20.08.2018 / Politisches Buch / Seite 15

Auf Kaperfahrt

Jürgen Elvert hat eine trotz mitunter problematischer Perpektiven lesenswerte maritime Geschichte der Neuzeit geschrieben

Burkhard Ilschner

»Über das Meer«, schreibt der Historiker Jürgen Elvert, hätten die Europäer die Welt verändert. Umgekehrt habe die Welt »daraufhin« die Europäer verändert – »ebenso über das Meer«. Alle Beteiligten der daraus entwickelten sogenannten Globalisierung seien so zu »maritimen Zivilisationen« geworden. Nur scheine diese Erkenntnis »anderswo auf der Welt deutlicher präsent zu sein« als in Europa. Für Elvert bedeutet »das Meer als Grenze zwischen Europa und Außereuropa« in Vergangenheit wie Gegenwart eine »Herausforderung«. Auf knapp 600 Seiten beschreibt er deshalb knapp 600 Jahre europäischer Geschichte ausdrücklich aus einer maritimen Perspektive, allerdings sehr eurozentrisch. Auf die Frage etwa, wie Europa – »später dann der ›Westen‹ insgesamt« – seit dem 19. Jahrhundert zur Weltmacht wurde, bilanziert er aus heutiger Sicht emphatisch: »Offensichtlich spielt in allen Überlegungen (…) das Meer – oder besser: die globale europäische Seeherrschaft – kaum eine Rolle. (…) Dabei hat bekanntlich Walter Raleigh, einer der Vordenker englischen globalen Handelns, schon um 1615 festgestellt, dass Weltherrschaft Seeherrschaft voraussetzt. Manchmal kann Geschichte so einfach sein.«

Elverts Buch ist nicht nur für maritim Interessierte eine ebenso spannende wie informative Lektüre. Die Abenteuer eines Christoph Kolumbus, eines Amerigo Vespucci, eines James Cook oder vieler anderer mögen zum alltäglichen Wissensschatz zählen – Elvert verknüpft derart Bekanntes nicht nur mit Religionskonflikten oder Kriegen um nationale Grenzen, Ressourcen oder dynastische Erbstreitigkeiten, sondern entwirft ein Geschichtsbild, das wie von einem maritimen Band zusammengehalten und bestimmt erscheint. Und das sich übrigens alles andere als einfach darstellt.

Die Folgen des soeben erfundenen Buchdrucks für überseeische Entdeckungen; die Tatsache, dass es bereits in späthansischer Zeit in England »Brexit«­-ähnliche Fronten gegeben hat; die Bedeutung maritimer Expansion für das Entstehen der Museologie; die Frage, wie geraubte Inka-Schätze die Reformation in Europa beeinflussen konnten: Dies alles und mehr summiert sich mit Details über Sklavenhandel, Freibeuterei oder Kaperfahrt, über die Entwicklung von Schiffstypen oder Hafenstädten, über Migration und Rassismus, über Kapitalakkumulation, Konkurrenz oder Kartellbildung zu einem Leseabenteuer voller Überraschungen.

Immer wieder geht es in Elverts Buch um Macht, um Gier, um Herrschaft, um daraus resultierende Konflikte und Kriege, um Sieger und Verlierer. Aber so informativ und lesenswert – und deshalb unbedingt empfehlenswert! – seine »maritime Geschichte der Neuzeit« ist, sie hat leider auch Schwächen. Elvert konzentriert seine Geschichtsschreibung ausdrücklich auf das »Handeln einzelner Akteure« – und das sind bei ihm konsequenterweise die Entdecker, die Könige und Kaiser, die Unternehmer und Militärs. Arbeiter, Seeleute, Soldaten kommen kaum oder gar nicht vor. Und auch auf die außereuropäischen Opfer der Expansion wird eher am Rande verwiesen. Ein ebenso aktuelles wie typisches Beispiel: In dem Abschnitt über den »Marine-Kaiser« Wilhelm II. wird zwar der »Ausbruch« des Ersten Weltkriegs als »unausweichlich« dargestellt – die vor demnächst 100 Jahren von den Besatzungen der kaiserlichen Hochseeflotte begonnene deutsche Novemberrevolution indes mit keinem Wort erwähnt.

Elvert, Professor für Neuere und Neueste Geschichte am Historischen Institut der Universität Köln, erhielt 2013 von der Europäischen Kommission den Ehrentitel eines Jean-Monnet-Professors für Europäische Geschichte – das entsprechende Forschungsförderungsprogramm ist benannt nach dem französischen Industriellen Monnet, der als einer der Architekten der einstigen Montanunion und später jener Form von europäischer Einigung gilt, aus der die EU in ihrer heutigen Struktur und Prägung gemacht worden ist. Elverts Buch ist Teil eines Projekts »Europa und das Meer«, derzeit auch Thema einer Sonderausstellung im Deutschen Historischen Museum in Berlin.

Insofern verblüfft die eingangs erwähnte Eurozentrik nicht. Es hat den Anschein, als sei sie kein Zufall, sondern Auftrag. Das mag überspitzt klingen – aber (zu) viele Details insbesondere in den Abschnitten zur jüngeren Geschichte weisen doch Lücken und Positionen auf, die dies unterstreichen. So wird etwa die »integrierte Meerespolitik« der EU von 2007 als Fortschritt gelobt, ohne zu erwähnen, dass dieses Konzept getreu dem Lissabon-Vertrag in seinen sozialen und ökologischen Details unter den ausdrücklichen Vorbehalt der »Wirtschaftlichkeit« – heißt: des Profits – gestellt wurde. Oder: Die Beschreibung des UN-Seerechtsabkommens (UNCLOS) betont zwar Hugo Grotius’ Prinzip der »Freiheit der Meere«, die wesentliche Rolle der Staaten der Dritten Welt beim Entstehen von UNCLOS indes wird ebenso verschwiegen wie die Tatsache, dass UNCLOS eben die Grotius’sche »Freiheit« massiv einschränkt.

Aber: Auch – oder gerade – diese und ähnliche Schwächen und Fehler machen dieses Buch lesenswert, denn es hilft zu verstehen, wohin die EU-Meerespolitik steuern will und soll. Und nur so kann ihr schließlich auch begegnet werden.

Jürgen Elvert: Europa, das Meer und die Welt. Eine maritime Geschichte der Neuzeit. DVA, München 2018, 592 Seiten, 45 Euro

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