Petition befinde sich »seit langem« auf der Petitionswebseite der Organisation, habe aber bislang nur wenige Unterstützer. Tatsächlich ist sie erst von 329 Personen unterzeichnet worden (Stand: 28.8.; am Tag der TdF-Pressekonferenz waren es 114). Das häufigste Argument sei, dass man damit antimuslimische Ressentiments und Rassismus fördern würde.

Zu den Erstunterzeichnerinnen gehören neben Ates die Publizistin Necla Kelek, die auch TdF-Vorstandsmitglied ist, und der Präsident der Bundesarbeitsgemeinschaft der Immigrantenverbände, Ali Ertan Toprak (CDU). Alle drei saßen auf dem Podium. Unter den Prominenten, die das Anliegen von TdF fördern, sind die Schauspielerin Sibel Kekilli, die Publizistin Alice Schwarzer und der Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer (Grüne). Auch UN Women, die Organisation für Frauenrechte der Vereinten Nationen, unterstützt die Petition.

Seyran Ates verteidigte vehement die Forderung nach einem Verbot für alle unter 18jährigen – und verwies auf den zunehmenden religiösen und politischen Backlash in vielen muslimisch geprägten Staaten. Toprak forderte, man müsse nicht nur gegen politisch Rechte in Deutschland vorgehen, sondern auch Grundrechte insbesondere von Frauen und Mädchen gegen den sich ausbreitenden politischen Islam verteidigen, der autoritär und faschistoid sei. Seine Verteter seien nur so lange für religiösen Pluralismus, »wie sie in der Minderheit sind«.

Ates betonte, sie kämpfe nicht gegen den Islam, sondern gegen das Patriarchat. Schon ein einziges Mädchen, das gezwungen werde, das Kopftuch zu tragen, sei eines zuviel. Deshalb sei es auch nicht entscheidend zu wissen, wie viele Kinder inzwischen betroffen seien.

Derzeit prüft in der Bundesregierung die nordrhein-westfälische Landesregierung von CDU und FDP die Einführung eines Kopftuchverbots – allerdings nur für unter 14jährige. Die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Annette Widmann-Mauz, hatte unter anderem verfassungsrechtliche Bedenken geäußert.

https://www.jungewelt.de/artikel/338519.kopftuchstreit-rettung-oder-bevormundung.html