16.08.2018 / Thema / Seite 12

Die Reise nach »Neu-Strelitz«

Vorabdruck. 1957 besuchte der Dramatiker Peter Hacks die UdSSR. In der DDR trat er für ein revolutionäres Theater ein (Teil II und Schluss)

Ronald Weber

Am kommenden Samstag erscheint Ronald Webers Biographie »Peter Hacks – Leben und Werk« im Berliner Eulenspiegel-Verlag. Wir dokumentieren im folgenden das leicht bearbeitete und gekürzte Kapitel »Klassenkampf im Parkett – das didaktische Theater«. Die Redaktion dankt Autor und Verlag für die freundliche Genehmigung zum Vorabdruck. (jW)

Hacks hält sich mit seiner Kritik nicht zurück. Während die DDR zu Beginn des Jahres 1957 einen aufwendig inszenierten Schauprozess erlebt – das Verfahren gegen den jungen Philosophen und Chefredakteur der Deutschen Zeitschrift für Philosophie Wolfgang Harich und den Kreis um den ehemaligen Chef des Aufbau-Verlages Walter Janka –, kritisiert der junge Dramatiker bei der Delegiertenkonferenz des Schriftstellerverbandes den Leiter des Leipziger Literaturinstituts Alfred Kurella für seinen ästhetischen Konservatismus. Im September schreibt er im Neuen Deutschland in Erwiderung auf einen Artikel Hans Grümmers von der Kulturabteilung des ZK der SED, es müsse endlich öffentlich klargestellt werden, »dass wir kein schematisches, schönfärberisches, idealistisches und wirklichkeitsfremdes Theater wollen«, und beklagt den Dogmatismus der Kulturpolitik. Unzufrieden zeigt Hacks sich auch mit dem Zustand der Öffentlichkeit, in der immerzu Debatten unter Niveau geführt werden. Bereits im September 1956 lässt er im Sonntag im Rahmen einer Umfrage, die sich u. a. mit dem »Schreiben der Wahrheit« befasst, verlauten, dass die Publikationsmittel der DDR »wenig Nachrichtenwert« hätten, was dem Schriftsteller die Analyse der Gegenwart nicht eben erleichtere. Spöttisch merkt er mit Blick auf die Journalisten an: »Nun, auch diese Leute haben ihre Sorgen beim Schreiben der Wahrheit.«¹

Das »Schreiben der Wahrheit« ist eine Schlüsselformulierung. Brecht hatte sich zu Beginn des Faschismus in einem kleinen Text mit den »Schwierigkeiten beim Schreiben der Wahrheit« auseinandergesetzt. Die Redaktion des Sonntag, die nach dem XX. Parteitag der KPdSU und Nikita Chruschtschows Geheimrede über die stalinistischen Verbrechen für einen politischen »Tauwetter«-Kurs steht, greift diese Formulierung auf. Gehört Hacks also, wenn er sie ebenfalls benutzt, in die Reihe der Antistalinisten, die den sowjetischen Parteitag als Signal für einen Wandel des Sozialismus begreifen?

»Ausnahmslos zum Abreißen«

Im Mai 1957 hat Hacks Gelegenheit, sich ein eigenes Bild von der Sowjetunion der Tauwetter-Periode zu machen. Mit einer Delegation junger Künstler, darunter Manfred Wekwerth und der Bildhauer Gerhard Thieme, reist er drei Wochen lang durch das Mutterland des Sozialismus – über Moskau, Leningrad, Kiew und Charkow bis nach Jerewan. Der Regisseur Wolfgang Kohlhaase, mit dem Hacks sich ein Zimmer teilt, erinnert sich an eine zwanglose Reise. Man wohnte in guten Hotels, besuchte Theater und Museen, darunter die Eremitage in Leningrad, wo Hacks sich an Cézanne, van Gogh, Gauguin und Picasso erfreute.

Das Programm beinhaltet zwei Veranstaltungen täglich und abends zumeist den Besuch eines Theaterstücks oder Estradenprogramms. Geschlafen wird wenig, für Hacks, den Viel- und Langschläfer, ein Graus. Auf den zahlreichen Empfängen wird zudem viel gegessen und getrunken, so dass die Gäste mitunter mit schwerem Kopf am nächsten Ziel ankommen. Kohlhaase erinnert sich, dass es bei dreißig Grad Hitze in der armenischen Hauptstadt gleich morgens in eine Weinkellerei und von dort aus zum Schriftstellerverband ging, wo Hacks und Kohlhaase mit ihnen völlig unbekannten Lyrikern zusammentrafen. Hacks stellte dort die These auf, im 20. Jahrhundert sei nicht mehr die Liebe der Hauptgegenstand der Poesie, sondern die Gesellschaft. Die Lyriker teilten sich, eifrig debattierend, in zwei Lager. Die beiden DDR-Autoren saßen stumm dabei und kurierten ihren Kater aus. Am Ende bedankte sich die armenische Seite für die anregende Debatte.

So lustig wie in Jerewan geht es während der Reise aber nicht immer zu. An Anna Elisabeth Wiede berichtet Hacks von langweiligen Sitzungen mit Vertretern des Kommunistischen Jugendverbandes, die ihn an die steifen Funktionäre zu Hause erinnern. Auch von einem Streit ist die Rede. Die Maler, die Teil der DDR-Delegation sind, waren in Leningrad während des Besuchs in einem Atelier in einen Disput geraten. Offenbar kritisierten sie die Rückständigkeit der sowjetischen Malerei, die naturalistischen Genrebilder und pathetischen Revolutionspanoramen. Daraufhin wurden weitere geplante Atelierbesuche vom Reiseplan gestrichen.

Natürlich versucht man den Gästen aus der DDR nur die schönen Seiten des sowjetischen Lebens zu zeigen. Es kostet Hacks, wie er stolz an Anna Elisabeth Wiede schreibt, einige Mühe, die Dolmetscherin, die zugleich als Aufpasserin fungiert, abzuschütteln und sich Moskau auf eigene Faust anzusehen. Sein Eindruck ist wenig positiv: »Moskau ist stilrein Groß-Neu-Strelitz. Nur Bauern. Kein Intellektueller, kein Ausländer, kein auch nur ansehbares Mädchen, sondern sehr arme Leute, mit leider sehr zahlreichen verdrucksten Kleinbürgervisagen. Fast alle Häuser wie Stalinallee, oder schlimmer (außer zwei oder drei von vorher). Auch was sie neu bauen, ist nicht gut. Unser Hotel (»Leningrad«, Komsomolskaja-Platz) ist außen Hochhaus, innen Kreuzung Kafka-Kathedrale.« Alles, was nach 1935 gebaut worden sei, sei »ausnahmslos zum Abreißen«. Um so besser gefällt Hacks Leningrad, das sei »die schönste Stadt, die ich, nach Dubrovnik, kenne. Immerhin haben da seit 250 Jahren die reichsten Feudalfritzen der Welt ihr Geld ausgegeben. Das Winterpalais, welches ja einfach der Zarenpalast, ist in grün-weißem Rokoko; es steht auf einem wunderbaren Platz, und der in einem großen Stadtteil an der Newa: alles Rokoko oder Klassizism, und alles bunt: blau-weiß, gelb-weiß, grün-weiß. Der Smolny ist gelb-weiß. In der Landschaft ist hübsch Revolution machen.«²

Was aber vierzig Jahre nach der Revolution von deren Ergebnissen zu halten sei, darüber ist Hacks sich nicht ganz sicher: »Neu-Strelitz ist schwer zu durchschauen.« Die Menschen in Moskau und Leningrad erscheinen ihm desinteressiert und apathisch. Gleichwohl, sie benehmen sich untereinander immer noch besser als die Deutschen: »Wir waren in einem Bahnhof, wo auch die sibirischen und zentralasiatischen Züge abfahren. Ungeheuere Wartesäle, enthaltend nur Bauern; arm, abgearbeitet, nicht poetisch. Dabei waren sie leise, höflich, diszipliniert, nett zu den Kindern, und sie benahmen sich sehr viel besser als jede deutsche Rasse oder Klasse in derselben Situation.«

Im Theater

Dass man der offiziellen Propaganda im Mutterland der Revolution genausowenig trauen kann wie zu Hause, erweist sich nicht nur anhand zahlreicher Zusammentreffen mit Funktionären. Eindrücklich in dieser Hinsicht ist auch das Moskauer Revolutionsmuseum, das die Delegation pflichtschuldig besucht. Hier erfährt man nicht nur kaum etwas über die Ereignisse des Roten Oktober – es dominieren Bilder, von denen die meisten nach dem Zweiten Weltkrieg gemalt worden sind –, die Geschichtsfälschungen sind auch allzu offensichtlich. Hacks’ Fazit: »ein reiner Lügen- und Agitationsladen«.

Besonders interessiert den Dramatiker natürlich das Theater. In Moskau sieht die Delegation Wladimir Majakowskis Drama »Das Schwitzbad«, eine satirische Kritik der sowjetischen Bürokratie, und Sergej Prokofjews »Aschenbrödel«-Ballett. In Leningrad stehen weitere Ballette auf dem Programm, Aram Chatschaturjans »Spartakus« und Léon Minkus’ »Die Schneetochter«, darüber hinaus Wsewolod Wischnewskis Revolutionsstück »Optimistische Tragödie« und »Die Aristokraten« von Nikolai Pogodin. Besonders gut gefällt Hacks die Inszenierung der »Optimistischen«, wie man das Revolutionsstück nennt, das Ende der fünfziger Jahre auch in der DDR sehr beliebt ist. Auch Pogodins Stück über die erfolgreiche Umerziehung Krimineller im sowjetischen Strafsystem sagt Hacks zu. Anna Elisabeth Wiede gibt er eine genaue Beschreibung der Inszenierung, die er als »völlig realistisch« lobt. Im krassen Gegensatz dazu steht der Eindruck, den die Ballette hinterlassen, die offenbar mehr den weitverbreiteten Estradenprogrammen ähneln, also varietéähnlichen Bühnenveranstaltungen mit populären Gesangs- und Schauspieleinlagen. Die »haarsträubendste, komischste und ungeheuerlichste Super-Show, I ever saw«, urteilt Hacks über »Spartakus«: »vollendeter Schwachsinn«.

Wie man den langen Briefen, die Hacks nach Ostberlin schreibt, entnehmen kann, hält der Dramatiker im allgemeinen recht wenig vom Stand der Kunstdebatte in der Sowjetunion. Einen Besuch am Ilja-Repin-Institut für Malerei und Skulptur kommentiert er knapp mit der Bemerkung, dass den Studenten dort das Malen abgewöhnt werde und die Moderne lediglich als Negativbeispiel diene.

Auch die Gespräche mit Regisseuren vermitteln ihm eher den Eindruck, dass man hier wie bei allem »zehn Jahre hinter der Zeit« sei. Ein starker Kontrast zu der von offizieller Seite stets behaupteten Vorbildfunktion der Sowjetkunst. Einzig Sergej Obraszows legendäres Puppentheater, das Hacks unabhängig vom Programm der Delegation gemeinsam mit Helene Weigel besucht, begeistert ihn – und das nicht allein, weil ihm die Visite ein weiteres »grässliches Estradenprogramm« erspart, sondern weil eben solche in dem Stück »Das ungewöhnliche Konzert« phantasievoll aufs Korn genommen werden. Hier erkennt Hacks »Weltniveau«.

Die scharfen Urteile dürfen indes nicht darüber hinwegtäuschen, dass Hacks sehr wohl weiß, dass es einen großen Unterschied zwischen der offiziellen und der weniger offiziellen Kunst gibt: »Es ist natürlich schwer zu sagen, ob hier alle Leute Idioten sind oder wir die nur treffen. Wenn man sich eine sowjetische Gegendelegation vorstellt, besuchend Herrn Zimmerlin und Herrn Victor, Herrn Valentin und Frau Zimmer … Nämlich erzählen welche, die bei einem Plausch mit jungen Theaterleuten waren, jene hätte sehr lustige, moderne Ansichten gehabt. Und mit den Kunststudenten ist es genau so.«³

Als Hacks Ende Mai 1957 nach Ostberlin zurückkehrt, verfasst er einen Reisebericht für die FDJ-Zeitung Junge Welt. Die Redaktion lehnt ihn als »für eine Veröffentlichung ungeeignet« ab.⁴ Das Manuskript ist verschollen.

Hitlers Greuel

Dem Dramatiker Heiner Müller, den Hacks ein Jahr zuvor kennengelernt hat, schreibt er während der Reise eine Postkarte mit einem Stalin-Denkmal und der Bemerkung: »Das Klavier ist ins Wasser gefallen«⁵ – eine fast schon surrealistische Metapher auf die Entstalinisierung. Hacks hat sie begrüßt. Die Verehrung für Josef Stalin ist ihm auch zu Hochzeiten des Personenkults fremd geblieben; tatsächlich hat er, wie er später in einem Brief an seinen Freund André Müller sen. bekennt, vor seinem Gang in die DDR vor dem sowjetischen Staatsmann Angst gehabt.⁶ Gleichwohl sieht Hacks den Stalinismus als eine durch die äußeren Umstände des faschistischen Kriegs gegen die Sowjetunion und die dafür nötigen Gegenmaßnahmen deformierte Durchgangsperiode der sozialistischen Gesellschaft an – »Stalins Greuel sind in Wahrheit Hitlers Greuel«⁷ –, die nunmehr überwunden sei. Und er empfindet, dass der Stalinismus in der DDR im Vergleich zur Tschechoslowakei und zu Ungarn relativ glimpflich über die Bühne gegangen ist.

Von der Regierung der DDR wünscht Hacks sich mehr Souveränität im Umgang mit Kunst und Wissenschaft und weniger Dogmatismus. In diesem Sinne lehnt er die Drangsalierung von Gelehrten, wie sie Ernst Bloch über sich ergehen lassen muss, ab. Als Bloch 1961 die DDR verlässt, sieht er das als herben und unnötigen Verlust an. Allgemeine Forderungen nach mehr künstlerischer Freiheit erhebt er aber nicht. Auch beteiligt er sich nicht an oppositionellen Treffen von Künstlern und Kulturschaffenden wie etwa dem von Fritz J. Raddatz initiierten Donnerstagskreis im Club der Kulturschaffenden oder anderen informellen Kreisen.

1956 schreibt Hacks, der Marxismus-Leninismus, als dessen Anhänger er sich versteht, sei »eine Synthese aus äußerster Liberalität und äußerster Radikalität«. Politischer Liberalismus ist damit nicht gemeint. Hacks schätzt die Freiheit der Kunst. Aber als ein unbedingter Verfechter des Sozialismus erkennt er ihre Grenzen. Er geht dabei sogar weiter als Brecht, der bekanntlich gefordert hatte, faschistische und bellizistische Literatur zu verbieten. Im Rahmen einer Umfrage der russischen Zeitschrift Teatr bekennt er, dass man ein Theaterstück, »wenn es etwas Schädliches aussagt«, unterdrücken dürfe: »Die neue, außerordentliche Freiheits-Qualität, im Drama nicht nur Schönes und bestenfalls Gutes, sondern auch Wahres liefern zu können, hat zur notwendigen Kehrseite, Falsches zu liefern, für das man die Verantwortung trägt und zur Rechenschaft gezogen werden darf.«⁸ So sehr Hacks auch die Engstirnigkeit und Kleingeistigkeit der Kulturpolitik ablehnt, so sehr er für eine angemessene Wertschätzung Brechts streitet und für ein neues, an Brecht geschultes Theater eintritt, im Grunde genommen weiß er sich mit der SED einig. Wenn er gegenüber seiner Mutter immer wieder beteuert, dass die Entwicklung des Sozialismus langfristig positiv sei, ist das nicht allein der Versuch, seine Übersiedlung zu rechtfertigen. Es ist Ausdruck der tiefen Überzeugung, die DDR bewege sich grundsätzlich in die richtige Richtung.

Mangelnde Parteilichkeit

Hacks’ kunstpolitische und kunsttheoretische Auffassungen, die in vielerlei Hinsicht quer zu den Positionen der SED stehen, bleiben nicht unwidersprochen. Vergleichsweise harmlos ist die Einlassung eines Lesers im Sonntag, der Hacks’ Ausführungen als Diskutieren »um des Diskutierens willen« abtut und sich fragt, warum eine DDR-Zeitschrift so etwas überhaupt drucke. Wesentlich heftiger ist da schon ein langer Beitrag von drei Philosophiestudenten, darunter dem später als Dissidenten zu Bekanntheit gekommenen Rudolf Bahro. In belehrendem Ton unterstellen sie Hacks eine Revision der Kulturpolitik. Es mangele ihm, so der Tenor, an einer positiven Einstellung zum humanistischen Erbe, ihm fehle »sowohl in der Philosophie als auch in der Politik die marxistische Parteilichkeit«. Hacks hält die Studentenarbeit, deren Autoren sich nicht entblöden, ihm zugleich und im Widerspruch zum Vorwurf der linksradikalen Erbeauffassung eine bedenkliche Nähe zu den Positionen des seit 1956 offiziell verdammten Literaturtheoretikers Georg Lukács vorzuwerfen, für »böswillig und unredlich«. Der Umstand, dass der Artikel im Dezember 1958 im Beiheft von Theater der Zeit erscheint – der Herausgeber Fritz Erpenbeck hat ihn gegen andere Stimmen im Redaktionskollegium durchgesetzt –, legt aber nahe, dass Hacks hier mehr oder weniger offiziell an die kulturpolitische Linie erinnert werden soll. Der Dramatiker verlässt daraufhin im Dezember unter Protest den Beirat der Zeitschrift, dessen Mitglied er drei Jahre lang gewesen ist. Es sei ihm, schreibt er an Erpenbeck, »ohnehin nie gelungen (…), irgendeinen Einfluss auf den kulturpolitischen Stil der Zeitschrift zu nehmen«.⁹

Die Bemühungen, Brechts Positionen auf den Theatern durchzusetzen, stoßen auch bei manchen arrivierten Autoren auf Ablehnung. Hedda Zinner, Ehefrau Fritz Erpenbecks, die 1955 mit »Lützower« ein Schauspiel vorgelegt hat, das die Befreiungskriege gegen Napoleon am Beispiel des Lützowschen Freikorps positiv deutet und den Gedanken einer Volksarmee propagiert, beklagt ein »Sektierertum auf dem Gebiet der Kunstästhetik« und erkennt gar eine ganze »Schule«.¹⁰ Gemeint ist damit neben Peter Hacks, Heiner Müller und Helmut Baierl vor allem Heinar Kipphardt. Dieser hat sich seit 1956 immer wieder gegen die offizielle Auslegung des Sozialistischen Realismus geäußert und für ein dialektisches Theater ausgesprochen, das die Widersprüche der DDR in den Vordergrund stellen soll. Als Chefdramaturg des Deutschen Theaters beharrt er auf einer eigenständigen Position – und lehnt sich damit weit aus dem Fenster; so wirft er Fritz Erpenbeck öffentlich vor, »die Theaterbemühungen Brechts nicht verstanden zu haben«.¹¹ Zudem gibt er zu erkennen, dass er den Großteil der von der SED gelobten dramatischen Gegenwartsliteratur für schönfärberischen Kitsch hält. Als die kulturpolitischen Versuche, Kipphardts Wirken einzuschränken, nicht fruchten und sich auch die Parteigruppe des Deutschen Theaters, deren Vorsitz Kipphardt 1957 übernommen hat, als renitent erweist, setzt schließlich eine Kampagne ein. Wolfgang Langhoff, der lange zu Kipphardt gestanden hat, vermag seinen Chefdramaturgen nicht zu halten. Im Dezember 1958 tritt Kipphardt von seinem Posten zurück. Im Frühsommer geht er für einen halbjährigen Arbeitsaufenthalt als Bühnenschriftsteller ans Schauspielhaus Düsseldorf. In die DDR kehrt er nicht mehr zurück.

Für Hacks ist das eine herbe Enttäuschung. Noch im März 1959 sind die Ehepaare Hacks und Kipphardt gemeinsam in die Ferien in den Harz gereist. Es gab lange Gespräche über die politische Lage und literarische Pläne. Dass Kipp­hardt das Land wegen des kulturpolitischen Drucks verlässt, kann Hacks nicht verstehen. »Was machst du bei den Schneemenschen?« fragt er zunächst verwundert, um im nächsten Brief unmissverständlich zu erkennen zu geben, dass er Kipphardts Entscheidung für übereilt und falsch hält: »Nun befindest Du dich in einem Land, wo kulturpolitische Differenzen gesundheitsschädlicher sind als in unserem. Was wirst Du machen? (…) Vielleicht wirst Du Schnulzenschreiber in München. Vielleicht wirst Du Vortragsreisender und informierst nicht überraschte Rundfunkhörer darüber, dass der Sozialismus in der DDR der wahre Sozialismus eben doch nicht sei.«¹² Aus Hacks’ Sicht hat Kipphardt einen großen Fehler begangen. Als Schriftsteller lebt er nun in einer gesellschaftlichen Ordnung, der man im Gegensatz zum Sozialismus nicht grundsätzlich zustimmen kann. Was soll man da schreiben?

Heinar Kipphardt ist der engste Freund, den Hacks nach seiner Übersiedlung in die DDR gefunden hat. Zwar setzt nach einer kurzen Phase der gegenseitigen Verstimmung wieder ein freundlicher Briefwechsel ein, auch besucht Hacks Kipphardt mehrmals. Aber die künstlerischen und politischen Gegensätzlichkeiten werden bald unüberhörbar.

Kulturpolitische Schelte

Der Umgang mit Kipphardt erinnert an die Kontroversen der SED mit Ernst Bloch und Hans Mayer. Den Anhängern einer radikalen Auslegung des Brecht-Theaters legt dieses Vorgehen unmissverständlich Zurückhaltung nahe. Im Sommer 1958 sind Helmut Baierls und Heiner Müllers Lehrstücke über den Aufbau des Sozialismus noch gelobt worden. Nun sieht sich die Führung der SED angesichts der Eigendynamik, die die von ihr mit angestoßene Kulturrevolution entwickelt hat, veranlasst, Kritik zu üben. Man unterstellt den Autoren eine Art ästhetischen Aufstand gegen den Sozialistischen Realismus. Einige Autoren versuchen, so der Vorwurf Walter Ulbrichts während eines ZK-Plenums im Januar 1959, die diskursive Macht an sich zu reißen und »das sogenannte ›didaktische‹, Lehrtheater als die sozialistische Kunstform (zu) verkünden«.¹³

Damit ist der Begriff gebildet, unter dem die DDR-Dramatik der zweiten Hälfte der fünfziger Jahre in die offizielle Literaturgeschichte eingehen wird. Was Peter Hacks als dialektisches Theater bezeichnet und was er später sozialistischen Sturm und Drang nennen wird, heißt fortan »Didaktisches Theater«.

Anmerkungen:

1 Peter Hacks: Die Welt ist veränderlich, Sonntag, 31.3.1957, S. 7; Peter Hacks: Für ein Theater der Arbeiter und Bauern, Neues Deutschland, 12.9.1957, S. 4 u. Peter Hacks: Kunst hat den längeren Atem, Sonntag, 2.9.1956, S. 6

2 Diese sowie die folgenden Zitate entstammen jeweils undatierten Briefen, die Hacks im Mai 1957 an Anna Elisabeth Wiede schickte.

3 Peter Hacks an Anna Elisabeth Wiede, 16.5.1957

4 Junge Welt an Peter Hacks, 21.11.1957

5 Zit. n. Heiner Müller: Werke, hg. v. Frank Hörnigk, Bd. 9, Berlin 2005, S. 235

6 Peter Hacks an André Müller sen., 14.5.1993

7 Peter Hacks an Hans Magnus Enzensberger, 26.2.1959

8 Peter Hacks: Bitte nicht erschrecken: Polit-Dramaturgie. In: Theater der Zeit 11 (1956), H. 11, S. 5 u. Peter Hacks: Das Theater der Gegenwart. In: Neue Deutsche Literatur 5 (1957), H. 4, S. 129

9 Karl Schodder: »Fragwürdige Maximen«, Sonntag, 29.12.1957, S. 4; Rudolf Bahro; Ulrich Döring; Heidi Mühlberg: Kritische Bemerkungen zu einigen Kunsttheorien von Peter Hacks. In: TdZ 13 (1958), H. 12, Beilage 9, S. 25 f. u. Peter Hacks an Fritz Erpenbeck, 19.12.1958

10 Hedda Zinner: Ich bin gegen jedes Sektierertum. In: Forum. Zeitung der Studenten und der jungen Intelligenz 13 (1959), S. 15

11 Heinar Kipphardt: Zu einigen Fragen des heutigen Theaters, Neues Deutschland, 14.7.1957, S. 4

12 Peter Hacks an Heinar Kipphardt, 3.9.1959 u. Peter Hacks an Heinar Kipphardt, 22.12.1959

13 Dokumente zur Kunst-, Literatur- und Kulturpolitik der SED, hg. v. Elimar Schubbe, Stuttgart 1972, S. 543

Ronald Weber: Peter Hacks – Leben und Werk. Eulenspiegel-Verlag, Berlin 2018, 640 Seiten, 39 Euro

Veranstaltungshinweis: Buchpremiere mit dem Autor (Moderation: Arnold Schölzel) am 4. September in der jW-Ladengalerie, Torstr. 6, 10119 Berlin, 19 Uhr, Eintritt: fünf/ermäßigt drei Euro. Um Anmeldung unter mm@jungewelt.de wird gebeten.

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