20.03.2018 / Feuilleton / Seite 10

Sägen an der Treppe

Underground ist Realismus, nichts anderes: Eine Diskussion um »Lyrik und Punk« an der Berliner Akademie der Künste

Kristof Schreuf

Die stellvertretende Präsidentin der Berliner Akademie der Künste, Kathrin Röggla, wendet den Kopf schnell nach links, dann ebenso schnell nach rechts und wieder zurück, als würde ihr Blick dem Flug eines Balls bei einem Tennisspiel folgen. Tatsächlich spielen sich die mit der Moderatorin auf dem Podium sitzenden Diskussionsteilnehmer, der Autor und Radioredakteur Ronald Galenza, der Dichter Bert Papenfuß, der Musiker Ronald Lippok sowie der Künstler und Musiker Wolfgang Müller, den Ball zu, indem sie sich über ihre Anfänge als Kultur(anders)macher austauschen.

In der Akademie der Künste ging es am vergangenen Freitag abend um das Thema »Lyrik und Punk«, passend zur gegenwärtigen Ausstellung »Underground und Improvisation«. Dazu hatten die Herren auf dem Podium viel über die siebziger und achtziger Jahre zu erzählen. Der eine ergänzt kollegial die Erinnerung des anderen: »Diese halb legale Kneipe«, fragt Lippok in die Runde, »wie hieß die noch mal?« – »Die Insel«, sagt Galenza. »Und wie hieß dein wunderbarer Kollege beim Radio?« – »Lutz Schramm.«

Viele weitere Namen von Orten und Leuten fallen in schneller Folge: Monika Döring, eine legendäre Veranstalterin, die im Publikum sitzt, Cornelia Schleime, bildende Künstlerin oder Dagmar Dimitroff von Die Tödliche Doris, Müllers Band aus Westberlin. Mit diesen Namen verbinden sich damalige Aufbrüche und deren heutige Historisierung. Die hörbare Begeisterung, in der Akademie beides verbinden zu können, lässt den Redefluss der Diskussionsteilnehmer immer freudiger strömen. Manchmal beschleunigen sie ihr Sprechen, als fürchteten sie, dass ihnen mitten im Satz ihr Herz stehenbleiben oder beim Atemholen der Himmel auf den Kopf fallen könnte.

Ihr Enthusiasmus beim Blick zurück lässt sich auch als Zuhörer nachvollziehen, denn ihre alten Geschichten spornen noch immer an. Eine dreht sich um ein Treppengeländer an einem öffentlichen Platz, aus welchem Lippoks Bruder Robert ein Stück heraussägte, um es als Musikinstrument zu benutzen. Müller dagegen besorgte sich »möglichst billige Instrumente, die entsprechend schlecht klangen. Mit denen sind wir ins Studio gegangen, um sie noch schlechter klingen zu lassen. Zum Abmischen unserer Aufnahmen haben wir einen Gehörlosen dazugeholt.«

Um Lesungen interessanter zu gestalten, weil dabei wenig passiere, außer dass »jemand lange und fast regungslos neben einem Glas Wasser und vor einem Buch sitzt«, wie es Galenza beschreibt, trug Papenfuß Texte vor, während zwei E-Gitarristen Akkorde unangespitzt in den Boden rammten. Dieser »Arbeit mit Irritationen« (Papenfuß) ging man nicht allzu offensichtlich nach. Denn auf vieles, was stattfand, wollten offizielle Stellen nur allzugern den Stempel »illegal« aufdrücken, weshalb sich Aufführende und ihr Publikum in der DDR an vermeintlich harmlosen Orten, auf Dachböden oder in Gartenhäusern einfanden. Dort begannen Freundschaften, während andere endeten. »Die einen waren halt kreativ«, beschreibt Galenza die damaligen sozialen Annäherungen und Entfernungen im Osten, »die anderen wollten lieber nur Bier trinken.«

Trennungen vollzogen sich allerdings nicht nur privat. Papenfuß spricht etwa von seinem Schock, erkannt zu haben, dass »Sozialismus und DDR nicht zusammengehören«. Es sei zu »legendären Konzerten« gekommen. Wer später Mitschnitte davon hörte, den durchfuhr es abermals, aber jetzt, weil es damals so vergleichsweise ruhig und unspektakulär zuging. Der Grund dafür lag darin, dass, wie Lippok im nachhinein staunt, die Zuhörer »weniger mit der Musik und vielmehr mit sich selbst beschäftigt« waren.

Die Moderatorin Röggla möchte gerne erfahren, wie sich »Underground« heute definieren lassen könnte. Müller schlägt darauf ebenso verblüffend wie einleuchtend vor, Underground ohne viel Federlesen mit »Realismus« gleichzusetzen. Was ja auch bedeutet, dass der Overground bzw. der Mainstream mit der Wirklichkeit oder auch nur mit der Bereitschaft sich Dinge anzuschauen, wie sie tatsächlich sind, wenig zu tun hat. Underground würde demnach bedeuten, dem Eskapismus zu entfliehen.

Für Papenfuß liegt es auf der Hand, dass auch die erfolgreichsten Mainstreamautoren bis auf sehr wenige Ausnahmen dem Vergessen anheimfallen. Bei der Avantgarde, der Subkultur oder eben dem Underground ließe sich für die eigenen Bemühungen heute viel mehr herausholen. Mainstream wird vergessen, Underground bleibt in Arbeit und damit im Gedächtnis.

Dass die Beschäftigung mit diesem so oft inoffiziellen, häufig illegalen, ökonomisch kaum eine Rolle spielenden Bereich der Kunst tatsächlich immer wieder einen Blick über sich hinaus erlaubt, zeigt sich, als Röggla zum Schluss wissen will, weshalb in den letzten Jahren in etlichen Städten in Deutschland und in Österreich Ausstellungen zum Thema Underground zu sehen waren. Müller bemerkt darauf schmunzelnd: »Weil das Fernsehprogramm so schlecht ist.«

https://www.jungewelt.de/artikel/329367.sägen-an-der-treppe.html