06.08.2018 / Ansichten / Seite 8

Kein Kaiser noch Tribun

Linke Sammlungsbewegung

Knut Mellenthin

Am Wochenende hat die Linken-Politikerin Sahra Wagenknecht damit begonnen, ihre Sammlungsbewegung ein klein bisschen zu starten. Seit Sonnabend gibt es eine Website, auf der Interessenten sich schon mal »registrieren« lassen können. Welches politische Programm sie damit unterstützen, werden sie, wie alle Welt, aber erst am 4. September durch eine Pressekonferenz erfahren. Bis dahin sollen auch die Namen der meisten prominenten Unterstützer und die internen Strukturen der geplanten Bewegung geheim bleiben.

Trotzdem konnte »Team Sahra« am 29. Juli melden, das sich ihm schon 25.000 Menschen angeschlossen hätten. Das sieht nicht nach einem transparenten, demokratischen und emanzipatorischen Aufbruch zu neuen Inhalten und Formen linker Politik aus. Sondern nach einem soziologischen Experiment über die Verführbarkeit und Manipulierbarkeit von Menschen durch »charismatische Persönlichkeiten«.

Seit Oskar Lafontaine im November 2017 die Idee der Sammlungsbewegung in die Presse brachte – er sprach damals noch von »einer Art linker Volkspartei« –, sind schon neun Monate vergangen. Seit Mai bewirbt Sahra Wagenknecht das Projekt mit Hilfe fast aller Mainstreammedien intensiv. Die bis jetzt erreichten Ergebnisse sind dennoch entlarvend mager. Dies ist historisch betrachtet vielleicht die erste Sammlungsbewegung weltweit, bei der sich in der Realität nichts gesammelt oder bewegt hat, sondern die nur im Paralleluniversum der Medien simuliert wird. Die Theologen nennen so etwas eine »Creatio ex nihilo«, eine Schöpfung aus dem Nichts. Der dänische Märchenzähler Hans Christian Andersen (1805–1875) hat das System der kollektiven Illusion in der Geschichte von des Kaisers neuen Kleidern seziert.

Dabei ist es nicht so, dass sich seit November 2017 nichts bewegt hätte. Im Gegenteil: Es gab in München die großen Massenkundgebungen gegen das geplante bayerische Polizeigesetz und gegen die einwandererfeindliche Hetze und Praxis der CSU. Es gibt seit über einem Monat in vielen Städten die Aktionen des internationalen Bündnisses »Seebrücke« gegen die Abschottung Europas. Es gibt nach dem Rückzug von Mesut Özil aus der deutschen Fußballnationalmannschaft eine breite Debatte über Rassismus in unserer Gesellschaft. Aber nichts davon wird durch Wagenknechts Projekt reflektiert. Die Linken-Politikerin hat sich statt dessen mit Sätzen wie »Wir können nicht alle aufnehmen« und »Offene Grenzen für alle sind weltfremd« profiliert.

Wer zu sammeln vorgibt oder glaubt, indem er sich gegen die wirklichen Bewegungen stellt und gleichzeitig Ressentiments als Ausdruck gerechten sozialen Unmuts in Schutz nimmt, muss eine spezielle Form der Wahrnehmung haben. Falls Sahra Wagenknecht daran festhält, wird ihr vermutlich nicht einmal der Hype der Mainstreammedien noch lange helfen.

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