04.07.2018 / Thema / Seite 12

Zwei Marxismen

Die Spaltung in einen konkreten, mit den Problemen des Aufbaus einer postkapitalistischen Gesellschaft befassten und in einen utopischen Marxismus muss überwunden werden. Zentral ist dabei die Frage nach dem Verhältnis zu den antikolonialen Kämpfen der Gegenwart

Domenico Losurdo

Am 28. Juni starb der italienische Philosoph Domenico Losurdo nach kurzer, schwerer Krankheit im Alter von 76 Jahren. Losurdo, dessen Werke der Kölner Papyrossa-Verlag verlegt, zählte zu den bedeutendsten marxistischen Theoretikern der Gegenwart. Wir veröffentlichen im folgenden einen Auszug aus dem letzten Kapitel seines bisher nur auf italienisch erschienenen Buches »Il marxismo occidentale. Come nacque, come morì, come può rinascere« (»Der westliche Marxismus. Wie er zur Welt kam, wie er starb, wie er wiederbelebt werden kann«). Das Buch wird im Frühjahr 2019 im Papyrossa-Verlag herauskommen. (jW)

Die Niederwerfung des weltweiten Systems des Kolonialismus und der Sklaverei erfolgte unter tragischen Umständen: In Saint-Domingue bzw. Haiti nahm der Konflikt zwischen Befürwortern und Gegnern dieses Systems auf beiden Seiten Formen eines totalen Krieges an. Nichts scheint da leichter, als beide Parteien auf dieselbe Stufe zu stellen, um sie dann beispielsweise den Vereinigten Staaten entgegenzusetzen. Die Rechnung geht offenbar auf. Die Demokratie der jungen USA konnte sich moralisch über den herrschenden Despotismus im Frankreich Napoleons und in Haiti unter Toussaint Louverture erheben. Bloß, mit der Realität hatte das wenig zu tun. Sowohl das Frankreich Napoleons wie auch die USA unter Thomas Jefferson kämpften gegen ein Land bzw. eine Bevölkerung, die begonnen hatten, das Joch des Kolonialismus abzuschütteln und die Ketten der Sklaverei zu sprengen.

Mit dem gleichen Formalismus argumentieren in unseren Tagen Verfechter der Totalitarismustheorie, mit deren Hilfe die Sowjetunion unter Stalin und das »Dritte Reich« unter Hitler zusammengerückt und weitgehend gleichgesetzt werden. Vergessen wird dabei, dass sich die Nazidiktatur in ihrem Bestreben, eine Kolonialherrschaft zu errichten und die Slawen zu versklaven, wiederholt auf die Kolonialtradition des Westens berief und explizit den Expansionismus des British Empire sowie die Rassenpolitik der Vereinigten Staaten vor Augen hatte.

Falsche Gegenüberstellung

Eine solche Sicht auf die Geschichte des 20. Jahrhunderts, derzufolge der grausamste Repräsentant des weltweiten Systems von Kolonialismus und Sklaverei und dessen entschiedenster Feind auf ein und derselben Stufe stehen, wurde leider auch weitgehend vom westlichen Marxismus bzw. von nicht wenigen seiner Exponenten eingenommen. In dieser tollkühnen Betrachtung spielt die antikoloniale Revolution schlichtweg keine Rolle. Diese Ignoranz findet ihre Fortsetzung in den denkwürdigen Sätzen Slavoj Zizeks, wonach Stalin ein Meister der industriellen Leichenproduktion gewesen sei und Mao ein fernöstlicher Despot, der aus einer Laune heraus Dutzende Millionen Mitbürger dem Hungertod auslieferte.

Tatsächlich hatten die sozialistischen Staaten eine Last auf sich zu nehmen, die Marx den bürgerlichen Revolutionen zugeschrieben hatte und die diese nicht tragen konnten: die Verwirklichung der »vollendeten politischen Emanzipation«. Dieser Widerspruch findet sich auch auf ökonomischer Ebene. Laut dem »Manifest der Kommunistischen Partei« war die Einführung der »neuen Industrien« eine »Lebensfrage für alle zivilisierten Nationen« (MEW, Bd. 4, S. 466). Diese historische Aufgabe war eine per se bürgerliche Angelegenheit. Doch unter den Bedingungen des Imperialismus gerieten jene Staaten, die an dieser Aufgabe scheiterten, zur leichten Beute des Neokolonialismus. Das gilt um so mehr für solche Länder, die dem Westen aufgrund ihrer gesellschaftlichen Ordnung und ihrer politischen Ausrichtung unangenehm werden mussten und daher einem mal mehr, mal weniger strengen wirtschaftlichen und technologischen Embargo unterlagen.

Vor diesem Hintergrund machten die kommunistisch ausgerichteten Staaten, also jene eines »östlichen« Kommunismus bzw. Marxismus, an der Schwelle zu einer in strengem Sinne postkapitalistischen Zukunft halt. Auf genau diese Zukunft aber beschränken sich Interesse, Aufmerksamkeit und Leidenschaft des westlichen Marxismus. Die mangelnde Abrechnung mit dem Messianismus, der in der jüdisch-christlichen Tradition wurzelte und seinerzeit vom Entsetzen über das Gemetzel des Ersten Weltkriegs noch stimuliert worden war, brachte eine einseitige Konzentration auf eine fern entlegene und utopische Zukunft hervor. So prägten sich zwei Marxismen in deutlich voneinander unterschiedenen Zeitlichkeiten aus. Hier die beginnende allernächste Zukunft, für die der östliche Marxismus steht, dort die am weitesten fortgeschrittene, entlegene und utopische Zukunft, die der westliche Marxismus repräsentiert.

Dieses Problem hatten Marx und Engels bereits durchschaut. Nicht ohne Grund gaben sie zwei verschiedene Bestimmungen von »Kommunismus«. Die erste verweist auf die entlegene Zukunft einer Gesellschaft, in der die Klassenspaltung überwunden und die »Vorgeschichte« abgeschlossen ist. Deutlich unterschieden davon sind Vision und Zeitlichkeit, die in einem berühmten Zitat der »Deutschen Ideologie« aufscheinen: »Wir nennen Kommunismus die wirkliche Bewegung, welche den jetzigen Zustand aufhebt.« (MEW, Bd. 3, S. 35). Oder, wie es im »Manifest« heißt: »Die Kommunisten unterstützen überall jede revolutionäre Bewegung gegen die bestehenden gesellschaftlichen und politischen Zustände.« (MEW, Bd. 4, S. 493) In beiden Zitaten wird eine Brücke zwischen akuter und entlegener Zukunft geschlagen. Das also wäre eine Bedingung für die Wiedergeburt des Marxismus im Westen: Die Lektionen von Marx und Engels beherzigend, muss er lernen, eine Brücke zwischen diesen beiden Zeitlichkeiten zu schlagen. Werden diese Lektionen jedoch ignoriert oder missachtet, treten oberflächlich argumentierende Besserwisser auf den Plan, die mit Vorliebe die Poesie der entlegenen Zukunft der Prosa der unmittelbaren Aufgaben gegenüberstellen.

Nichts leichter und nichts müßiger als eine solche Übung. Auch die Mittelmäßigen haben keine Schwierigkeiten, die Zukunft der »freien Entwicklung eines jeden« zu beschwören – wie es im »Manifest« heißt (MEW, Bd. 4, S. 482) –, in der Absicht, die aus der Revolution erwachsene politische Macht zu verdammen oder zu diskreditieren, die indes in einer geopolitisch klar bestimmten Situation gezwungen war, den drohenden Gefahren zu begegnen. Die Probleme der konkreten historischen Situation der neuen postrevolutionären Gesellschaft, die mit Widersprüchen, Versuchungen, Schwierigkeiten und Fehlern aller Art umzugehen hat, wird dabei en bloc als Degeneration und Verrat an den revolutionären Idealen beiseite geschoben. Ein solcher Ansatz, der die wirkliche Bewegung im Namen der eigenen Phantasien und Träume verurteilt und der eine Verachtung jener akuten Zukunft im Namen einer entlegenen und utopischen Zukunft ausdrückt, ein solcher Marx und Engels ganz und gar fremder Ansatz beraubt den Marxismus jedweder realen emanzipatorischen Kraft. Sich solcherart zu gebärden bedeutet, die plurale Zeitlichkeit, die das revolutionäre Projekt von Marx und Engels kennzeichnet, willkürlich zu amputieren. Es handelt sich dabei um eine sowohl zeitliche wie räumliche Verkürzung. Die exklusive Konzentration auf die entlegene, nur utopisch zu verstehende Zukunft schließt einen Großteil der Welt und der Menschheit schlichtweg aus, jenen Teil nämlich, der bereits erste Schritte in die Moderne unternommen hat, und sogar jenen Teil, der erst an der Schwelle zur Moderne steht.

Eurozentrismus

Die Überwindung dieser unglückseligen Verkürzung ist eine essentielle Bedingung zur Erneuerung des Marxismus im Westen. Sie wird solange nicht möglich sein, wie es den Marxisten im Westen nicht gelingt, wieder ein Verhältnis zur weltweiten antikolonialen Revolution herzustellen, die die Geschichte des 20. Jahrhunderts maßgeblich bestimmte und auch noch in diesem Jahrhundert eine wesentliche Rolle spielt. Als der italienische Philosoph Lucio Colletti in den 1970er Jahren endgültig mit dem Marxismus gebrochen hatte, stellte er vergnügt fest, dass er zu ähnlichen Schlussfolgerungen gelangt war wie Louis Althusser. Letzterer stellte der kommunistischen Bewegung ein katastrophales Zeugnis aus. Wie der französische Philosoph verbittert feststellte, sei der neue revolutionäre Staat, anders als von den Bolschewiki versprochen, nirgendwo abgestorben. Und sein italienischer Kollege ergänzte triumphierend, es sei den Kommunisten im Gegensatz zum liberalen Westen nicht einmal gelungen, das Problem der Begrenzung der Macht zu lösen.

Dieser Bilanz lassen sich die Argumente entgegenstellen, die ein anderer Philosoph ungefähr drei Jahrzehnte zuvor formuliert hatte, der eben kein Anhänger des Marxismus oder des Kommunismus war, sondern deren scharfsinniger, gleichwohl aufmerksamer und respektvoller Kritiker. Vor dem Hintergrund des Kalten Krieges, der Konfrontation der liberalen Welt auf der einen und dem Despotismus und Totalitarismus auf der anderen Seite, hatte Maurice Merleau-Ponty in seiner Schrift »Humanismus und Terror« eingewandt: »Der westliche Liberalismus gründet auf Zwangsarbeit in den Kolonien« sowie auf wiederholt geführten Kriegen. »Jede Verteidigung der demokratischen Regime« sei ohne Glaubwürdigkeit, wenn deren »gewaltsame Interventionen gegen den Rest der Welt« beschwiegen würden. »Wir haben nur dann das Recht, die Werte der Freiheit zu verteidigen«, schlussfolgerte Merleau-Ponty, »wenn wir uns sicher sein können, nicht den Interessen des Imperialismus zu dienen und uns nicht mit dessen Mystifikationen gemein zu machen«. Das heißt, in der Betrachtung des 20. Jahrhunderts muss jede Kurzsichtigkeit und jeder eurozentristische Hochmut vermieden werden, muss der wesentliche Beitrag anerkannt werden, den der Kommunismus zur Überwindung des weltweiten Systems des Kolonialismus und der Sklaverei geleistet hat.

Der Kampf zwischen Antikolonialismus und Kolonialismus bzw. Neokolonialismus ist mitnichten beendet, er hat nur andere Formen angenommen. Nicht zufällig hatte der Westen seinen Sieg im Kalten Krieg nicht nur als Triumph über den Kommunismus, sondern auch über die Bewegungen der »Dritten Welt« gefeiert, als Versprechen, dass Kolonialismus und Imperialismus zurückkehren würden. Dabei war die Euphorie nur von kurzer Dauer. Die Beschwörungen und der Alarmismus angesichts eines Westens im Niedergang bzw. dessen relativer Schwächung erinnern an analoge Vorgänge zu Beginn des 20. Jahrhunderts, als ausgesprochen populäre Autoren auf beiden Seiten des Atlantiks auf die tödliche Gefahr für die »weltweite weiße Vorherrschaft« hinwiesen, die von den »farbigen Völkern« ausgehe. Sicher, die Sprache ist heute eine andere. Da wird nicht mehr auf Rasse und Rassenhierarchie rekurriert. Dieser sprachliche Wandel ist allerdings Ausdruck des Erfolges, den die antikoloniale Revolution des 20. Jahrhunderts erringen konnte. Doch das neuerliche Lob des Kolonialismus und die anhaltende Darstellung des Westens als Hort der Zivilisation und der höchsten moralischen Werte ist wiederum ein Zeichen dafür, dass die antikoloniale Revolution noch nicht an ihr Ende gelangt ist. Das verlangt von den Marxisten im Westen eine Sympathie mit jenen Ländern, die ihre antikoloniale Revolution hinter sich haben, aber nunmehr mühsam ihren Weg suchen, ohne sich dabei in eine erneute, diesmal semikoloniale Abhängigkeit zu begeben.

Dabei geht es nicht darum, sich diesen Ländern gegenüber kritiklos zu verhalten. Es reichte hin, einmal mehr die Warnungen Merleau-Pontys zu berücksichtigen: »Es gibt einen aggressiven Liberalismus, der ist ein Dogma, ja eine Kriegsideologie. Man erkennt ihn daran, dass er das Empyreum der Grundsätze liebt, ohne dabei je die geographischen oder historischen Umstände zu erwähnen, die ihm seine Existenz ermöglichen, und daran, dass er die politischen Systeme abstrakt beurteilt, ohne Rücksicht auf die gegebenen Bedingungen, unter denen sie entstanden.« Der französische Philosoph beurteilte also den östlichen Marxismus mit Nachsicht. Man kann sich auch an einen Klassiker des Liberalismus wenden. Bei Alexander Hamilton, einem der Gründerväter der Vereinigten Staaten, lässt sich nachlesen, dass die Herrschaft des Rechts und die Beschränkung der Macht in einer von geopolitischer Unsicherheit geprägten Situation nicht möglich ist und dass im Falle von »Attacken von außen« und »möglichen Aufständen im Innern« auch ein liberales Land auf »unbegrenzte Macht« ohne »konstitutionelle Beschränkungen« setzt.

Die antikoloniale Revolution darf nicht als abgelegte Gestalt der heiligen Geschichte der politischen und sozialen Emanzipation betrachtet werden, sondern als konkrete Form, die die Geschichte zwischen dem 20. und 21. Jahrhundert angenommen hat. Anzuerkennen wäre dabei, dass mit der außerordentlichen ökonomischen und technologischen Entwicklung Chinas – definitiv das wichtigste Ereignis der vergangenen 500 Jahre – die Epoche des Christopher Kolumbus unwiederbringlich an ihr Ende gekommen ist. Jene Epoche, während der, um mit Adam Smith zu sprechen, »die Überlegenheit der Kräfte auf seiten der Europäer so ausgeprägt war, dass sie jedes Unrecht begehen konnten«, jene Epoche, in der Hitler, deren fanatischster Verfechter, die weiße bzw. westliche Vorherrschaft mit allen Mitteln zu bewahren trachtete.

Die antikoloniale Revolution, die Zerstörung des weltweiten Systems des Kolonialismus und der Sklaverei werfen auf neue und ungeahnte Weise das Problem der Errichtung einer postkapitalistischen Gesellschaft auf.

Kritik des Messianismus

Als Außenstehender das im Geiste von Marx postulierte Projekt einer politischen wie sozialen Emanzipation, das mit der Oktoberrevolution seinen Anfang nahm und dessen Epizentrum sich im Osten befindet, zu beurteilen, bedeutete eine Haltung einzunehmen, die Marx seit seinen Jugendtagen verspottet hatte. Die revolutionäre Kritik hat von den »wirklichen Kämpfen« auszugehen: »Wir treten dann nicht der Welt doktrinär mit einem neuen Prinzip entgegen: Hier ist die Wahrheit, hier kniee nieder! (…) Wir sagen ihr nicht: Lass ab von deinen Kämpfen, sie sind dummes Zeug; wir wollen dir die wahre Parole des Kampfes zuschrein« (MEW, Bd. 1, S. 345). Die Abrechnung mit jeder doktrinären Haltung ist die Voraussetzung für die Wiedergeburt des Marxismus im Westen.

Geboren im Herzen des Westens verbreitete sich der Marxismus in Folge der Oktoberrevolution in jedem Winkel der Erde und durchdrang kraftvoll die ökonomisch und gesellschaftlich unterentwickelten, aber kulturell sehr verschiedenen Regionen und Länder. Aufgrund der christlich-jüdischen Tradition, die in ihm aufgehoben ist, klangen im westlichen Marxismus nicht selten messianische Motive an (die Erwartung eines »Kommunismus«, ersonnen und empfunden als das Verschwinden jedweden Konflikts und jedweden Widerspruchs, somit als eine Art Ende der Geschichte). Der Messianismus ist jedoch in einer Kultur wie der chinesischen weitgehend abwesend, die in ihrer tausendjährigen Entwicklung eher durch eine Konzentration auf die weltliche und gesellschaftliche Realität charakterisiert ist.

Die globale Ausdehnung des Marxismus ist der Beginn seiner internen Spreizung – das ist die Kehrseite seines überwältigenden Sieges. So ist es historisch auch den großen Religionen ergangen. Im Christentum, mit dem Engels wiederholt und nicht ohne Grund die sozialistische Bewegung verglichen hat, entspricht die Teilung in Orthodoxie hier und Protestanten und Katholiken dort mehr oder weniger der Teilung zwischen Ost und West. Zwischen dem Ende des 17. und dem Beginn des 18. Jahrhunderts schien es, als würde das Christentum auch den Fernen Osten erobern. In China erfreuten sich die jesuitischen Missionare eines hohen Ansehens und übten einen bemerkenswerten Einfluss aus. Sie brachten fortgeschrittenes medizinisches und technisches Wissen mit, passten sich zur gleichen Zeit der Kultur des gastgebenden Landes an und huldigten Konfuzius und den Ahnen. Doch auf die Intervention des Papstes, um die ursprüngliche Reinheit der christlich-katholischen Religion besorgt, reagierte der chinesische Kaiser und versperrte den Missionaren fortan die Pforten des Reichs der Mitte. Das Christentum war wohlwollend begrüßt worden, solange es in seine Sinisierung einwilligte und den wissenschaftlichen, sozialen und humanen Fortschritt des Landes beförderte. Es wurde hingegen als Fremdkörper zurückgewiesen, sobald es als eine Religion wahrgenommen wurde, die jenseitiges Heil versprach und keinerlei Respekt gegenüber der Kultur und den bestehenden gesellschaftlichen Bindungen des Landes zeigte.

Etwas Ähnliches ist dem Marxismus widerfahren. Bereits unter Mao betrieb die Kommunistische Partei Chinas eine »Sinisierung des Marxismus« und bezog daraus Kraft im Kampf zu Befreiung von der Kolonialherrschaft, zur Entwicklung der Produktivkräfte, mit der die Unabhängigkeit auch auf ökonomischer und technologischer Ebene gewahrt bleiben sollte, sowie zur »Verjüngung« einer Nation, die beginnend mit den Opiumkriegen ein »Jahrhundert der Demütigungen« erlebte. Die Perspektive auf Sozialismus und Kommunismus wurde dabei von den Anführern der Volksrepublik China mitnichten negiert, sondern mit Stolz verkündet. Jedoch ohne messianische Beimischungen. Deren Verwirklichung sollte in einem langwierigen historischen Prozess erfolgen, in dessen Verlauf die gesellschaftliche Emanzipation nicht von der nationalen zu trennen sei. Die Wächter der doktrinären Orthodoxie kamen aus dem Westen, der westliche Marxismus verleugnete sich.

Das sollte den östlichen Marxismus treffen, der wenig glaubwürdig und schlichtweg banal erschien aus der Sicht eines Marxismus, der sich der Schönheit einer von ihm beschworenen entlegenen und utopischen Zukunft erfreute, deren Beginn ganz und gar unabhängig von irgendwelchen materiellen Voraussetzungen (der geopolitischen Situation oder dem Entwicklungsstand der Produktivkräfte) zu sein schien, sondern einzig eine Frage des revolutionären politischen Willens.

Überwindung des Dogmatismus

Mit Ernüchterung und zunehmender Distanz betrachtete der westliche Marxismus nicht nur China. Der gut zwei Jahrzehnte dauernde Widerstand Vietnams im Kolonialkrieg gegen Frankreich und die USA war mit großer Anteilnahme verfolgt worden. Doch die prosaische Aufgabe des wirtschaftlichen Aufbaus in Vietnam interessiert heute beinahe niemanden mehr. Ebenso löst auch Kuba nicht mehr den Enthusiasmus jener Jahre aus, als die Insel der permanenten Gefahr einer militärischen Aggression durch die USA ausgesetzt war. Jetzt, wo sich diese Gefahr verzogen hat, streben die führenden Kommunisten Kubas danach, die Unabhängigkeit des Landes vor allem auf ökonomischer Ebene zu stabilisieren und zur Verfolgung dieses Ziels sehen sie sich gezwungen, dem Markt und dem Privateigentum einige Zugeständnisse zu machen. Die Insel, die nicht mehr als die Utopie im Werden erscheint, sondern sich vielmehr mit den Schwierigkeiten beim Aufbau einer postkapitalistischen Gesellschaft abmüht, erweist sich in den Augen der westlichen Marxisten als viel weniger faszinierend.

Dem ersten Stadium der antikolonialen Revolution, dem oftmals militärisch geführten Kampf um politische Unabhängigkeit, begegnete der westliche Marxismus mit Sympathie und theoretischem Interesse. In ihrem zweiten Stadium, dem Kampf um ökonomische und technologische Unabhängigkeit, stößt die antikoloniale Revolution bei den westlichen Marxisten auf Desinteresse, Verachtung und Feindseligkeit.

Es war die Unfähigkeit des westlichen Marxismus, jene Wendung des 20. Jahrhunderts zur Kenntnis zu nehmen, die eine Spaltung in zwei Marxismen verursachte. Während sich die Wolken eines neuen kriegerischen Gewitters zusammenschoben, erwies sich diese Spaltung als überaus unglückselig. Die Unterschiede, die zwischen Ost und West bezüglich der Kultur, der ökonomischen, politischen und sozialen Entwicklung und der zu lösenden Aufgaben bestehen, verschwinden nicht einfach. Das sozialistische Ziel kann im Osten nicht abstrahiert werden von der Vollendung der antikolonialen Revolution auf allen Ebenen. Im Westen geht das Erreichen des sozialistischen Ziels nur über den Kampf gegen einen Kapitalismus, der gleichbedeutend ist mit sozialer Polarisierung und wachsender Kriegsgefahr. Dabei ist nicht einleuchtend, warum diese Unterschiede einen Antagonismus darstellen sollen. Zumal der Bann, den der westliche Marxismus über den östlichen verhängt, nicht das Ende der Exkommunizierten befördert, sondern das der Protagonisten der Exkommunikation. Die Überwindung jeder doktrinären Haltung sowie die Bereitschaft, sich am eigenen Zeitalter zu messen und sich philosophisch statt prophetisch zu verhalten, sind die Bedingungen, unter denen der Marxismus im Westen wiederbelebt werden und sich weiterentwickeln kann.

Übersetzung aus dem Italienischen: Daniel Bratanovic

https://www.jungewelt.de/artikel/335347.zwei-marxismen.html